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Flucht vorm Ukraine-Krieg: Erste Hilfe gegen Trauma

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Von: Viktor Funk

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Der Grenzübergang Medyka – ein Ort, an dem die wenigsten ankommen und den die meisten nur passieren.
Der Grenzübergang Medyka – ein Ort, an dem die wenigsten ankommen und den die meisten nur passieren. © AFP

Ehrenamtliche kümmern sich um Frauen und Kinder aus der Ukraine, die auf der Flucht psychische Probleme entwickeln. Der Bedarf an Hilfe ist „riesig“, sagt eine Therapeutin.

Frankfurt - Da war zum Beispiel eine junge Frau: „Sie kam mit einem Baby über die Grenze, sie kam aus Kiew. Ihre Hände zitterten, sie war ganz neben sich. Ich habe sie auf Russisch angesprochen, sie reagierte. Andere Freiwillige nahmen ihr erstmal das Baby aus dem Arm, weil sie unter Schock stand und sich um das Kind nicht kümmern konnte. Sie war seit zwei Tagen in überfüllten Zügen unterwegs und völlig orientierungslos.“

Von der jungen Frau aus Kiew berichtet im Gespräch mit der FR Natalya Pryvalova. Sie stammt selbst aus der ukrainischen Hauptstadt und lebt seit mehr als 20 Jahren in Deutschland. Sie ist Psychotherapeutin nach Heilpraktikergesetz.

Ukraine-Krieg: Manche fliehen zum dritten Mal

Bis vor wenigen Tagen war sie mit einem Team von Therapeutinnen und Therapeuten an der polnisch-ukrainischen Grenze in Medyka, wo sie ankommende Frauen und Kinder betreute und erste psychologische Hilfe leistete.

Ihre Sprachkenntnisse in Russisch und Ukrainisch halfen dabei. „Wenn ich die Menschen ansprach in der Sprache, die sie verstehen und ihnen erzählte, dass ich aus Kiew bin und dort Verwandte habe, dann konnten sie mir vertrauen“, erzählt die 43-Jährige. Es seien fast ausnahmslos Frauen gewesen, die über die Grenze kamen, viele mit Kindern, berichtet Pryvalova. „Ich habe dort Frauen getroffen, die seit 2014 das dritte Mal fliehen mussten.“ Damals annektierte Russland die Krim und entfachte im Osten der Ukraine einen Krieg.

Initiatorin dieser ersten psychologischen Hilfe in Medyka ist Ewa Katarzyna Budna. Sie ist Traumatherapeutin. „Ich habe die Bilder im Fernsehen von den Flüchtlingen gesehen und musste sofort dahin“, berichtet sie. Am 11. März seien sie aus Meinerzhagen in Nordrhein-Westfalen aufgebrochen, Natalya Pryvalova war ebenfalls von Anfang an dabei. Acht Therapeuten und Therapeutinnen waren vor Ort. Alle zwei, drei Wochen soll es einen Wechsel im Team geben. „Wir sind ehrenamtlich hier, wir haben unsere Praxen geschlossen und sind hergekommen“, erzählt Budna. Durch kleine Spenden finanziert das Team seine Arbeit, aber sie decken nicht alle Ausgaben.

Budna spricht Polnisch und Russisch. Dank ihrer Polnisch-Kenntnisse hatte sie zu Kliniken in der Umgebung des Grenzübergangs Kontakt aufgenommen und sich um akute Fälle gekümmert, die intensive medizinische oder psychiatrische Hilfe brauchen. In wenigen Tagen waren aber die meisten Betten in den Kliniken in der Umgebung belegt. „Heute habe ich für eine 71-jährige Frau, die ganz psychotisch war, in Jaroslawice einen Platz bekommen“, berichtete Budna am Donnerstag. Der Ort ist 210 Kilometer von der Grenze entfernt. „Die Kliniken sind voll“, sagt die Therapeutin.

