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Panzer-„Tabu“ gebrochen: Liefert der Westen bald noch mehr? Experte denkt sogar an Kampf-Flugzeuge

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Von: Patrick Freiwah

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Deutschland liefert der Ukraine nun Schützenpanzer. Ein Militärexperte äußert sich zu Nutzen und Eskalationsgefahr. Weitere Forderungen könnten folgen.

Berlin/Kiew - Über Monate hat Deutschland diskutiert, ob im Krieg zwischen der Ukraine und Russland auch schweres Schützengerät westlicher Bauart den Weg in das Kampfgebiet finden sollte. Frankreich, Deutschland und die USA haben nun eine Kehrtwende vollzogen: Kiew sollt Schützenpanzer erhalten.

Militärexperte Carlo Masala von der Bundeswehr-Universität in München begrüßt die angekündigte Lieferung von schwerem Kriegsgerät an die Ukraine als „richtige Entscheidung“ – und sprach von einem „Tabubruch“. Seiner Ansicht nach wäre die Ukraine in der Auseinandersetzung mit Russland schon weiter, wären Schützenpanzer wie der Marder bereits früher bewilligt worden, berichtet merkur.de.

Ukraine erhält Panzer westlicher Bauart: Bundeswehr-Professor sieht darin Zwischenschritt

In einem ZDF-Interview rügte Masala jedoch, dass es sich bei dem angekündigten Material immer noch nicht um richtige „Kampfpanzer“ handelt, etwa im Sinne des Leopard II oder eines M1 Abrams der US-Armee. Sogar MIG-29, sowjetische Kampfjets, könnten aber an die Front geliefert werden, sagte er: „In zwei Monaten reden wir möglicherweise über Kampfflugzeuge und Kampfpanzer.“ Welche Vorteile das bringen könnte, hatte kürzlich Militärexperte Gustav Gressel bei Merkur.de erläutert.

Am Vortag hatte die Bundesregierung mitgeteilt, sie werde nun auch Schützenpanzer vom Typ Marder und ein Patriot-System an die krisengebeutelte Ukraine liefern. Zugleich stelle die Regierung der USA Panzer vom Typ Bradley zur Verfügung. Gefallen ist diese Entscheidung nach einem Telefonat zwischen US-Präsident Joe Biden und Bundeskanzler Olaf Scholz. Zuvor hatte bereits Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angekündigt, „leichte Panzer“ für die Ukraine bereitzustellen (zum News-Ticker). Die USA haben mittlerweile auch die Lieferung des Luftabwehrraketen-Systems Sea Sparrow bekannt gegeben.

Für Bundeswehr-Professor Carlo Masala kommen die Schützenpanzer-Lieferungen an die Ukraine zu spät
Für Bundeswehr-Professor Carlo Masala kommen die Schützenpanzer-Lieferungen an die Ukraine zu spät. © Screenshot: ZDF-Mediathek

Die Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte an den bald gelieferten Panzern sollte nach Ansicht Masalas optimalerweise im ersten Quartal 2023 abgeschlossen sein. „Zeit ist hier der kritische Faktor“ führte der Bundeswehrexperte und Beraters des Verteidigungsministeriums aus und prognostiziert, dass beide Armeen im Frühjahr Offensiven planen.

Waffenruhe in der Ukraine? Masala hält Russlands Ankündigung für „Finte“

Eine Waffenruhe - welche die Ukraine bis dato noch ablehnt - sieht auch Masala kritisch. Vor allem Russland würde dies „Zeit bringen, Waffen und Munition in Ruhe an die Front zu befördern“, so der 54-Jährige. Feuerpausen seien zugleich „unglaublich brüchig“, es brauche nicht viel, damit die Gefechte weitergehen.

Der Professor für internationale Politik glaubt, es handele sich bei der von Wladimir Putin und Russland mit Blick auf das orthodoxe Weihnachtsfests angekündigten Waffenruhe „um eine Finte“. Ob diese These zutrifft? Unklar. Der russische Präsident gilt als gläubiger russisch-orthodoxer Christ und setzt sich jedenfalls diesbezüglich oft in Szene.

Etwas überraschend räumte Masala im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland ein, dass die geplanten Panzerlieferungen aus den USA, Frankreich und Deutschland aus seiner Sicht „nicht kriegsentscheidend seien“. „Aber die Gegenoffensiven der Ukrainer im Osten und im Süden werden erleichtert“, führte der Politikwissenschaftler aus.

Ukraine-Krieg: Hofreiter ruft nach schweren Panzern - Seitenhieb von Hahn für Scholz

Derweil hat Anton Hofreiter, Vorsitzender des Europaausschusses des Bundestages, weitere militärische Unterstützung für Kiew gefordert: „Die Strategie müsste sein, dass wir die Ukraine mit allem unterstützen, was sie auf dem Gefechtsfeld braucht“, sagte der Grünen-Politiker im ARD-„Morgenmagazin“. Dazu gehöre „deutlich mehr“ als die nun zugesagten Waffen.

Florian Hahn, verteidigungspolitischer Sprecher der oppositionellen Union, nutzte die Kehrtwende der Bundesregierung derweil für einen Seitenhieb in Richtung Kanzler: „Die einzig richtige Entscheidung, die leider erst sehr spät kommt. Wäre der Druck auf Olaf Scholz von allen Seiten nicht so immens gewesen, hätten er und die SPD sich wohl nie bewegt“, twitterte der CSU-Bundestagspolitiker. Er forderte nun, kurz vor der CSU-Klausur in Seeon, „die Lieferung von Kampfpanzern wie dem Leopard 1“.

Ukraine-Krieg: Eskalation zwischen Westen und Russland? „Nicht notwendigerweise“

Unter dem Twitter-Posting des „ZDF heute-journal“ zum Interview mit Masala entzündete sich indes wenig überraschend eine heftige Debatte. Einige Nutzer befürworten die Kehrtwende, andere hängten sich besonders an der Bemerkung Masalas auf, die neue Dimension der Waffenlieferungen gegen Russland muss „nicht notwendigerweise eine Eskalation bedeuten“. Ausgewählte Reaktionen der verschiedenen Lager:

Die Waffenruhe durch Russland und Putin hat derweil begonnen – Ex-Kreml-Chef Dmitri Medwedew wettert über Annalena Baerbock und den „europäischen Schweinestall“. (PF)

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