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Ukraine-Krieg: Hälfte der russischen Streitkräfte außer Gefecht? Soldaten „nur Kanonenfutter“

  • Jan-Frederik Wendt
    VonJan-Frederik Wendt
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Seit mehr als fünf Monaten herrscht Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Putins Armee könnte viel geschwächter sein, als bislang angenommen.

Kiew/Moskau - Im Ukraine-Konflikt findet Russland offenbar nicht genügend Soldaten, die freiwillig in den Krieg ziehen. Berichte über Zwang, Einschüchterungen und Rekrutierungen in Gefängnissen häufen sich. „Ich weiß nicht, wo mein Sohn ist, bitte helfen Sie mir“, spricht eine Soldaten-Mutter aus der russischen Republik Burjatien in ihre Handykamera. Ihr Sohn habe um Entlassung aus dem Kriegsdienst gebeten. Sein Antrag sei abgelehnt worden. Nun sitzt er in einem Untersuchungsgefängnis, sagt seine Mutter in dem Telegram-Video. Seitdem habe sie nichts mehr von ihm gehört.

Informationen über die Anzahl der getöteten russischen Soldaten unterscheiden sich: Das britische Verteidigungsministerium spricht von 25.000 getöteten Soldaten, die amerikanische CIA von 15.000. Die Ukraine schätzt, dass 40.000 russische Soldaten gefallen sind. „Von außen ist es schwer, eine genaue Zahl russischer Verluste zu bestimmen“, sagt Andás Rácz, Sicherheitsexperte und Russland-Analyst der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik gegenüber welt.de. „Aber aus verschiedenen Hinweisen lässt sich ein relativ klares Bild konstruieren“, sagt Rácz. Und dieses Bild besage: Die russische Armee kämpft mit erheblichen Personalprobleme.

Russland kämpft im Ukraine-Krieg mit vielen Problemen

So würde Russland zu einem großen Teil die russische Nationalgarde Rosgwardija einsetzen – eine Truppe, die eigentlich für Inlandseinsätze ausgebildet ist und nicht für das Schlachtfeld. Auch der exzessive Einsatz der Söldnertruppe Wagner – einer kostspieligen privaten Eliteeinheit – lasse darauf schließen, dass Wladimir Putin reguläre Soldaten fehlen. Zudem sei gut dokumentiert, dass die russische Armee viel Kriegsgerät verloren hat. „Und Verlust von Kriegsgerät heißt in der Regel auch Verlust von Soldatenleben.“

Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates während einer gemeinsamen Pressekonferenz  im März 2022.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (vorne) empfängt im März 2022 hohen Besuch (von links): Jaroslaw Kaczynski (Vize-Ministerpräsident von Polen), Petr Fiala (Ministerpräsident der Tschechischen Republik), Janez Jansa (Verteidigungsminister von Slowenien), Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident von Polen) sind zu Gast in Kiew. © imago-images
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha. Flankiert wird sie vom slowakischen Ministerpräsidenten Eduard Heger (links) und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell (rechts).  © SERGEI SUPINSKY/AFP
Wolodymyr Selenskyj (links) und Karl Nehammer in Kiew am 09. April 2022
Selenskyj traf sich mit dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer für bilaterale Gespräche. © imago
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken. © AFP PHOTO / the Ukrainian Presidential Press Service
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka.
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka. © Jakub Szymczuk/dpa
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj zu treffen.
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj (Mitte) zu treffen (von links): Gitanas Nauseda (Litauen), Andrzej Duda (Polen), Egils Levits (Lettland) und Alar Karis (Estland). © Jakub Szymczuk/Kprp/dpa
Der US-Verteidigungsminister und der US-Außenminister trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew.
Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links in der Mitte) und der US-Außenminister Anthony Blinken (rechts daneben) trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew. © Ukraine President s Office/imago
Während dem Besuch des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an.
Während des Besuchs des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an. © AFP PHOTO/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko in Kiew.
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko (rechts) in Kiew.  © Efrem Lukatsky/dpa
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche.
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche. © Michael Schlick/dpa
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew.
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew. © Pavlo_Bagmut/imago
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem unbekannten Soldaten die Hand schüttelt
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem Soldaten die Hand schüttelt. © SERGEI SUPINSKY/AFP
Die Band U2 signiert eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besucht.
Bono (Mitte) und The Edge (Zweiter von links) von der Band U2 signieren eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besuchen. © SERGEI CHUZAVKOV/AFP
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine.
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine. © Efrem Lukatsky/dpa
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat Mitch McConnell im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew.
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew. © Ukraine Presidency/imago

Rácz vermutet, dass mindestens 20.000 russische Soldaten gestorben sind. Und die Faustregel besage: Auf jeden getöteten Soldaten kommen drei Verletzte. In diesem Szenario wären 80.000 Soldaten außer Gefecht gesetzt – und damit fast die Hälfte der ursprünglich eingesetzten Streitkräfte.

Vieles spreche dafür, dass Russland gerade verzweifelt versucht, Truppennachschub zu beschaffen. Mitte Juli wies der Kreml alle 85 Regionen Russlands an, Freiwilligenbataillone aufzustellen. Zudem hat das russische Parlament die Altersobergrenze für Vertragssoldaten angehoben. Der Internetplattform „The Insider“ zufolge werden in der russischen Republik Tschetschenien Männer unter Druck gesetzt, Vertragssoldaten zu werden. Junge Einheimische würden eingeschüchtert und mit Gewalt bedroht.

Ukraine-Krieg: Warum Putin eine Generalmobilmachung scheut

Videos in sozialen Netzwerken zeigen angeblich, wie Mitglieder der Wagner-Gruppe Söldner rekrutieren. „Sollte das wahr sein, weist dieser Schritt wahrscheinlich auf Schwierigkeiten beim Ersetzen der erheblichen russischen Verluste hin“, heißt es vom britischen Verteidigungsministerium.

In den besetzten Gebieten in der Ostukraine werden Soldaten ohnehin schon für den Ukraine-Krieg zwangsrekrutiert. „Diese Leute haben kaum Training, kaum Motivation, keine richtige Ausrüstung. Sie sind wirklich nur Kanonenfutter“, sagt Rácz. Für Putin sei das eine sehr kostspielige Strategie: Nicht nur die Zwangsrekruten und ihre Familie würden leiden, auch das Ansehen Russlands in diesen Gebieten.

Ukraine-Krieg: Russland kämpft offenbar mit großen Personalproblemen (Symbolfoto).

Dennoch scheue Russlands Präsident eine Generalmobilmachung. Diese sei das Eingeständnis, dass der Einsatz in der Ukraine mehr als nur eine „Spezialoperation“ sei – und dass Russlands Armee mit erheblichen Problemen kämpfe. Offiziell meldet der Kreml keine Verluste russischer Soldaten mehr. Bei einer Generalmobilmachung wäre plötzlich die gesamte Gesellschaft involviert – und die Stimmung könnte dann schnell kippen. (Jan Wendt)

Unterdessen ist eine russische Geheimdienst-Operation im Ukraine-Krieg aufgeflogen.

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