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„Entsetzliche Schreie“: Zeugen berichten über grausame Folterkammern in Cherson

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Von: Andreas Apetz

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Fotos zeigen die beschmierten Wände der Polizeistation in Cherson
Fotos zeigen die beschmierten Wände der Polizeistation in Cherson. (Archivfoto) © NurPhoto/Imago Images

In Cherson wurde eine Polizeistation zum Zentrum der russischen Folter umfunktioniert. Zeugen berichten über das Vorgehen der Besatzer.

Cherson – Der Rückzug der russischen Streitkräfte aus Cherson sind ein großer Sieg für die Ukraine. Sie offenbaren allerdings auch die schrecklichen Kriegsverbrechen, die im Laufe der neunmonatigen Besatzung stattgefunden haben. Neben Zerstörung und Plünderei ist nun immer wieder die Rede von grausamen Folterungen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Russland im Ukraine-Krieg zu Quälerei greift: Ende August warfen befreite Asow-Kämpfer aus Mariupol den russischen Besatzern „schwere Folter“ vor.

Auch wenn die Informationslage im Ukraine-Krieg nur schwer zu überprüfen sind, ist für die ukrainische Polizei die Sache klar: In Cherson wurde gefoltert. Insgesamt 63 Leichen mit Folterspuren sollen in der Hauptstadt gefunden worden sein. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Suche gerade erst begonnen hat [...]“, sagte der ukrainische Innenminister Denys Monastyrskyj am Donnerstagabend (17. November).

Folter in Cherson: Schwere Misshandlungen in der Ukraine

Wie viele Personen letztlich in Cherson von den russischen Besatzern misshandelt und getötet wurden, lässt sich derzeit nur schwer einschätzen. Zahllose Menschen bleiben auch nach der ukrainischen Übernahme der Stadt vermisst. Neben den bisherigen Leichenfunden haben noch mehr als 40 überlebende Betroffene bei den ukrainischen Behörden bestätigt, gefoltert worden zu sein. Das berichtete der Spiegel. Das Vorgehen der russischen Soldaten während der Folter wurde von Zeugen und Behörden im ukrainischen Fernsehen geschildert.

„Sie wurden mit Strom malträtiert, mit Metallrohren geschlagen, ihre Knochen wurden gebrochen“, erklärte Dmytro Lubinetz, Ombudsmann für Menschenrechte. „Sie sagten [...], sie würden uns zwingen, auf ein Minenfeld in Richtung der ukrainischen Stellungen zu laufen“, berichtete ein 27-jähriger Gefangener in der Tagesschau. Auch Erniedrigungen und psychische Tortur, wie Schlafentzug oder das Vorenthalten einer Toilette, machten sich die Russen zunutze, um die Insassen zu schikanieren. Opfer, die das Martyrium nicht überstanden, wurden „eingewickelt in Zellophan“ und „in den Müll geworfen“, berichtete eine Augenzeugin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Kriegsverbrechen in Cherson: Mehrere Folterkammern gefunden

Laut dem Innenministerium sind es insgesamt elf Orte in Cherson, an denen Menschen gefangengehalten und gefoltert wurden. Im Zentrum steht dabei wohl die städtische Polizeistation. Aufnahmen vom Spiegel zeigen verwahrloste Büroräume und Zellen mit vergitterten Fenstern. Die Wände sind beschmiert mit russischen Parolen und dem Z-Symbol. Über neun Monate hinweg wurde das polizeiliche Gebäude zum Folterzentrum umfunktioniert.

Dünne Wände sorgten dafür, dass die Gefolterten nicht nur ihre eigenen Qualen, sondern auch das Leid ihr Zimmernachbarn erfuhren. „Ich konnte den ganzen Tag über hören, wie die anderen gefoltert wurden. Das waren entsetzliche Schreie“, zitiert die Tagesschau einen Zeugen. Auch außerhalb der Polizeistation sollen die gequälten Rufe zu hören gewesen sein. Der Menschenrechtsbeauftragte Lubynez sagte, er habe ein solches Ausmaß an Folter bei all seinen Reisen zu „Folterkammern in unterschiedlichen Regionen“ des Landes „noch nie zuvor gesehen“. (aa/dpa/afp)

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