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Putin vor „Katastrophe“: Rekruten gehen völlig unvorbereitet in Ukraine-Krieg

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Von: Tim Vincent Dicke

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In Russland läuft die Teilmobilmachung für den Ukraine-Krieg. Ein Experte sieht eine „Verzweiflungstat“ des Kreml-Chefs, ihm drohe eine „Katastrophe“.

Moskau – Als Wladimir Putin die Teilmobilmachung in Russland verkündete, wuchs die Sorge vor einem möglichen Wendepunkt im Ukraine-Krieg. Bis dato war es nur schleppend für die Kreml-Truppen gelaufen, der Präsident will mit 300.000 zusätzlichen Soldaten das Blatt zu seinen Gunsten drehen. Doch können die zwangsrekrutierten Kämpfer wirklich für entscheidende Veränderungen sorgen?

Fachleute sehen die russische Entscheidung kritisch. Schließlich handelt es sich bei den mobilisierten Soldaten oftmals um militärisch schlecht ausgebildete Männer, die plötzlich aus ihrem normalen Leben in Russland gerissen werden. „Ich glaube, ihnen droht eine weitere Katastrophe“, sagte der US-Generalleutnant Russel Honoré dem Nachrichtenmagazin Newsweek.

Der Militär-Experte deutet die Teilmobilmachung nicht als gut durchdachte Entscheidung, sondern als Panikreaktion des Kreml-Chefs: „Putin hat bereits die besten Einheiten geschickt, die er zu bieten hat, und das war nicht genug. Wenn man anfangen muss, Leute von der Straße zu holen, um zu versuchen, die Situation zu stabilisieren, sieht das wie eine Verzweiflungstat aus.“

Ukraine-Krieg: Rekruten werden von Russland schlecht behandelt

Die russische Führung spricht davon, dass nur Männer einbezogen werden, die bereits militärische Vorerfahrung haben. „Es geht hier konkret um eine Teilmobilisierung, das heißt, nur Bürger, die sich derzeit in der Reserve befinden, werden zum Militärdienst einberufen, und zwar vor allem diejenigen, die in den Reihen der Streitkräfte gedient haben und über bestimmte militärische Fachkenntnisse und einschlägige Erfahrungen verfügen“, sagte Wladimir Putin in seiner Rede am 21. September.

Russische Rekruten warten auf einem Bahnhof in der russischen Region Wolgograd auf einen Zug.
Insgesamt 300.000 Rekruten sollen für Putin in den Ukraine-Krieg ziehen. © dpa

Videos in sozialen Netzwerken deuten jedoch darauf hin, dass die Rekruten kaum vorbereitet sind und eine niedrige Kampfmoral aufweisen. Es tauchen Clips auf, in denen betrunkene Soldaten zu sehen sind, teilweise liefern sie sich Faustkämpfe gegeneinander. Zu diesen Entwicklungen trägt offenbar der Umstand bei, dass Russland viele der mobilisierten Soldaten miserabel behandelt.

Kürzlich veröffentlichte ein Kämpfer aus Russland Aufnahmen aus einer Baracke, in der er und seine eingezogenen Kameraden untergebracht sind: Die Toiletten sind verstopft, der Boden mit Kot verschmiert, überall liegen Berge an Müll herum. „Wir können keinen einzigen Offizier finden, der uns Antworten auf die Frage gibt, was hier los ist“, beschwert sich der Russe.

Effektivität der Teilmobilmachung „sehr fraglich“

In einem anderen Video kann man eine Militär-Vorgesetzte sagen hören, Rekruten sollten Tampons mit in den Ukraine-Konflikt bringen, da die russische Armee kaum noch medizinische Vorräte übrig habe. „Wisst ihr, wofür die Tampons sind?“, fragt sie in die Menge der Männer, um dann selbst zu antworten: „Man steckt es direkt in die Schusswunde und das war’s.“ Die Echtheit der Aufnahmen lässt sich nicht unabhängig überprüfen.

Die Art, wie die Teilmobilmachung durchgeführt wird, sorgt bei Militär-Fachmann Russel Honoré für Kopfschütteln. „In der US-Armee verbringen wir mindestens zwölf Wochen damit, neuen Soldaten die Grundlagen beizubringen, und dann dauert es mehrere Monate, sie als Einheiten auszubilden“, so der US-Amerikaner gegenüber Newsweek. „Aber wenn man sich die russische Vorgehensweise ansieht, denke ich, dass sie sie in Stiefel stecken und sie mit Offizieren zusammenbringen, die sie ohne angemessene Vorbereitung an die Front schicken werden. Die Effektivität dieser Einheiten auf dem Schlachtfeld ist sehr fraglich.“

Russischer Rekrut kapituliert in der Ukraine sofort

Vor wenigen Tagen berichtete Anton Geraschtschenko, ein Berater des ukrainischen Innenministers, über den Fall eines russischen Zwangsrekruten, der innerhalb von kürzester Zeit kapituliert haben soll. Der Soldat sagte, dass er bereits am dritten Tag in der Ukraine gefangen genommen worden sei – den Kommandeur seiner Einheit habe er nur ein einziges Mal gesehen. (tvd)

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