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„Niemand gibt uns etwas zu essen, Mama“: Anrufe von russischen Soldaten geleakt

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Von: Sebastian Richter

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Manche russischen Soldaten schmuggeln im Ukraine-Krieg Handys an die Front. Damit rufen sie bei ihren Angehörigen an – und geben Informationen preis.

Kiew – Die Umstände für die russischen Truppen in der Ukraine sind schlecht. Es fehlt an Munition, die Kälte des Winters macht den Soldaten zu schaffen, die Moral leidet. Wie schlimm die Verhältnisse für die Soldaten im Ukraine-Krieg sind, machen abgefangene Anrufe der Soldaten in die Heimat deutlich. Das ukrainische Militär hat diese Anrufe abgehört und die Mitschnitte der englischen Zeitung Guardian zugespielt.

„Niemand gibt uns etwas zu essen, Mama“, sagt ein Soldat namens Andrej in einem der Telefonate. Er soll am 8. November seine Mutter aus der Ostukraine angerufen haben. „Unsere Versorgung ist beschissen, um ehrlich zu sein. Wir holen Wasser aus Pfützen, dann filtrieren wir es und trinken es.“ Mit dem Anruf setzte er sich über die Befehle seiner Vorgesetzten hinweg – Handys sind nicht zugelassen, Berichte von der Front an die Familie zu Hause streng verboten.

Ein russischer Soldat in einer befestigten Stellung. (Archivbild)
Ein russischer Soldat in einer befestigten Stellung. (Archivbild) © IMAGO/Dmitry Makeev

Ukraine-Krieg: Anrufe von russischen Frontsoldaten in die Heimat

Stationiert war der Mann laut Guardian in der Nähe von Lyman, nicht weit von der seit Monaten heftig umkämpften Stadt Bachmut. Zum Zeitpunkt des Anrufes waren die russischen Truppen in dieser Gegend in der Defensive. Lyman wurde im Mai von Russland eingenommen, das ukrainische Militär befreite die Stadt im Oktober.

Zwei Tage vor dem Anruf soll Russland „endlich“ damit begonnen haben, ukrainische Stellungen mit Phosphorbomben zu beschießen, wie Andrej seiner Mutter erzählt. Aber Versprechen zu mehr Munition blieben bisher leer. „Wo sind die Raketen, mit denen Putin geprahlt hat?“, fragte er. „Direkt vor uns steht ein Hochhaus. Unsere Soldaten können es nicht beschießen. Wir brauchen einen Kaliber-Marschflugkörper und das war‘s.“ Wie es Andrej heute geht, ist nicht bekannt. Der Guardian machte die Mutter ausfindig und rief sie an. Ihr Sohn sei nicht bei ihr, sagte sie nur, dann brach sie in Tränen aus und legte auf.

Ukraine hört tausende Gespräche von russischen Soldaten mit

Auch ein Kamerad von Andrej rief seinen Vater an. Seine Berichte klingen ähnlich. „Verstärkung: nein; Kommunikation: nein“, antwortete der Soldat auf die Frage des trauernden Elternteils nach dem Status der Männer, die einen ukrainischen Angriff überlebt hatten. „Sie sagten, wir dürften uns nicht zurückziehen. Sonst könnten wir erschossen werden.“ Dieses Gespräch soll am 6. November stattgefunden haben.

In einer dritten Aufzeichnung telefoniert ein Soldat in der Region Donezk mit seiner Frau. Er sei mit drei anderen geflohen und überlege, sich zu ergeben. „Ich liege in einem Schlafsack, bin nass, huste und bin total kaputt“, sagt er. „Wir durften alle abgeschlachtet werden.“

Tausende Gespräche der russischen Soldaten haben die ukrainischen Fachleute abgehört. Vor allem zu Beginn des Krieges stellte das Abhören kein großes Problem dar: Russland benutzte offene Frequenzen, auch Amateuren soll es gelungen sein, selbst beim russischen Militär Telefonate mitzuschneiden.

Ukraine-Krieg: Russische Soldaten geben wichtige Informationen preis

Nicht nur den Zustand der feindlichen Truppen erfährt die Ukraine durch die Abhöraktionen, wie ein ehemaliger Verteidigungsbeamter gegenüber dem Guardian berichtet. Die Ukraine sammelt so Informationen über Schwächen des russischen Militärs, außerdem geben manche Soldaten auch ihren Standort preis – was ihnen letztendlich selbst gefährdet werden kann. Dass sich die russischen Soldaten diesem Risiko nicht bewusst sind, liege an der mangelhaften Ausbildung, so der Beamte.

Vor allem durch Putins Teilmobilisierung werde sich die Situation noch weiter verschlechtern. „Die Soldaten erhalten einen schnellen Crash-Kurs darüber, wie sie sensible Informationen nicht weitergeben dürfen, aber das ist nur Show“, so der Beamte. „Die Kommandeure tun so, als würden sie [den Kurs] unterrichten, und die Soldaten tun so, als würden sie zuhören.“ Gleichzeitig werde die ukrainische Armee seit Jahren von der Nato ausgebildet. Derart weitreichendes Abhören der Kommunikation komme von der anderen Seite nicht vor. (Sebastian Richter)

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