Lange Wartezeiten

Auf psychotherapeutische Hilfe müssen in Deutschland viele Menschen lange warten, wenn sie eine Therapie machen wollen. Selbst in Ballungsräumen übersteigt die Nachfrage die tatsächlich verfügbaren freien Therapieplätze. Die Bundes-Psychotherapeuten-Kammer (BPtK) kritisiert schon seit Jahren, dass der von den Gesundheitskassen errechnete Bedarf nicht mit der Nachfrage übereinstimmt, entsprechend zu wenige Praxen gibt es.

Für Geflüchtete, die psychotherapeutisch Hilfe brauchen, kommen die Sprachbarrieren hinzu. Schon nach 2015 war deutlich geworden, dass es in Deutschland etwa kaum Therapeut:innen gibt, die Arabisch oder Farsi sprechen. Mit der Ankunft der Geflüchteten aus der Ukraine werden nun dringend ukrainisch- und russischsprachige Fachleute gesucht.

Erste Informationen zur Selbsthilfe , besonders für geflüchtete Familien, hat die BPtK in sechs unterschiedlichen Sprachen hier zusammengestellt: https://elternratgeber-fluechtlinge.de

Ukraine-Krieg: In Polen sind die Kliniken voll

Die Überlastung des polnischen Gesundheitssystems wird auch in Deutschland wahrgenommen. Am Donnerstag warb der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen dafür, geflüchtete Patienten aus den Nachbarländern der Ukraine nach Deutschland zu verlegen. „Wir müssen als Teil des Zivilschutzes, als Teil der humanitären Verantwortung, die wir haben, dafür sorgen, dass wir in den EU-Nachbarländern, die an die Ukraine grenzen, Patientinnen und Patienten systematisch nach Deutschland holen.“

Ewa Katarzyna Budna sagte nach drei Wochen an der Grenze: Der Bedarf an psychologischer Hilfe sei „riesig“. Ihr Team sei am Bahnhof und in einem provisorischen Flüchtlingszentrum in einem ehemaligen großen Lebensmittelmarkt im Einsatz gewesen. „Dort waren Frauen und Kinder, die unter massivem Stress standen, Kinder schrieen, Mütter konnten sich um sie nicht kümmern. Wir haben ihnen geholfen, runterzukommen und sich dann ihren Kindern zuzuwenden. Wir haben ihnen gezeigt, wie sie mit den Kindern sprechen können, damit sie die Erlebnisse erstmal annehmen und merken, dass sie in Sicherheit sind.“ Richtige therapeutische Arbeit sei da aber nicht möglich gewesen.

Für manche Menschen beginnt mit dem Übergang nach Polen auch eine seelische Odyssee.
Für manche Menschen beginnt mit dem Übergang nach Polen auch eine seelische Odyssee. © AFP

Ukraine: Im Land selbst fehlt therapeutische Hilfe

Doch der Bedarf ist da. Natalya Pryvalova berichtete von einer anderen Familie, die ein typisches Problem aufwies. „Es war eine Großmutter, Mutter, ein 4-jähriger Junge und ein Baby. Sie hatten solche Angst, dass sie sich niemals trennten, nicht einmal, wenn sie auf die Toilette gingen. Sie waren mit allem total überfordert. Wir wurden von anderen Helfern herangerufen, um mit der Familie zu sprechen“, erzählt Pryvalova. Die Kinder hätten hysterisch geschrieen. Erst nachdem ein ruhiger Ort, an dem die gesamte Familie zusammen bleiben konnte, gefunden wurde, kamen sie zur Ruhe.

Pryvalova ist inzwischen wieder zurück in Königstein im Taunus. Sie hat Kontakt zu zwei Familien aus der Ukraine, denen sie hier in Deutschland therapeutisch helfen will. Außerdem will sie ihre Unterstützung in einer Unterkunft für Geflüchtete anbieten. Doch es treibt sie auch die Sorge um die Menschen um, die in der Ukraine sind, sagt die gebürtige Kiewerin. „Viele sind ja im Land selbst auf der Flucht oder sitzen in den Kellern und verstecken sich vor den Raketen. Ich weiß noch nicht, was genau ich tun kann, aber es ist klar, dass auch sie psychologische Hilfe brauchen.“ (Viktor Funk)

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