1. Startseite
  2. Politik

„Tiefgreifende“ Probleme in Russlands Militärführung – „Wie in Reality-TV-Show“

Erstellt:

Von: Nail Akkoyun

Kommentare

Ein Experte analysiert das „Chaos“ rund um dem ständigen Umbau der russischen Armeeführung.

Washington, D.C./Moskau – Informationen des Pentagons zufolge dürfte es im russischen Militär „weiterhin tiefgreifende Führungswechsel“ geben. Zuletzt hatte Wladimir Putin den General der russischen Luft- und Raumfahrtkräfte, Sergej Surowikin, durch General Waleri Gerassimow als Oberbefehlshaber der „militärischen Spezialoperation“ in der Ukraine ersetzt.

Der Staatssekretär für US-Verteidigungspolitik, Colin Kahl, spricht nun von purer Desorganisation innerhalb des russischen Militärapparats von Verteidigungsminister Sergej Schoigu. „Zuerst hatten sie keinen wirklichen Oberbefehlshaber, dann haben sie Surowikin befördert, dann gab es offensichtlich Meinungsverschiedenheiten zwischen Surowikin und Gerassimow und Schoigu. Also haben sie Surowikin degradiert und Gerassimow an die Spitze gesetzt“, sagte Kahl am Mittwoch (18. Januar) vor Journalist:innen.

Russland im Ukraine-Krieg: „Tiefgreifende“ Probleme in Militärstruktur

Das Hin und Her in Moskau erinnere eher an „eine Reality-TV-Show“ als an eine Armee. Russland habe offenbar „immer noch nicht herausgefunden, wie sie den Kampf führen wollen“. Man gehe in Washington davon aus, dass die Dysfunktionalität innerhalb der russischen Befehlsstruktur „nach wie vor ziemlich tiefgreifend ist“, erklärte Kahl.

Wladimir Putin, Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Waleri Gerassimow (r.) beaufsichtigen Militärübungen. (Archivfoto)
Wladimir Putin, Verteidigungsminister Sergej Schoigu und Waleri Gerassimow (r.) beaufsichtigen Militärübungen. (Archivfoto) © Mikhail Klimentyev/Imago

Russlands Armee neu organisiert: Gerassimow löste „General Armageddon“ ab

Surowikin hatte erst Anfang Oktober 2022 die Leitung der russischen Truppen übernommen. Zuvor war er jahrelang Befehlshaber der russischen Streitkräfte in Syrien. Dort machte er sich aufgrund seiner Rücksichtslosigkeit und brutalen Taktik – einschließlich der schweren Bombardierung der syrischen Stadt Aleppo – als „General Armageddon“ einen Namen.

Surowikin hatte vor kurzem groß angelegte Drohnen- und Raketenangriffe auf ukrainische Städte und deren Energieinfrastruktur geleitet. Gleichzeitig zog er russische Soldaten aus der Stadt Cherson ab und verstärkte angesichts der ukrainischen Gegenoffensive die Verteidigungsstellungen, wie etwa die Washington Times berichtete.

Aus dem Kreml hieß es, die Ersetzung Surowikins durch Gerassimow ziele darauf ab, „einen engeren Kontakt zwischen den verschiedenen Teilstreitkräften zu organisieren“. Zudem muss laut einer Pressemitteilung „Qualität und Effektivität des Managements der russischen Streitkräfte“ verbessert werden.

Ukraine-Krieg: Russlands Personalrochaden Zeichen für „gewisses Chaos in der Führung“?

Rob Lee, Militärforscher am King’s College in London, mutmaßte auf Twitter, dass Surowikin immer mächtiger geworden sei und „Schoigu und Gerassimow wahrscheinlich übergangen“ habe. Kahl bot eine simplere Erklärung: organisatorische Verwirrung auf höchster Ebene. „Meine Einschätzung ist, dass Gerassimows Beförderung und die Art und Weise, wie sie geschah und wie Surowikin zurückgedrängt wurde, ein Zeichen für ein gewisses Chaos in der Führung ist“, sagte er.

Zudem merkte Kahl an, dass nach wie vor nicht klar sei, wer in der russischen Armee – neben Putin – das Sagen habe. „Gerassimow mag der Oberbefehlshaber der Streitkräfte sein, aber ist er auch für die Wagner-Truppen verantwortlich?“, fragte der US-Beamte. Tatsächlich sind es Söldner der Wagner-Gruppe, die sich seit Wochen heftige Kämpfe mit der ukrainischen Armee in Bachmut und Soledar liefern – und ihrem Chef Jewgeni Prigoschin langsam aber sicher zunehmend mehr Macht bescheren. (nak)

Auch interessant

Kommentare