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Putin schickt Gerassimow an die Ukraine-Front – wer ist der Mann?

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Von: Stefan Krieger

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Es klingt nach Verzweiflungstat: Kremlchef Wladimir Putin ordnet die Befehlsgewalt im Ukraine-Krieg neu. Waleri Gerassimow soll Erfolge sichern. Doch wer ist er?

Moskau – Die Entscheidung kommt überraschend, und für viele Militärexperten ist sie auch nicht ganz nachzuvollziehen. In seinem an Niederlagen reichen Krieg in der Ukraine setzt Kremlchef Putin nun Russlands ranghöchsten Offizier Waleri Gerassimow als direkten Kommandeur ein. Gerassimow, der jetzt nach monatelangen militärischen Rückschlägen mit der Führung der russischen Truppen in der Ukraine betraut wurde, war in den letzten zehn Jahren als Generalstabschef Moskaus oberster General.

Ukraine-Krieg: Putin schickt Waleri Gerassimow als Oberbefehlshaber an die Front

Die Entscheidung, mit Waleri Gerassimow den besten Soldaten des Landes im Ukraine-Krieg mit der Leitung einer Offensive vor Ort in der Ukraine zu beauftragen, ist äußerst ungewöhnlich. Sie wird von vielen Analysten als letzter Versuch von Wladimir Putin gewertet, seine ins Stocken geratene Offensive in der Ukraine nach einer Reihe für ihn demütigender Niederlagen wiederzubeleben.

Russlands Verteidigungsminister Schoigu
Waleri Gerassimow (re.) an der Seite von Sergej Schoigu, Verteidigungsminister von Russland. © Gavriil Grigorov/dpa

Ukraine-Krieg aktuell: Gerassimow für Surowikin – Umbesetzung zeigen „ernsthafte Probleme“ für Russland

Gerassimow ist der ranghöchste Beamte des russischen Militärs nach Verteidigungsminister Sergei Schoigu und hat Zugang zu den russischen Atomwaffencodes. Dazu setzt Putin den 67-Jährigen nun im Ukraine-Krieg demonstrativ dem von Hardlinern geschätzten Kommandeur Sergej Surowikin vor die Nase. Die Entscheidung dürfte vor allem auch den Machtkampf in den russischen Truppen verschärfen.

„So etwas hat es seit 1941 nicht mehr gegeben, als Marschall Georgi Schukow als Kommandeur an die Front geschickt wurde“, sagte ein in Moskau ansässiger Verteidigungsexperte, der anonym bleiben wollte, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP zu der unerwarteten Ernennung. „Der Generalstabschef kommandiert nirgendwo Armeen. Das ist eine andere Funktion: Er koordiniert, bereitet vor, plant. Ihm das Kommando über Feldtruppen zu übertragen, ist beispiellos. Das verstößt gegen alle bestehenden Regeln.“ Es handele sich um einen Schritt, der auf „sehr ernsthafte Probleme“ an der Front hinweise.

Ukraine-Krieg: Wagner-Gruppe um Prigoschin kritisiert die Berufung von Gerassimow

Der erst im Oktober eingesetzte Surowikin kann bisher keine Gebietsgewinne in der Ukraine vorweisen – und ist jetzt nur noch einer von drei Stellvertretern Gerassimows. Der als „General Armageddon“ gepriesene Hoffnungsträger Surowikin steht vor allem für die Bombardierung ukrainischer Energie-Infrastruktur, die Ausfälle der Stromversorgung und der Heizungen in Millionen Haushalten zur Folge hatte. Surowikin wollte das Land in Kälte und Dunkelheit stürzen und so unter Ukrainern eine neue Massenflucht Richtung Westen auslösen. Doch die für Putin wichtigen Geländegewinne kann er nicht vorweisen.

Surowikin gilt aber seit langem als Favorit der selbst ernannten rigorosen Kräfte in Putins Krieg – allen voran Jewgeni Prigoschin, Chef der paramilitärischen Organisation Wagner, und Ramsan Kadyrow, der als Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus eigene Truppen befehligt. Die beiden hatten immer wieder die Militärführung kritisiert.

Teils traf die Kritik der Wagner-Leute auch Gerassimow persönlich, direkt und in aller Öffentlichkeit. In ihrem Streben nach Einfluss warfen sie Gerassimow und Verteidigungsminister Sergei Schoigu vor, verantwortlich für Fehler während des Feldzugs zu sein, für fehlende Munition, Versorgung und Ausrüstung der Soldaten.

Waleri Gerassimow: Wer ist er? Zweifel an der Eignung des neuen Kommandeurs für den Ukraine-Krieg

Zu Beginn des Ukraine-Kriegs soll Gerassimow eng in die Operationen vor Ort eingebunden gewesen sein. Ein Pentagon-Beamter sagte nach Angaben der Moscow Times, der General habe im Frühjahr die östliche Region Donbas besucht. Man geht davon aus, dass Gerassimow die Front bereiste, um die Bedingungen vor Ort besser zu verstehen und mit den Kommandeuren vor Ort zu reden, nachdem es den russischen Streitkräften nicht gelungen war, Kiew einzunehmen.

Zweifel an Gerassimows Eignung äußert Mark Galeotti vom britischen Royal United Defense Research Institute (RUSI). Der Experte verweist in der Moscow Times darauf, dass Gerassimow in elf Monaten wohl nur das eine Mal in Frontnähe war. Als „Beförderung“ sei seine neue Rolle wohl nicht zu verstehen: „Jetzt hängt alles von ihm ab, und ich vermute, dass Putin wieder unrealistische Erwartungen hat. Gerassimow muss irgendeine Art von Sieg erringen, sonst steht ihm ein beschämendes Ende seiner Karriere bevor.“

Auch das Institute for the Study of War (ISW), eine in Washington ansässige Denkfabrik, formuliert Zweifel am Erfolg der Umbesetzung. Man glaubt in Washington nicht daran, dass Gerassimow in der Lage sein wird, für Putin den Sieg im Ukraine-Krieg einzufahren. „Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Gerassimow die unrealistischen Erwartungen Putins erfüllen kann“, so das Institut. (Stefan Krieger)

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