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Trans Frauen in der Ukraine: „Wer kämpft freiwillig für jemanden, der einen gar nicht akzeptiert?“

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Von: Katja Thorwarth

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Ukraine-Krieg
Streitkräfte der ukrainischen Armee in Einsatzbereitschaft. © Anatolii Stepanovk/AFP

Männern zwischen 18 und 60 Jahren ist die Flucht aus der Ukraine nicht gestattet. Was das für trans Frauen bedeutet, erklärt die Journalistin Julia Monro im Interview.

Frau Monro, wegen des Ukraine-Krieges dürfen Männer zwischen 18 und 60 Jahren das Land nicht verlassen. Welche Folgen hat das für queere Menschen?
Ich bin keine Expertin, was die Gesetzeslage in diesen Gebieten betrifft. Allerdings weiß ich aus eigener Erfahrung, dass die Gesellschaft in diesem Kulturkreis eher ablehnend ist, wobei ich die Ukraine noch westlich orientiert empfinde mit demokratischen Werten. Aber in Russland gibt es beispielsweise ein eigenes Gesetz, welches „Homosexuelle Propaganda“ unter Strafe stellt.

Also sind queere Menschen auf mehreren Ebenen gefährdet?
Wenn Russland nun in die Ukraine einmarschiert, ist es mehr als verständlich, dass diese Menschen sich nicht nur wegen ihrer ukrainischen Nationalität vor dem Aggressor fürchten. Sie haben gewiss auch noch die große Sorge, von diesem Eindringling bezüglich ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität Schlimmeres befürchten zu müssen. Selbst wenn sie den Angriff überleben und für die Bevölkerung Aussicht auf ein „normales“ Leben inklusive Besatzungsmacht besteht, ist die Wahrscheinlichkeit für LSBTI- Personen gering, dass man ihnen ebenfalls ein solches Leben gewähren würde. 

Ukraine-Krieg: Frau mit männlichem Pass darf das Land nicht verlasssen

Insbesondere trans Personen stehen in der Ukraine vor Problemen, wenn sie flüchten möchten. Können Sie das konkretisieren?
Nach meinen Informationen hat die Ukraine ein ähnliches Transsexuellengesetz wie Deutschland, was bedeutet, dass man ein juristisches Verfahren mit psychischer Begutachtung durchlaufen muss. Wenn die Anforderungen für dieses Verfahren zu groß sind, dann können oder wollen trans Personen sich so einem Verfahren nicht unterwerfen - beispielsweise, weil sie sich als krank definieren müssen. Bis 2015 war man noch gezwungen, eine genitale Angleichung operativ vorzunehmen, um überhaupt eine Möglichkeit zu bekommen, den Namen und Geschlechtseintrag korrigieren zu lassen. Auch in Deutschland war das bis 2011 noch Pflicht.

Zur Person

Julia Monro ist Aktivistin für Menschenrechte. Sie engagiert sich für die Verbesserung der Lebenssituation von trans Personen. In Deutschland hat sie mehr als 100 Verfahren zum Gesetz der sogenannten „Dritten Option“ begleitet und berät als Expertin für trans Rechte unter anderem auch die Bundesregierung.

Trans Frauen haben also eine besondere Problematik
Wenn eine trans Frau seit Jahren in der weiblichen Rolle lebt, aber - aus welchen Gründen auch immer - keine amtliche Änderung des Geschlechtseintrags vorgenommen wurde, dann steht eine Frau an der Grenze, die laut Pass als männlich registriert ist. Und Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen aktuell die Ukraine nicht verlassen. Das bedeutet, wir haben eine Frau, die weder von Staat noch Gesellschaft als Frau anerkannt ist, und die jetzt gezwungen wird, für selbiges Land ihr Leben zu riskieren. Das ist paradox.

Julia Monro ist Expertin für trans Rechte und berät auch die Bundesregierung.
Julia Monro ist Expertin für trans Rechte und berät auch die Bundesregierung. © Privat

Wer kämpft denn freiwillig für jemanden, der einen gar nicht akzeptiert? Davon abgesehen hat eine trans Frau auch gar nicht die Möglichkeit, das Land zu verlassen. Denn juristisch gilt sie als männlich und darf demnach nicht ausreisen. Und selbst wenn die Ausreise klappen sollte, sieht die Lage in den umliegenden Ländern nicht besser aus. Die besten Beispiele sind Polen oder Ungarn. In Ungarn wurde trans Personen kürzlich die Möglichkeit genommen, dass sie ihren Geschlechtseintrag ändern können. Also egal wohin man flieht, man kommt vom Regen in die Traufe. 

Ukraine-Krieg: Trans Personen mehrfach betroffen

Die ukrainische Sängerin Zi Faámelu durfte die Ukraine nicht verlassen, weil sie nach wie vor als männlich geführt wird. Wie ist ihre aktuelle Situation?
Zi Faámelu hat an mehreren Stellen versucht, das Land zu verlassen. Doch zunächst wurde sie abgewiesen. Heute habe ich die Nachricht erhalten, dass sie es jetzt nach Rumänien geschafft hat. Sie freut sich sehr auf Deutschland. Allerdings muss man mit Informationen in der Öffentlichkeit vorsichtig sein. Ich habe von russischen Listen gehört, auf denen Personen aus der Politik notiert werden, aber auch LSBTI-Aktivist:innen.

Inwiefern offenbart die Lage in der Ukraine die Fehler im deutschen Transsexuellen-Gesetz?
Das Transsexuellengesetz in Deutschland verlangt ein Gerichtsverfahren, und wir wissen, dass die Mühlen der Justiz sehr langsam mahlen. Ich kenne trans Personen, die ihr Verfahren in sechs Monaten durchlaufen, ich kenne aber auch welche, bei denen dauerte es zwei Jahre. Was macht man also, wenn man bereits die Vornamens- und Personenstandsänderung beantragt hat, aber zwei Jahre warten muss, bis ein Gerichtsbeschluss da ist. Man ist gezwungen, sich permanent mit Papieren auszuweisen, die gar nicht zu der Person passen.

Warten auf die Rettung jenseits der Grenze: Trans Frauen ist die Flucht aus der Ukraine kaum möglich.
Warten auf die Rettung jenseits der Grenze: Für trans Frauen ist die Flucht aus der Ukraine kaum möglich. © Deml Ondrej/dpa

Gibt das nicht auch Probleme mit den Behörden?
Ich habe schon häufiger mitbekommen, dass trans Personen des Betruges oder Identitätsverschleierung bezichtigt wurden. Das ist leider Alltag für trans Menschen. Beim Abholen von Paketen, beim Bezahlen mit EC-Karte im Geschäft. Ich will mir gar nicht vorstellen, was das im Falle eines Krieges für trans Personen in Deutschland bedeuten würde. Da sollte die neue Bundesregierung mal darüber nachdenken und das entsprechend regeln, damit so etwas wie aktuell in der Ukraine nicht passiert. (Interview: Katja Thorwarth)

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