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Durch den Krieg entzweit

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Ira und Alyona trafen sich auf der Flucht aus der Ukraine.
Ira und Alyona trafen sich auf der Flucht aus der Ukraine. © Marina Klimchuk

Die Ukrainerinnen Ira und Alyona lernten sich auf der Flucht aus ihrer Heimat kennen. Sie freundeten sich an, bis sie über den Krieg und Russland zu sprechen begannen.

Reutlingen – Seine Stimme am Handy, endlich. Sie knarzt durch den Lautsprecher. „Mischa, alles gut? Bei euch hat es gerade geknallt.“ Ira kann wieder atmen. Legt auf und nippt an ihrem alkoholfreien Aperol Spritz, lacht, posiert für ein Selfie in der Samstagshitze in Reutlingen, als wäre ihre Welt noch in Ordnung. Als wäre Mischa nicht an der Front in der Ukraine und schüre nicht jede Minute, in der sie ihn nicht erreicht, ihre Panik um sein Leben.

Zum letzten Mal gesehen haben sie sich am 12. März. An diesem Tag überquert Ira die Grenze zwischen ihrer Heimatstadt Uschgorod am süd-westlichen Zipfel der Ukraine und dem Örtchen Vyšné Nemecké in der Ostslowakei. Zusammen mit zehn anderen warten sie und ihre zwei Söhne hier auf einen Kleinbus mit deutschem Kennzeichen, der sie nach Reutlingen in Baden-Württemberg bringen soll.

Beim Abschied küsst Mischa Ira und die Jungs. Als er sich entfernt, beobachtet sie von hinten, wie er sich mit dem Jackenärmel über das Gesicht fährt. Neben Ira steht Alyona. Sie wird zur Zeugin von Mischas Tränen.

Ira und Alyona lieben beide ihr Land

Von West nach Ost, von Uschgorod nach Schtschastja im Donbass, wo Alyona zuhause war, sind es knapp 1500 Kilometer. „Schtschastja“ bedeutet auf Deutsch „Glück“. Seit 2014, acht Jahre lang, hörte Alyona in Schtschastja das gedämpfte Heulen der Sirenen und die Wucht der Explosionen, wenn „beide Seiten Zärtlichkeiten austauschten“. Wenn das Dröhnen unerträglich wurde, rollte sie gemeinsam mit einer Freundin die Yogamatten zum Üben aus.

Ira und Alyona lieben beide ihr Land. Aber für jede von ihnen bedeutet diese Liebe unterschiedliche Dinge. In der Ukraine tobt Krieg. Einer, bei dem Menschen in Kellern sitzen und sterben. Aber auch ein Kulturkrieg, ein „Kampf um die Erinnerung und um die Zukunft der Vergangenheit“, wie Journalist Michael Martens es pointiert ausdrückte. Das Politische wird, wie so oft, zum Persönlichen.

Was an der Grenze wie der Spross einer Freundschaft zwischen zwei Frauen auf der Flucht begann, erstickte bald aber im Keim. In den ersten Wochen in Deutschland freundeten sich Ira und Alyona an, gingen zusammen SIM-Karten bei Telekom holen und bei Aldi einkaufen. Jetzt laufen sie sich gelegentlich in Reutlingen über den Weg. Aber sie sprechen nicht mehr miteinander.

Ira möchte einfach nicht mehr: „Alyona sagt unschöne Dinge über die Ukraine. Unsere Männer kämpfen an der Front und die Frauen kommen hierher und reden unser Land schlecht.“

Wie sieht die ukrainische Identität aus?

Spätestens mit Beginn des russischen Angriffskrieges vereinte sich in der Ukraine ein Volk, in dem Menschen wie Ira und Alyona in unterschiedlichen Regionen des Landes mit grundverschiedenen Ideen von Geschichte und Gegenwart aufwuchsen. Doch in Teilen der Bevölkerung herrscht weiterhin ein Ringen darüber, wie ukrainische Identität aussehen sollte.

