1. Startseite
  2. Politik

„Hooligans“ in Tschernobyl: Russlands Terror in der AKW-Gegend

Erstellt:

Von: Andreas Schmid

Kommentare

Rund einen Monat belagerten russische Soldaten die Gegend rund um Tschernobyl, nun sind sie weg. Es bleiben zerstörte Häuser und verstrahlte Truppen.

Prypjat - Kurz nach ihrem Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar besetzten russische Truppen die einwohnerarme Region Tschernobyl. Nach der verheerenden Atomkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 haben viele Menschen die Gegend nördlich von Kiew* verlassen. Der Bereich um die havarierten Reaktoren ist Sperrgebiet. Jene, die geblieben sind, erlebten nun einen Monat lang die Besetzung Russlands.

Mittlerweile sind die russischen Truppen abgezogen und gen Osten gebracht. Russland will sich fortan auf den Donbass konzentrieren. Die Narben in Tschernobyl bleiben dennoch. „Das waren Hooligans“, schildert ein Bewohner dem britischen Guardian.

Ukraine-Krieg: Russische Soldaten in Tschernobyl verstrahlt

Als das russische Militär über die Geisterstadt Prypjat die Reaktoren von Tschernobyl erreichte, habe es nicht lange gedauert, bis das frühere Katastrophen-AKW unter russischer Kontrolle gewesen sei. In dem Kernkraftwerk arbeiten rund 100 Expertinnen und Experten, die die Strahlung vor Ort überwachen. Die russischen Truppen entwaffneten laut ukrainischen Angaben 169 ukrainische Soldaten, die im Kraftwerk stationiert waren, und nahmen das technische Personal, 103 Personen, fest.

Sie richteten eine Kommandozentrale ein und begannen mit dem Ausheben von Befestigungsanlagen, darunter Panzersperren, Schützengräben und eine unterirdische Küche. Für 1.000 Soldaten wurde Tschernobyl zur Heimat. Dass diese Operation gefährlich ist, schien dem Kreml entweder nicht bekannt oder - und davon ist eher auszugehen - egal. Mehrere russische Soldaten wurden offenbar radioaktiv verseucht. Sie sollen keine Schutzausrüstung bekommen haben und nicht von Russland über die Gefahren aufgeklärt worden sein.

„Wir haben ihnen gesagt, dass sie das nicht tun sollten, dass es zu gefährlich ist – aber sie haben uns ignoriert“, sagte Tschernobyl-Ingenieur Walerij Semjonow der US-Zeitung New York Times. Die Soldaten schliefen in der Sperrzone in der Nähe von Pryprat. Der Leiter der Sperrzone, Jewhen Kramarenko, meinte: „Wir glauben, dass sie die Folgen der Strahlung, die sie erhalten haben, spüren werden. Manche früher, manche später.“

Ein russischer Panzer in der Sperrzone von Tschernobyl.
Ein russischer Panzer in der Sperrzone von Tschernobyl. © Komsomolskaya Pravda/Imago

Tschernobyl: „Die Russen haben alles mitgenommen“

Russland soll aber auch die Landbevölkerung in der Nähe Tschernobyls angegriffen haben. Gefechte gab es zum Beispiel in Iwankiw unweit des Kontrollpunkts Tschernobyl. Gegenüber dem Guardian schildert eine zweifache Mutter, wie sie sich mit ihren Kindern und ihrer Mutter im Wald versteckt habe. Als eine ihrer Töchter Fieber bekommen habe, sei sie in ihr Haus zurückgekehrt. Russische Soldaten hatten es aufgebrochen.

„Das Haus war ein einziges Durcheinander. Sie haben alles mitgenommen“, erzählt die Frau. „Gold, meinen Laptop, Karteikarten und unser gesamtes Geschirr, einschließlich der Bratpfanne. Ich sagte: ‘Man sieht, dass hier Kinder leben. Warum habt ihr das getan?‘ Sie sahen ein wenig schuldbewusst aus und starrten auf ihre Stiefel. Sie haben auch unser Stromkabel durchgeschnitten.“ Auf ihren Kühlschrank hätten die Soldaten „Ruhm für Russland“ gekratzt. „Wir hatten große Angst“, sagte sie dem Guardian. „Am 31. März sind sie dann plötzlich abgereist.“

Ukraine-Krieg: AKW-Beschäftigte offenbar nach Russland verschleppt

Mit dem Abzug russischer Truppen verschwanden offenbar auch Mitarbeiter des Kernkraftwerks. Die Ukraine wirft Russland vor, die Belegschaft von Tschernobyl fast einen Monat lang als Geiseln im Bombenschutzkeller des Gebäudes festgehalten und dann gewaltsam nach Russland gebracht zu haben*. Einige Beschäftigte seien verschwunden. „Es bekümmert uns“, sagte Ingenieur Semjonow dem russischsprachigen Ableger des britischen Senders BBC. Die Angaben ließen sich zunächst nicht überprüfen.

Dieses vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlichte Foto zeigt die Kontrolle des AKWs Tschernobyl.
Dieses vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlichte Foto zeigt die Kontrolle des AKWs Tschernobyl. Das Foto stammt vom 26. Februar. © SNA/Imago

Um die Wartungsarbeiten an dem 1986 havarierten Atomkraftwerk kümmerte sich auch während der russischen Einnahme ukrainisches Personal. „Wir mussten ständig mit ihnen verhandeln und unser Bestes geben, um sie nicht zu beleidigen, damit sie unserem Personal die Verwaltung des Objekts erlaubten“, sagte Semjonow. Russland habe ein hochmodernes Labor im AKW zerstört*.

Während der russischen Besatzung fiel zwischenzeitlich auch der Strom aus. Er habe damals heimlich Treibstoff von den russischen Soldaten gestohlen, um die Notstromgeneratoren am Laufen zu halten, erzählte der ukrainische Experte nun. „Ich hatte keine Angst um mein Leben. Ich hatte Angst vor dem, was passiert, wenn ich mich nicht um die Anlage kümmere. Ich hatte Angst, dass es eine Tragödie für die Menschheit gibt.“ (as/dpa) *fr.de ist ein Angebot von Ippen.Media

Auch interessant

Kommentare