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Drohnen im Ukraine-Krieg: Kamikaze aus dem Nichts

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Eine Kamikazedrohne vom Typ „Switchblade 300“ im Flug. imago images
Eine Kamikazedrohne vom Typ „Switchblade 300“ im Flug. © IMAGO/ZUMA Wire

Die Ukraine wird zum nächsten Testfall für die Kriegseinsätze von Drohnen. Die Russen scheinen dem Westen nichts Gleichwertiges entgegensetzen zu können. Von Lukas Stock.

Kiew – Ein Video aus der Vogelperspektive. Ein grünes Feld und eine Straße, die Kamera zoomt rasend schnell auf den Boden zu, ein Panzer gerät dort in den Fokus, aufgesessene Soldaten darauf. Grüne Quadrate erscheinen im Video um sie herum. Rechts unten im Bild zählt ein Ticker runter und der Panzer wird immer größer: 200 Meter, 150, 100 … bei 40 Meter ist Schnitt, aus einer anderen Perspektive wird eine Explosion über dem Panzer gezeigt. Was aus den Soldaten wird? Nicht zu erkennen. Das Video wurde von einer ukrainischen Quelle auf Twitter verbreitet, es soll den Einsatz einer von den USA gelieferten Kampfdrohne, Typ Switchblade 300, zeigen.

Die Switchblade (zu Deutsch: Klappmesser) sieht aus wie eine Stabtaschenlampe mit Propeller und vier Flügeln, vorne dran ein Kameraobjektiv, 61 Zentimeter lang, 2,7 Kilogramm schwer; ihr Sprengsatz entspricht einer 40-Millimeter-Granate, mit der leicht gepanzerte Fahrzeuge und Personal eines Gegners bekämpft werden sollen. Sie ist wegen ihres geringen Umfangs und ihres leisen Elektromotors nur schwer zu orten. Im Jargon wird sie eher als „herumlungernde Munition“ bezeichnet, denn als Drohne. Ist ein Ziel ausgemacht, jagt die Switchblade diesem mit 157 Stundenkilometern entgegen.

Experten sprechen von „Kamikazedrohnen“

Deshalb nennen Fachleute die Switchblade und vergleichbare Waffen „Kamikazedrohnen“. Das bezieht sich natürlich auf die legendär gewordenen (wenn auch weitgehend ineffektiven und ohnehin unmenschlichen) Selbstmordattacken japanischer Kampfpiloten am Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein von den Kamikaze-Strategen auch erhoffter Effekt war neben der Zerstörung von alliierten Schiffen durch auf sie zustürzende Kampfflieger eine ständige Verunsicherung des Gegners.

Niklas Schörnig von der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt billigt Kamikazedrohnen eben wegen dieser Ähnlichkeit vor allem einen „psychologischen Vorteil“ zu. Der Experte vergleicht die Angst vor Drohnen mit der Angst vor Scharfschützen – sie töten, „wenn man es am wenigsten vermutet“, so die mythische Überzeugung von Veteranen. Während man den Schuss eines „Snipers“ vielleicht noch hört, operieren Switchblade und andere „herumlungernde Munitionen“ weitgehend unsichtbar und lautlos. Die russischen Soldaten auf dem eingangs erwähnten Panzer waren sich offensichtlich im Moment des Angriffs keiner Gefahr bewusst. Das Video zu verbreiten, soll deshalb helfen, auch die Angst vorm plötzlichen Tod zu verbreiten.

Kamikazedrohnen in der Ukraine werden von Menschen gesteuert

Der Krieg in der Ukraine ist nicht der erste Konflikt, in dem solche Geräte effektiv verwendet werden. Aserbaidschan setzte im Krieg um Bergkarabach 2020 die israelische Kamikazedrohne Harop gegen armenische Kolonnen ein – so effektiv, dass die Bundeswehr beispielsweise „gegen Aserbaidschan keine Chance gehabt hätte“, wie der Oberstleutnant und Waffensystemexperte Michael Karl später bei der Führungsakademie der Bundeswehr versicherte.