Ira beschloss zu fliehen, als ihr sechsjähriger Sohn nach dem ersten Fliegeralarm eine Stunde lang nicht zu zittern aufhörte. Lange hat sie gezweifelt, ob sie richtig gehandelt hat. Ende März bekommt sie die Bestätigung: russische Raketen schlagen in einem Wohngebiet in Lwiw ein. Lwiw liegt vier Stunden von ihrem Zuhause entfernt, das bisher verschont wurde. „Die Kinder sind in Sicherheit.“

Lieber wäre Ira bei Mischa geblieben, aber sie wollte ihre Kinder vor dem Trauma des Krieges beschützen. In Uschgorod liebte sie ihren Job als Fernsehmoderatorin, ihre Freunde, ihr Leben. Hier richtet sie sich allmählich ein, spielt mit dem Gedanken, langfristig in Deutschland zu bleiben. Seit kurzem arbeitet sie in einer deutschen Schule als Lehrerin für geflüchtete ukrainische Kinder.

Iras Muttersprache ist Ukrainisch. Russisch spricht sie ungern. Sie sagt, Jahrhunderte lang wurde die ukrainische Sprache unterdrückt, schon seit Zar Peter I und Katherina der Großen, dann in der Sowjetunion. „Es reicht.“ Ihre Stimme bebt leise, aus ihr schreit der Schmerz, die Wut, der Trotz über die historische Ungerechtigkeit, die ihrem Volk widerfahren ist.

In deutschen Supermärkten fotografiert sie Kalinka Kefir und russische Pirogi und fragt mit dem ukrainischen Hashtag für Deutschland, ob so tatsächlich die Sanktionen gegen Russland aussähen?

Für Alyona sind diese Supermarktkreuzzüge Zeitverschwendung. Sie schlendert mit ihrem Aperol Spritz in der Hand durch die Reutlinger Pomologie und staunt über die Schönheit der Obstbäume, die rosa Blüte der Kirschbäume im Frühling. „Wundervoll“, sagt sie auf Russisch.

Ihre Identität ist russisch-ukrainisch: das Geburtsland Russland, die Muttersprache Russisch, der Pass und das Herz ukrainisch.

Alyona ist eine zierliche kleine Frau, Psychologin, spricht ruhig, als würden die Buchstaben seufzen, bevor sie sich zu Worten zusammenfügen. Von der schönen neuen Welt in Deutschland kann sie zuhause niemandem erzählen. Schämt sich dafür, wie gut es ihr hier geht. Sie hat in der Stuttgarter Staatsgalerie schon Bilder von Monet gesehen, lauschte der Philharmonie beim Tango-Konzert. Eine Melodie erkannte sie wieder, die Filmmusik aus „Der Duft der Frauen“ mit Al Pacino.

Teile der Verwandtschaft leben in Russland

Bis zum Kriegsausbruch trennte nur der Fluss Siwerskyj Donez Alyonas Zuhause vom russisch kontrollierten Gebiet der Volksrepublik Luhansk. Heute ist auch Schtschastja unter russischer Kontrolle. „Sie haben Schtschastja als erstes ‚befreit‘. Von unserer Freiheit, unserer Existenz, von allem, was uns lieb war.“

Teile ihrer Verwandtschaft leben in Russland, ihre 23-jährige Tochter und kleine Enkelin in den Separatistengebieten der Region um Luhansk. Wenn sie über Video sprechen, sagt die nur „Mama, ich habe dich lieb. Lass uns nicht darüber reden, alles in Ordnung.“ Alyona schmatzt, imitiert die Kussgeräusche, die sie sich virtuell zusenden. Die Tochter hat Angst, von den Russen abgehört zu werden.

Früher, als sie noch regelmäßig nach Russland fuhr, nannte man sie dort abfällig „Banderka“, weil sie in der Ukraine lebte. Dabei wuchs sie im Donbass mit dem sowjetischen Narrativ von Stepan Bandera als Verräter, Massenmörder und Faschist auf. Erst später begann sie, die geschichtlichen Zusammenhänge in ihrer Komplexität zu verstehen.

Auf der Flucht: Am Straßenrand liegen Leichen

In Iras Heimat, der Westukraine, wurden für Bandera in den letzten drei Jahrzehnten Denkmäler und Museen errichtet. Bandera war in den 30er bis 50er Jahren der führende Kopf der ukrainischen nationalistischen Bewegung gewesen. Schon zu Lebzeiten wurde er zum Symbol für den Kampf gegen die Sowjetmacht. Als junger Mann organisierte er Terroranschläge und war mit seiner Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) am Holocaust und an Massakern gegen die polnische Zivilbevölkerung beteiligt. Die Ukraine hat eine fragwürdige Gestalt zum Nationalhelden erkoren.

