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Der „Regenkönig“ im Kreml

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Von: Stefan Scholl

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Muss sich nun auch gegen Kritik seiner Anhänger rüsten: Russlands Präsident Putin.
Muss sich nun auch gegen Kritik seiner Anhänger rüsten: Russlands Präsident Putin. © Mikhail Klimentyev/dpa

Russlands Staatschef Wladimir Putin bekommt es erstmals mit Kritik seiner Kernanhängerschaft zu tun.

Moskau – Die Staatsmacht trage die Verantwortung. „Worin liegt der Sinn der Autokratie, die wir haben? Wir geben dem Herrscher alle Macht, er rettet uns dafür alle, wenn es kritisch wird, Volk, Staat, Bürger“, schreibt Alexander Dugin auf seinem Telegram-Kanal. „Aber wenn er uns nicht rettet, dann erwartet ihn das Schicksal des Regenkönigs (siehe Frazer).“ Der britische Ethnologe James Frazer hatte vor 100 Jahren in seinem Buch „Der goldene Zweig“ von afrikanischen Stämmen am oberen Nil berichtet, deren „Regenkönige“ die Fähigkeit besitzen, Regen zu beschwören. Fällt jedoch kein Regen, schlachten die Untertanen ihren König.

Wladimir Putin bekommt es nach dem Abzug seiner Truppen aus der südukrainischen Gebietshauptstadt Cherson erstmals mit Kritik und Protesten seiner Kernanhängerschaft zu tun. In einem weiteren Telegram-Post bezeichnete Dugin Putin als „versiegelten Briefumschlag“, dessen Inhalt niemand kenne, den man aber endlich öffnen müsse. Gestern dagegen versicherte der 60-jährige Soziologe, er und andere Patrioten unterstützten den Präsidenten und seine „Spezialoperation“ in der Ukraine bis zum Ende. Seine Texte über Putin als Briefumschlag und als Regenkönig löschte Dugin aber nicht.

Mehrere ukrainische Portale sprachen von einer Morddrohung gegen Russlands Staatschef. Dabei gilt der Antiliberale Dugin nicht nur als Ideengeber der russischen Rechtsradikalen, sondern auch des Kreml. Nach dem Tod von Dugins Tochter Darja bei einem Autobombenanschlag im August zeichnete Putin die Politologin posthum mit dem Tapferkeitsorden aus. Jetzt aber konstatiert das US-Militärforschungsinstitut ISW „einen ideologischen Bruch“ zwischen den Kriegsbefürwortern und dem Staatschef. „Es fällt Putin zusehends schwer, die stark ideologisierte Kriegspartei zufriedenzustellen.“ Auch Propagandisten fordern laut ISW mehr Hingabe der politischen Spitze zur Erreichung der Ziele. So verlangte der bisher stets linientreue TV-Moderator Wladimir Solowjow vom Kreml eine Gesamtmobilmachung und die Entlassung „unfähiger“ Beamter.

Noch wagt außer Dugin kaum jemand, Putin zu kritisieren. Aber dieser wird mit immer neuen Ansprüchen konfrontiert. Während die Turbonationalisten möglichst total mobil machen wollen, gehen seit etwa einer Woche die Angehörigen der Mobilisierten auf die Straße. In den Provinzhauptstädten Woronesch, Kursk und Wologda verlangten Dutzende von Demonstrierenden, meist Frauen, den Abzug ihrer Söhne und Männer aus den vordersten Frontlinien. Noch sind die Proteste vereinzelt, noch fordern ihre Teilnehmerinnen keinen Frieden, sondern eine Kampfpause, ausreichende Ausbildung und Bewaffnung für ihre Männer. In Uljanowsk meuterten Soldaten wegen ausbleibender Soldzahlungen.

Im Gegensatz zu den etwa 700.000 Russ:innen, die aus Angst vor einem Fronteinsatz das Land verlassen haben, gehören die Mobilisierten zu Putins Stammklientel: Leute, die gehorchen, wenn der Staatschef befiehlt. Für alle Fälle hat er ihnen umgerechnet 3200 Euro Monatssold versprochen. Bei den 318.000 Soldaten, die laut Verteidigungsministerium rekrutiert worden sind, würde allein dieser Sold Russlands Haushalt jährlich mit knapp zwölf Milliarden Euro belasten. Von neuen Mobilisierungen, wie die Militaristen sie fordern, ganz zu schweigen.

Deren Darstellung des Ukrainefeldzugs als heroischer Neuauflage des Abwehrkampfes gegen Hitlers Nazihorden begeistert die Mehrheit ihrer Landsleute nicht. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungszentrums Lewada wünschen inzwischen 57 Prozent von ihnen Friedensverhandlungen mit der Ukraine. „Für die Russen ist Cherson nicht Stalingrad“, sagt der Kiewer Sicherheitsexperte Oleksy Melnyk. Wer Soldat werde, der kämpfe nicht, um das Vaterland vor dem Untergang zu retten, sondern um Hypotheken und Kredite zu bezahlen. Putin könnte es zusehends schwerfallen, Kriegsnationalisten und Konsumenten gleichzeitig zufriedenzustellen. (Stefan Scholl)

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