1. Startseite
  2. Politik

Moment der Wahrheit in Russlands Staats-TV: „Das ist kriminell“

Erstellt:

Von: Lukas Zigo

Kommentare

Stimmen der Ablehnung in Russlands Staatsfernsehen. Israelischer Politiker verurteilt Bombardierung ukrainischer Städte.

Moskau – Sie werden häufiger – die einst seltenen Momente der Meinungsverschiedenheit im russischen Staatsfernsehen. Einer von Moskaus Chefpropagandisten, der TV-Moderator Wladimir Solovyow, musste dies kürzlich erleben. Für seine Drohungen, als Reaktion auf den ukrainischen Beschuss Kiew zu zerstören und Charkiw „vom Angesicht der Erde zu tilgen“, wurde er von einem seiner Gäste auf dem TV-Kanal Russia-1 verurteilt.

In einem von der Daily Beast Reporterin Julia Davis veröffentlichtem Ausschnitt aus Solovjows Talkshow ist der israelische Politiker und Diplomat Yaakov Kedmi zu sehen, wie er die Ideen seines Gastgebers, ukrainische Städte zu bombardieren, als „obszön“ bezeichnet. „Es ist obszön, es ist nicht konstruktiv, es ist kriminell, friedliche Städte zu bombardieren. Diese Worte, ‚Kiew und Charkiw vom Angesicht der Erde zu tilgen‘, sollten nicht geäußert werden, vor allem nicht von Russland“, sagte Kedmi.

„Es gab in der Geschichte keine Kriege, in denen die Bombardierung einer friedlichen Stadt, einer Zivilbevölkerung, jemals zu irgendwelchen Ergebnissen auf dem Schlachtfeld geführt hätte. Würden sie sich davon abschrecken lassen? Wann ist das jemals passiert? Das hat es in keinem Krieg gegeben“, fasste Kedmi zusammen.

Ukraine-Krieg – Kedmi: „Gibt 1.001 Möglichkeiten zu Kämpfen, ohne Zivilisten zu treffen“

Solovjow, der schweigend zugehört hatte, schien von Kedmis Bemerkung nicht verärgert zu sein und sagte schnell: „Gut, dann werden wir weiterhin auf dem Niveau eines Mädchens in der fünften Klasse reagieren, das darüber weint, dass unsere friedlichen Städte bombardiert werden.“

„Das habe ich nicht gesagt“, sagte Kedmi, „aber das ist die andere Möglichkeit. (…) Es ist keine Option, eine friedliche Stadt und ihre Bevölkerung zu bombardieren. (…) Es gibt 1.001 Möglichkeiten zu kämpfen, ohne Zivilisten zu treffen.“

Solovjow hatte bis dahin versucht, seine Position zu verteidigen. Er sagte, man würde zuerst die Zivilbevölkerung warnen, bevor man Städte bombardiert. Am Ende von Kedmis Rede blieb er vorübergehen ruhig, mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf stehen.

Ukraine-Krieg: Kedmi wird der Kollaboration mit dem Kreml bezichtigt

Der 1947 in Moskau geborene Kedmi verzichtete 1968 öffentlich auf die sowjetische Staatsbürgerschaft, um nach Israel zu emigrieren. Seit den 2010er Jahren ist er ein bekanntes Gesicht im russischen Fernsehen. Laut einer Datenbank des Forums Freies Russland (FRF) – einer Konferenz der russischen Opposition, die zweimal im Jahr in Vilnius (Litauen) stattfindet – wurde Kedmi beschuldigt, mit dem Regime Wladimir Putins zu kollaborieren und an der Fernsehpropaganda des Kremls teilzunehmen.

Laut FRF kritisiert Kedmi „regelmäßig die Ukraine, beschuldigt die ukrainische Führung des Nazismus und die ukrainische Gesellschaft des Antisemitismus und verwendet Ausdrücke wie ‚Maidan-Bastarde‘.“

Ukraine-Krieg: Solovjow einer von Putins wichtigsten Unterstützern

Radio- und TV-Host Vladimir Solovyov in St. Petersburg.
Radio- und TV-Host Wladimir Solovyow in St. Petersburg. © IMAGO/Evgeny Biyatov

Solovjow selbst gilt als einer der wichtigsten Unterstützer Putins im russischen Fernsehen. Der 58-Jährige unterstütze im Jahr 2014 die Annexion der Krim, und seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine hat der Moderator die „spezielle Militäroperation“ des Kremls unterstützt.

Als der Konflikt ohne nennenswerten Erfolg Moskaus voranschritt, verschärfte Solovjow häufig seinen Tonfall. Er erwähnte häufig die Fähigkeit Russlands, einen Atomschlag durchzuführen. Darüber hinaus forderte er den Kreml auf, ukrainische Städte zu bombardieren und zu zerstören. (lz)

Auch interessant

Kommentare