Laut Ingvild Bode, Politikwissenschaftlerin an der University of Southern Denmark und Autorin von „Autonomous Weapon Systems and International Norms“, ist der taktische Effekt von Kamikazedrohnen im Kriegsgeschehen in der Ukraine „nicht so wichtig“, viel bedeutender sei jedoch, dass hier „ein von Wissenschaftlern lange antizipiertes hypothetisches Szenario Realität wird, in dem Waffen breit eingesetzt werden, die auch völlig autonom gesteuert werden könnten“.

Bode ist sich zwar sicher, dass die Kamikazedrohnen in der Ukraine immer noch von Menschen gesteuert werden, also auch deren moralischer Kontrolle unterliegen. Aber die Steuerung werde algorithmisch unterstützt. Das heißt: Die Elektronik speichert eine Zielauswahl – darauf wiesen die grünen Kästchen um die Soldaten in dem Twitter-Video hin. Bode hält das für besonders problematisch, da Menschen den Entscheidungen der Algorithmen im Stress eines Gefechts „mit hoher Wahrscheinlichkeit Glauben schenken, anstatt diese kritisch zu reflektieren“.

Maschinen sollten nicht über Leben und Tod entscheiden

Michael Brzoska, der von 2006 bis 2016 wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Uni Hamburg war, weist darauf hin, dass diese Systeme nichts Neues sind – sehr wohl aber, dass ein Algorithmus nicht nur entscheiden könnte, wer angegriffen wird, sondern ob überhaupt angegriffen wird. Deshalb jetzt die Debatte.

Brzoska warnt davor, „die Entscheidung über Leben und Tod“ nicht Maschinen zu überlassen. Ähnlich sehen das Staaten wie Deutschland oder laut Michael Brzoska vor allem Länder der Dritten Welt, die aktuell bei den Vereinten Nationen dafür kämpfen, dass solche Waffen reguliert werden. Bis jetzt gibt es jedoch keinerlei internationale Richtlinien für den Einsatz autonomer Waffen und es ist unklar, wie diese die völkerrechtlich kritische Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen treffen sollen. Kritisch ist auch die Frage, wer die Verantwortung für den Einsatz von autonomen Waffensystemen trägt.

Der Frankfurter Friedensforscher Schörnig weiß darum, dass ein Scharfschütze „sein Gewissen belastet“, wenn er einen feindlichen Soldaten erschießt, der vielleicht gerade „sprichwörtlich auf der Latrine sitzt“. Diese moralische Hemmschwelle hätten viele beim Militär. „Völkerrechtlich ist der Hinterhalt zwar völlig zulässig, man mag ihn aber nicht.“ Eine Maschine besitzt kein Gewissen und so auch nicht diese moralische Hemmschwelle. Die Verantwortung für eine Tötung, bei der keine Regierung, kein Kommandeur, keine Drohnenpilotin und auch kein Programmierer „den Finger am Abzug“ hatte, ist so breit gestreut, dass sie niemanden direkt trifft.

Auch im Panzer nicht sicher

Die Politikwissenschaftlerin Bode, die selber schon an den Verhandlungen der UN beteiligt war, hält es für unwahrscheinlich, dass es bald eine verbindliche Einigung über die technischen Voraussetzungen dieser moralischen Extremsituation geben wird. In der Ukraine werde die „Effizienz dieser Drohnen regelrecht gefeiert“, so Bode. Die vermeintlichen oder tatsächlichen Kampferfolge ersticken jede völkerrechtliche Debatte.

Ende Juli kündigten die USA die Lieferung von 580 Exemplaren der neuen Kamikazedrohne „Phoenix Ghost“ an. Diese hat einen deutlich größeren Sprengkopf als die Switchblade und kann so auch mittelschwere Panzerungen durchbrechen. Im ukrainischen Präsidialamt rechne man: 580 „Phoenix Ghost“ gleich „350 zerstörte Ziele hinter der Front“, wie das Internetportal „Defence Express“ berichtet. Das wäre eine Eskalation, denn der ukrainische Generalstab gibt an, in sechs Monaten Krieg 1789 Panzer zerstört zu haben. Relevanter findet Experte Schörnig aber den durch die „Phoenix Ghost“ gesteigerten psychologischen Effekt: Nun müssten russische Soldaten auch in Panzern jederzeit um ihr Leben bangen. (Lukas Stock)

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