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Deutschlands Verbrechen in der Ukraine: „Antislawische Ressentiments spielen eine Rolle“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Der Historiker Johannes Spohr erklärt, warum die von Deutschen im Zweiten Weltkrieg verursachten Verwüstungen in der Ukraine hierzulande so wenig bekannt sind.

Herr Spohr, Sie haben Ihre Dissertation geschrieben über die Ukraine im Zweiten Weltkrieg zur Zeit des Rückzugs der deutschen Wehrmacht. Was hat Deutschland dort angerichtet?

Ich habe mich besonders mit der späten Phase der deutschen Besatzung beschäftigt, also mit den Kriegsjahren 1943/44. Sie waren geprägt von spezifischen Formen kollektiver Gewalt verschiedenster deutscher Instanzen, die bis heute wenig bekannt sind in Deutschland. Das betrifft das Abbrennen von Dörfern, das Massakrieren der Einwohner, was als „Bandenbekämpfung“ bezeichnet wurde. Bei der vermeintlichen Bekämpfung von Partisanen handelte es sich tatsächlich häufig um Terror gegen die Zivilbevölkerung. Weitere Aspekte waren der massive Raub an Gütern und Vieh, aber auch die Zerstörung von Industrieanlagen und landwirtschaftlichen Einrichtungen sowie nochmals ausgeweitete Verschleppungen zur Zwangsarbeit. Es war ein Kalkül der „verbrannten Erde“, das dem Gegner möglichst wenig überlassen sollte und die Bevölkerung stark betroffen hat.

Woran liegt es, dass das in Deutschland wenig bekannt ist?

Die Angehörigen der Wehrmacht haben für lange Zeit die Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg in Deutschland geprägt. Die haben es eher vermieden, über Rückzüge zu schreiben – wie auch über die von ihnen ausgeübte Gewalt. Außerdem geht es um massive Zerstörungen, die unangenehme Fragen aufwerfen, auch in Bezug auf Entschädigungen und Reparationen, die es in diesem Zusammenhang kaum gegeben hat.

„Es war ein Kalkül der ,verbrannten Erde’“, sagt Johannes Spohr. An Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs wie hier nahe Charkiw wird heute wieder gekämpft.
„Es war ein Kalkül der ,verbrannten Erde’“, sagt Johannes Spohr. An Schauplätzen des Zweiten Weltkriegs wie hier nahe Charkiw wird heute wieder gekämpft. © dpa

„Praktisch alle Familien in der Ukraine waren vom Zweiten Weltkrieg betroffen“

Ist die Erinnerungskultur in der Ukraine anders?

Ja. Gerade die verbrannten Dörfer sind präsent in Form von – teils sowjetischen – Denkmälern, Publikationen und auch im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung. Das habe ich erfahren, als ich vor Ort geforscht habe.

Zur Person, zur Serie

Johannes Spohr ist promovierter Historiker und freier Journalist. Seine Dissertation „Die Ukraine 1943/44. Loyalitäten und Gewalt im Kontext der Kriegswende“ erschien 2021 im Metropol Verlag. Seit Anfang 2021 führt Spohr von Berlin aus den Archivrecherchedienst present past, der auf Recherchen zum Nationalsozialismus in Familie und Gesellschaft spezialisiert ist. Der Historiker ist Mitgründer des „Hilfsnetzwerkes für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine“.

Die Menschen brauchen Frieden, aber es herrscht der Ukraine-Krieg. Welche Wege können zum Frieden führen?

In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf drängende Fragen. Alle Artikel finden sich auch auf unserer Homepage unter www.fr.de/friedensfragen. (FR)

Schlägt sich diese unterschiedliche kollektive Erinnerung in den aktuellen Debatten über das deutsche Engagement für die Ukraine nieder?

Oft bleibt die historische Erfahrung unterbelichtet, oder die 27 Millionen gestorbenen Sowjetbürger werden lediglich in Russland verortet. In Deutschland, dem Land, aus dem die meisten NS-Täter kamen, hat sich teils eine selbstbezogene Erinnerungskultur etabliert, die nach der Vielschichtigkeit der Erfahrungen im östlichen Europa kaum fragt. Praktisch alle Familien in der Ukraine waren vom Zweiten Weltkrieg betroffen, doch wer kennt hier den Namen des vernichteten Ortes Korjukiwja? Wer kann etwas über Krankenmorde oder den Genozid an den Roma berichten, aber auch über Mittäter und Helfer der Besatzer? Wie werden die sechs bis sieben Millionen Menschen aus der Ukraine gewürdigt, die in den Reihen der Roten Armee dazu beitrugen, Europa vom Nationalsozialismus zu befreien? In der aktuellen Diskussion spiegelt sich ein historisch im Laufe des 20. Jahrhunderts gewachsenes asymmetrisches Verhältnis zwischen der Ukraine und Deutschland wider. Aber auch unbewusste Affekte und projektive Bilder bis hin zum antislawischen Ressentiment spielen eine Rolle. Vielleicht können einige dieser tradierten Bilder – des „Russen“ – im Zuge jetziger Erfahrungen gebrochen werden.

Wie werden die sechs bis sieben Millionen Menschen aus der Ukraine gewürdigt, die in den Reihen der Roten Armee dazu beitrugen, Europa vom Nationalsozialismus zu befreien?

Johannes Spohr 

Welche historische Verantwortung sehen Sie für die Ukraine in Deutschland?

Wir erleben heute, dass einige derjenigen abermals bedroht sind, die der NS-Verfolgung entronnen sind. Es gibt Menschen, die Konzentrationslager überlebt haben und jetzt erneut in Gefahr sind oder schon von Bomben getötet wurden. Ich bin Mitgründer des „Hilfsnetzwerkes für Überlebende der NS-Verfolgung in der Ukraine“. Uns geht es darum, solche Menschen zu unterstützen, teils auch in Sicherheit zu bringen wie die Dichterin Raisa Nabaranchuk, die 1943 in Kiew geboren wurde und deren Eltern das Massaker von Babyn Jar überlebt haben. Kollegen konnten sie nach Freiburg evakuieren. Das ist eine Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen.

Sie stellen sich der Verdrängung entgegen und helfen Menschen, ihre familiären Verbindungen zum Krieg der Wehrmacht in der Ukraine aufzuarbeiten, etwa mit Blick auf ihre Eltern und Großeltern. Was erleben Sie dabei?

Einerseits kann das Interesse für die Familiengeschichten helfen, den Blick auf das östliche Europa zu richten, weil sehr viele unserer Vorfahren – etwa als Angehörige der Wehrmacht oder der Zivilverwaltung – als Besatzer in der Ukraine waren. Andererseits lenkt das Interesse am östlichen Europa, das wir jetzt haben, den Blick vielleicht auch auf die eigene Familiengeschichte. Oft fertige ich Karten an, um den Menschen zu zeigen, wo ihre Vorfahren entlanggekommen sind. Dann stellen sie erstaunt fest, dass sie diese Ortsnamen gerade in den Nachrichten gehört haben im Zusammenhang mit dem heutigen Krieg. (Interview: Pitt von Bebenburg)

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