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Russland nutzt Angst vor Hungersnöten aus – Lebensmittelblockade als „Erpressung“

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Von: Sandra Kathe

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Die russische Blockade von Getreideexporten aus der Ukraine versetzt Wirtschaftsfachleute in Sorge. Das nutzt Putin für einen perfiden Vorschlag.

Kiew/Davos – Die Folgen des Ukraine-Kriegs sind längst auch außerhalb Osteuropas spürbar und werden es mehr und mehr werden. Damit rechnen zumindest Wirtschaftsexpertinnen und Fachleute des UN-Welternährungsprogramms mit Blick auf die Lage in einem Land, das bis zuletzt zu den wichtigsten Getreideexporteuren der Welt zählte. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) warnte beim Weltwirtschaftsforum in Davos vor einer Nahrungsmittelkrise infolge des Ukraine-Konflikts: „Wenn wir hier nicht schnell und entschieden gegensteuern, droht uns die weltweit größte Hungersnot seit Jahrzehnten“. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sind zahlreiche Felder vom Krieg gezeichnet, Infrastruktur zerstört, Getreidelieferungen blockiert und vor allem die ärmsten Länder der Welt könnten die Folgen des Ukraine-Kriegs zeitnah zu spüren bekommen. Das ist auch Russland bekannt.

Rund 20 Millionen Tonnen Getreide aus der vergangenen Ernte könnten derzeit, laut der früheren ukrainischen Finanzministerin Natalie Jaresko, nicht verschifft werden. Wohl auch aus diesem Grund hat Russland nun einen Vorstoß gemacht, den nicht nur die Menschen in der Ukraine sowie die politische Führung des Landes als Erpressungsversuch aufnimmt: Wenn die Sanktionen des Westens aufgehoben werden, könnten auch die Exporte aus der Ukraine wieder Fahrt aufnehmen, so zitierte die russische Nachrichtenagentur Interfax am Donnerstag Kremlsprecher Dmitri Peskow.

Ukraine-Krieg verschärft Sorge vor Hungersnöten: 12 Prozent der weltweiten Kalorien

Die Ukraine ist wegen ihrer fruchtbaren Böden einer der wichtigsten Weizenexporteure weltweit. Dazu kommen zudem hohe Weltmarktanteile bei Gerste, Mais und Sonnenblumenöl. UN-Angaben zufolge wurden 2020 allein gut 30 Millionen Tonnen Mais und knapp 25 Millionen Tonnen Weizen geerntet. Zusammen produzieren die Ukraine und Russland einer Studie zufolge 12 Prozent der weltweit gehandelten Kalorien.

Bis Kriegsbeginn war die Ukraine einer der wichtigsten Exporteure für Getreide. Jetzt blockiert Russland die Lieferungen, der Krieg erschwert den Anbau.
Bis Kriegsbeginn war die Ukraine einer der wichtigsten Exporteure für Getreide. Jetzt blockiert Russland die Lieferungen, der Krieg erschwert den Anbau. (Archivfoto) © Roman Pilipey/dpa

Peskow forderte: „Sie sollen jene illegalen Entscheidungen aufheben, die die Frachtschiffe, die Ausfuhr von Getreide und so weiter und so fort behindern“. Weitere Details dazu nannte er laut einem Bericht der Deutschen Presseagentur nicht. Was Russland damit erreichen will, interpretieren jedoch viele Diplomat:innen und Politikfachleute ähnlich. Großbritanniens Außenministerin Liz Truss warf der Regierung unter Wladimir Putin in einem Post auf dem Kurznachrichtendienst Twitter den Versuch vor, die Weltgemeinschaft mit der Lebensmittelblockade erpressen zu wollen.

Ukraine-Krieg blockiert Auslieferung von Getreide: Keine diplomatische Lösung in Sicht

Auch die Ukraine hatte Russland zuvor Erpressung vorgeworfen und den Westen aufgefordert, die wegen Moskaus Angriffskrieg erlassenen Sanktionen unter keinen Umständen aufzuheben. Kiew wirft Russland vor, die Schwarzmeer-Häfen mit Kriegsschiffen zu blockieren und so die für die Welternährung wichtige Weizenausfuhr zu verhindern. Russland wiederum hatte die Ukraine aufgefordert, ihre Küstenstreifen zu entminen, damit ein Korridor für die Getreideausfuhr eingerichtet werden könne. Viele sehen das als mögliches Einfallstor für die russischen Streitkräfte.

Nach mehr als drei Monaten Angriffskrieg gegen die Ukraine warf Peskow der Regierung in Kiew fehlenden Realismus bei der Bewertung der Lage in ihrem Land vor. „Moskau erwartet von Kiew, dass Moskaus Forderungen angenommen werden und die Lage so gesehen wird, wie sie ist, die reale Lage, wie sie existiert“, sagte Peskow. Russland hatte die Ukraine zum Verzicht auf Gebiete im Osten des Landes und auch zur Anerkennung der Annexion der Schwarzmeer-Halbinsel Krim aufgefordert. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuletzt betont, keine Gebiete abzugeben. Das Ziel der Ukraine sei die Kapitulation Russlands. (ska mit dpa)

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