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Stellungskämpfe statt Kavallerieangriff: Es wird eine lange Schlacht um Cherson

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Von: Nail Akkoyun

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Bei ihrer Gegenoffensive will die Ukraine die Hafenstadt Cherson zurückerobern. Doch im Süden des Landes werden lange, harte Kämpfe erwartet.

Cherson – Kaum ist die ukrainische Gegenoffensive in der Region Cherson gestartet, kursieren bereits widersprüchliche Berichte aus Russland und der Ukraine. Während Kiew erklärte, man habe bereits die erste Verteidigungslinie durchbrochen, erklärte Moskau, dass ukrainische Truppen bei einem gescheiterten Angriff besiegt worden seien. Zudem soll es zu schweren Verlusten unter den ukrainischen Streitkräften gekommen sein, behauptete das russische Verteidigungsministerium – unabhängig überprüfen ließen sich bislang keine der Behauptungen.

Fakt ist, dass dem ukrainischen Militär ein harter Kampf bevorsteht. Nicht umsonst zog Russland bereits Truppen aus dem Donbass ab, um im Süden die Hafenstadt Cherson verteidigen zu können. „Die schweren Kämpfe gehen weiter, unsere Soldaten sind rund um die Uhr im Einsatz“, sagte auch Vitaliy Kim, Leiter der benachbarten Region Mykolajiw, auf Twitter.

Wie schon einige hochrangige ukrainische Militärs hielt sich Kim größtenteils mit Informationen über den Gegenschlag zurück und forderte die Öffentlichkeit auf, sich zu gedulden. „Man kann nicht alles kommentieren“, sagte Kim. Er gestand jedoch ein, dass Russland mehrere Militärfahrzeuge ausschalten konnte, weshalb die Ukraine nun „Drohnen und Fahrzeuge“ im Süden des Landes bräuchte.

Ein Ukrainischer Soldat läuft in Richtung der Front in der Region cherson, Mykolaiv. (Archivbild)
Ein ukrainischer Soldat läuft in Richtung der Front in der Region Cherson. (Archivbild) © IMAGO/Alex Chan

Gegenoffensive im Ukraine-Krieg: Kampf um Cherson beginnt am Fluss Dnipro

Unterdessen meldete das ukrainische Einsatzkommando „Süd“ am Dienstag (30. August), dass die „Stellungskämpfe“ in der Region Cherson weitergingen. Dabei seien drei wichtige Brücken über den Fluss Dnipro erneut beschossen worden, um sicherzustellen, dass sie für die russischen Truppen weiter unpassierbar seien. In den vergangenen Wochen setzte die Ukraine für ähnliche Aktionen aus den USA gelieferte HIMARS-Raketen ein, um unter anderem russisch-besetzte Brücken und Kommandoposten zu bombardieren.

Doch selbst wenn am Dnipro erste Erfolge gegen die russischen Streitkräfte erzielen sollte, dämpfte Kiew bereits die Erwartung eines schnellen Sieges: Die Großoffensive werde vielmehr eine „langsame Zermürbung des Feindes“ – eine Einschätzung, die auch viele Militärexpert:innen teilen.

„Der langfristige Trend ist die allmähliche Schwächung der russischen militärischen Fähigkeiten und die allmähliche Stärkung der ukrainischen Fähigkeiten mit westlicher Hilfe“, sagte etwa Sir Alex Younger, ein ehemaliger Leiter des britischen Geheimdienstes MI6, gegenüber der BBC. Bei dem Gegenschlag ging es darum, „zu zeigen, dass die Ukraine in der Lage ist, an vorderster Front zu kämpfen“. Man wolle die Unterstützung der ukrainischen Truppen damit „in einem schwierigen Winter untermauern“.

Ukraine-Krieg: Gegenoffensive soll Russland aus Cherson „verdrängen“

Für einen langen, schwierigen Kampf spricht auch die Einschätzung des ukrainischen Experten Mykhaylo Schirochow: „Wir sollten nicht mit einem Kavallerieangriff rechnen, denn der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte will keine Straßenkämpfe.“ Dies würde nicht nur zu schweren Verlusten auf ukrainischer Seite führen, sondern auch Zivilpersonen in Cherson gefährden. „Die ukrainische Strategie besteht darin, den Feind zu verdrängen“, sagte Schirochow der BBC und prognostizierte, dass dies „nicht schnell geschehen wird“.

Doch die Zeit tickt: Auf die Truppen kommt im Ukraine-Krieg ein harter Winter zu, bereits ab Mitte Oktober dürften „die meisten Feldwege in der Region wegen Schlamm und Scheematsch unpassierbar sein“, sagte Schirochow. Darüber hinaus geht das US-Außenministerium davon aus, dass hochrangige russische Beamte mit der Organisation eines Annexionsreferendums in Cherson beauftragt worden seien, wie ein Sprecher am Dienstag gegenüber Reporter:innen erklärte. (nak)

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