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Ukraine-Krieg: Der mörderische Faktor Zeit

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Von: Peter Rutkowski

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Trügerische Idylle: russischer Blindgänger nahe dem eingeschlossenen Lissytschansk. Foto: ARIS MESSINIS/AFP.
Trügerische Idylle: russischer Blindgänger nahe dem eingeschlossenen Lissytschansk. © AFP

Für die Ukraine steht es so schlecht wie seit Kriegsbeginn nicht: Russland konzentrierte seine artilleristische Feuerkraft und macht die Verteidigung nach und nach mürbe.

Ein eminent wichtiger Faktor von Krieg ist selbst für diejenigen, deren Handwerk das Militärische ist, nicht wirklich berechenbar: Zeit. (Für alle anderen sowieso nicht.) Auf wessen Seite steht die Zeit? Für wen und gegen wen tickt die Uhr? Das waren Fragen, die alle bislang am Ukraine-Krieg Beteiligten – die direkten wie die indirekten – geflissentlich ignoriert haben, denn der Umgang mit Zeit will strategisch gesehen werden, aber taktisches Geschehen beeinflusst diesen viel mehr und viel öfter.

Sprich: Als es in den ersten zwei Monaten um Kiew und Charkiw ging, lief die Zeit für die Ukraine. Jeder Tag, den die Russen aufgehalten wurden, spielte der Ukraine in die Hände, erhöhte den Druck auf den Westen, die Landesverteidigung seines östlichen Nachbarn zu stärken. Jeder Tag, den die ukrainischen Restverbände in den Ruinen von Mariupol russische Einheiten banden, war ein Gewinn für die Joint Task Force, die seit 2015 die Donbass-Front haltenden ukrainischen Truppen. Mehr neue Waffen, mehr Munition, mehr Freiwillige und auch mehr aus dem Kampfgebiet gerettete Zivilpersonen bedeuteten bessere Kampfbedingungen für die seit Ende April absehbare russische Offensive im Donbass. Aber besser muss nicht ausreichend sein – nun steht die Zeit aufseiten der Invasoren.

Der ukrainische Generalstab und Außenminister Dmytro Kuleba bestätigte am Freitag, dass man im Donbass den Russen unterlegen sei an Kampfkraft und Ausrüstung. Zuvor hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj bereits Entsprechendes angedeutet, als er erstmals seit Kriegsbeginn tägliche ukrainische Verluste von „mehr als 100“ eingestand.

Wie zur Bestätigung wurde am Freitag Lyman, die nördlichste Stadt der Oblast Donezk und ein Eisenbahnknotenpunkt, von russischen Truppen oder ihren separatistischen Verbündeten eingenommen. Und schlimmer: Der Einschließungsring um Sjewjerodonezk wurde geschlossen, nachdem am Donnerstag die russischen Spitzen schon nur noch eine letzte Verbindungsstraße nach Westen voneinander getrennt hatte. Damit ist das Ende der letzten, noch unter ukrainischer Kontrolle stehenden Stadt in der Oblast Luhansk praktisch besiegelt. Nach Angaben des zuständigen Gouverneurs Serhiy Haidai sind nach zwei Tagen unentwegten Bombardements 90 Prozent der Stadt zertrümmert. Verlässliche Verlustzahlen sind nicht zu bekommen. Die Zeit spielt für Moskau.

Zuerst hatte Moskau darauf gebaut, dass seine Invasion eine unangefochtene Siegesparade würde. Nun baut der Kreml darauf, dass seine auf einen relativ kleineren Raum als während der ersten Invasionsphase im Norden konzentrierte artilleristische Feuerkraft die ukrainischen Verteidigung nach und nach mürbe macht.

Der Kreml baut auch darauf, dass die in den USA derzeit versandfertig gemachten Mehrfach-Raketenwerfer nicht rechtzeitig ankommen. Der Kreml baut ebenso darauf, dass die deutschen Panzerhaubitzen 2000 erst in der Ukraine ankommen werden, wenn die Front sich zumindest an den Westgrenzen des Donbass, also der Oblasten Donezk und Luhansk, stabilisiert und also ein „Kriegsziel“ Putins erreicht ist. Der Vorteil der 2000er, die für ihren Waffentyp immense Beweglichkeit, ist bei einem Stellungskrieg ohne Bedeutung.

Bedeutsam ist für Moskau, dass die Zeit jetzt auf seiner Seite ist. Dass es praktisch keine Gegenwehr für Terror-Bombardements wie am Freitag in Dnipro gibt. Und dass mit der Zeit westliche Empörung verebbt und westliche Verurteilung schal wird.

Leitartikel Seite 13

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