In den ersten Tagen des Krieges harrte Alyona im Keller aus, schlief in ihrer Kleidung. Als die Nachbarn berichten, wie im Nachbarsdorf die Panzer fahren und schon die russische Flagge gehisst wird, weiß sie, ihr bleiben wenige Stunden. Sie verteilt das Trockenfutter für die Katze auf dem Boden in der Wohnung, bittet die Nachbarin, Mutter und Schwester Bescheid zu sagen. Packt das Nötigste ein und springt ins Auto des Nachbarn.

Alyona spielt das Video ab, das sie während der Fahrt aufnahmen: Die Straße aufgeschürft von den Geschossen. Auf der rechten Seite gehen die Wohnhäuser in Flammen auf. Feuerrot auf grauem Himmel. Am Straßenrand liegen Leichen. Alyona versucht, nicht hinzuschauen. Ihr Haus liegt etwa 40 Meter weiter, es steht noch. Aber Schtschastja, so wie sie es liebte, ihr Lädchen, indem sie Nähutensilien verkaufte, gibt es nicht mehr und wird es nie wieder geben.

So erzählt sie die Geschichte in in Deutschland. Später sagt sie, dass es sich beim „Nachbarn“ um Ljosha, ihre Jugendliebe, handelt. Nach fast 25 Jahren fanden sie vor einem Jahr wieder zueinander. Wenige Tage nach der Flucht aus Schtschasje meldete Ljosha sich als Freiwilliger an die Front.

Zwei Leben: Eines vor, eines nach der Flucht

Ihr Leben teilt sich jetzt in zwei: Das erste vor, das zweite nach der Flucht. In ihrem ersten Monat in Deutschland kann Alyona nicht einmal weinen. Dann macht etwas „Plopp“ und die Tränen hören nicht mehr auf zu fließen. Überwältigt von der Angst um Ljosha, vom Schmerz darüber, von ihrer Mutter, Schwester, Tochter, Enkelin auf unbestimmte Zeit getrennt zu sein.

Alyona sagt, heute schaue die ganze Welt auf die Ukraine. Aber 2014 gaben die Menschen in der Westenukraine dem Donbass die Schuld an der Übernahme der Separatisten und am Krieg. „Es fühlte sich an, als ob sie denken: wir sind pro-russisch und haben uns die Lage selbst zuzuschreiben.“ Damals interessierte sich fast niemand, nicht einmal die eigenen Landsleute, für das Leid im Osten.

Ira glaubt, Alyonas Gefühl sei das Resultat einer pro-russischen Propaganda, der sie jahrelang ausgesetzt war. Man wollte das ukrainische Volk entzweien wollte und streute Lügen. „Damit Alyona nachts ruhig schlafen konnte, hat der Patenonkel meines Sohnes im Donbass gekämpft und wurde zwei Mal am Kopf verwundet.“

Wenn du zusammen im Keller kauerst und sie auf dich schießen, interessiert es niemanden, ob du Russisch oder Ukrainisch sprichst.

Alyona

Für Ira sind die Ukrainer ein Volk ohne Hierarchien, von Uschgorod bis zum Donbass, alle gehören dazu. Aber Russisch sprechen ist im Westen schon seit den 90er Jahren nicht mehr cool.

Doch für Alyona hängt die Loyalität zu ihrem Land nicht davon ab, welche Sprache sie spricht. „Ira hat Fliegeralarm erlebt, aber in ihrem Leben noch nie den echten Krieg gesehen. Wenn du zusammen im Keller kauerst und sie auf dich schießen, interessiert es niemanden, ob du Russisch oder Ukrainisch sprichst.“

Beide Frauen spüren den Schmerz des Krieges, die Angst um ihre Männer und ihre Familien, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Doch sie können ihren Schmerz nicht miteinander teilen. Zu tief verlaufen die Risse, die das ukrainische Volk schon seit Jahrzehnten trennen und sich auch nach der Flucht abzeichnen. (Marina Klimchuk)

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