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Saporischschja: Das AKW auf dem Schlachtfeld

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Das Atomkraftwerk in Saporischschja in der Ukraine ist wieder am Netz. Doch die Gefahr einer Kernschmelze bleibt.

Kiew – Das Kernkraftwerk Saporischschja in der Ukraine scheint zumindest teilweise wieder zu funktionieren. Wie der ukrainische Staatskonzern Energoatom am Freitag (26. August) mitteilte, ist am Nachmittag einer der Reaktorblöcke wieder in Betrieb gegangen. Alle sechs Reaktoren waren am Donnerstag ausgeschaltet worden, nachdem eine Aschenhalde des benachbarten Wärmekraftwerkes in Brand geraten war.

Das Feuer soll mehrere Kurzschlüsse ausgelöst und die letzte Stromlinie unterbrochen haben, die das Kernkraftwerk mit dem Stromnetz verband. Nach Angaben der russisch kontrollierten Verwaltung im besetzten Teil der Region Saporischschja hatten zuvor ukrainische Streitkräfte das Gelände beschossen, die ukrainische Seite beschuldigt ihrerseits die Truppen Russlands.

Das Atomkraftwerk bei Saporischschja.
Das Atomkraftwerk bei Saporischschja. © dpa

AKW Saporischschja – Russland und Ukraine beschuldigen sich gegenseitig

Das größte AKW Europas war zum ersten Mal vollständig heruntergefahren worden. Die Russen hatten im Ukraine-Konflikt die Anlage am Ostufer des Dnipros Anfang März erobert, die Reaktoren werden aber weiter von ukrainischen Techniker:innen bedient und sind an das landesweite Energienetz angeschlossen. Schon bei den Kämpfen im März war auf dem Kraftwerksgelände ein Brand ausgebrochen, in den vergangenen Wochen häufte sich Beschuss auch aus schweren Waffen, beide Seiten machten sich gegenseitig verantwortlich.

Ein ukrainischer AKW-Mitarbeiter sagte der BBC, die Russen hätten Schützenpanzer und Raketenwerfer auf dem Kraftwerksgelände positioniert. Und nach Angaben der russischen Staatsagenturen nahmen kürzlich Nationalgardisten, die das AKW bewachten, zwei ukrainische Mitarbeiter fest, die der ukrainischen Armee Informationen auch über die Position von Militärtechnik geliefert hätten – ein Beleg dafür, dass das russische Militär die Anlage tatsächlich als Stützpunkt nutzt.

Ukraine-Krieg: Kernschmelze im AKW Saporischschja wäre möglich gewesen

Es lässt sich darüber streiten, ob die Russen sich dort selbst beschießen, um das dann den Ukrainern in die Schuhe zu schieben. Aber Artilleriesalven gab es im August immer wieder. Und der Moskauer Atomphysiker Andrei Oscharowski schließt gegenüber unserer Zeitung nicht aus, dass schwere Raketen, die von der gegnerischen Luftabwehr getroffen wurden, zufällig auf der Schutzhülle der Reaktoren landen und sie durchschlagen könnten.

Das AKW Saporischschja
Das AKW Saporischschja © FR

Aber nach Aussage des ukrainischen Atomingenieurs Oleksandr Kupnyj würde solch ein Zufallstreffer noch keine GAU-Gefahr bedeuten. „Um den Reaktor selbst zu beschädigen, müssen mehrere Präzisionssprengköpfe die gleiche Stelle treffen“, sagte er auf YouTube.

AKW Saporischschja in der Ukraine: Kernschmelze von Dieselgeneratoren abgewendet

Die Kurzschlüsse am Donnerstag haben gezeigt, dass den Kernreaktoren in Saporischschja noch ganz andere Gefahren drohen. Zwei der sechs Blöcke hatten die Mitarbeiter:innen des AKW schon vorher komplett heruntergefahren. Aber mindestens zwei arbeiteten bis Donnerstag auf Hochtouren. Auch nachdem man sie abgeschaltet hatte, mussten sie weiter gekühlt werden, um zu verhindern, dass die noch laufenden Kernspaltungsprozesse in ihrem Inneren zu einer Überhitzung und zur Schmelze des Reaktorkerns führten.

Die Stromversorgung war unterbrochen, deshalb gingen mehrere in Reserve stehende Dieselgeneratoren in Betrieb. „In dieser Situation hätten die Dieselgeneratoren auch beschädigt werden können“, sagt Oscharowski. Laut Oscharowski wäre dann eine Kernschmelze wie in Fukushima 2011 wahrscheinlich gewesen. (Frank Hölthohne)

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