1. Startseite
  2. Politik

Ukraine-Konflikt: Bulgarien fremdelt mit der Nato

Erstellt:

Von: Adelheid Wölfl

Kommentare

Bulgariens Regierung findet angesichts der russischen Drohungen gegen die Ukraine keine klare Haltung. Grund: die Nähe der Sozialisten zu Moskau.

Sofia – Die neue bulgarische Regierung unter Premier Kiril Petkov tut sich angesichts der Ukraine-Krise ganz offensichtlich schwer, eindeutig Stellung zu beziehen. Die Loyalitätsbezeugungen Richtung des Nato-Bündnis-Partners erfolgen vergleichsweise viel zögerlicher als im Nachbarland Rumänien, das auch schon während der kommunistischen Zeit weniger unter dem Einfluss Russlands stand.

Verteidigungsminister Stefan Janev etwa meinte, dass Nato-Truppen, die wegen der russischen Bedrohung in Bulgarien stationiert werden könnten, unter „bulgarischem Kommando“ stehen müssten. Damit will man in Sofia signalisieren, dass es Bulgarien nur darum geht, das eigene Territorium zu verteidigen, nicht aber um Solidarität unter den Bündnis-Partnern. Ganz ähnliche Worte kamen von Premier Petkov.

Die Opposition übt heftige Kritik. Daniel Mitov von der konservativen Partei Gerb meinte gar, dass die Regierung sich so benehme, als sei Bulgarien nicht Mitglied der Nato, sondern des Warschauer Paktes, des früheren Militärbündnisses des Ostblocks. Der bulgarische Sicherheitsexperte Bojko Nikolov analysiert, dass die „weiche“ Position der bulgarischen Regierung vor allem damit zu tun habe, dass die Sozialisten, „die zu 80 Prozent hinter der Politik des Kremls stehen“, Teil der neuen Vierer-Koalition sind.

Präsident Radev: Laut Opposition „mutlos“

Nikolov verweist auch darauf, dass die Regierung keine Stellungnahme dazu abgegeben habe, wer eigentlich für die Eskalation der Krise verantwortlich sei. Die Sozialistische Partei sei sogar dagegen, dass überhaupt zusätzliche Nato-Truppen nach Bulgarien kommen würden. Auch die Rolle des bulgarischen Präsidenten Rumen Radev, der den Sozialisten nahe steht, sei für die „mutlose“ Haltung Bulgariens in der Ukraine-Frage maßgeblich, so der Analyst.

US-Soldaten üben beim Nato-Manöver „Defender Europe 21“ auf bulgarischem Boden. Aktuell tut Sofia sich schwer mit Solidarität.
US-Soldaten üben beim Nato-Manöver „Defender Europe 21“ auf bulgarischem Boden. Aktuell tut Sofia sich schwer mit Solidarität. © Zuma Wire/Imago Images

Der Regierung gehe es vor allem darum, die bulgarischen Interessen zu vertreten. „Aber das wäre auch möglich, wenn man trotzdem eine klare Haltung zu den Bündnispartnern einnimmt“, kritisiert Nikolov, der das Webportal BulgarianMilitary.com betreibt. „Es ist Zeit, dass Bulgarien ein neues Gesicht zeigt und wir Europa demonstrieren, dass wir ein stabiler Partner sind. Wenn wir das nicht tun, dann werden wir immer das prorussische Land vom Balkan bleiben, dessen Leute nicht an die Europäer im Westen glauben“, meint der 46-Jährige.

Russlands Energie ist unverzichtbar

Ein Problem Sofias ist aus Sicht des Analysten, dass Bulgarien „zu 100 Prozent von der Energie aus Russland abhängig ist“. Man sei aber auch als Schwarzmeer-Anrainer in einer heiklen Lage. Von der bulgarischen Küste ist es nicht weit bis auf die Krim, aber auch nicht weit nach Odessa.

Gerade wegen dieser Nähe fürchten manche Bulgaren, dass sie den Zorn des Kreml auf sich ziehen könnten, wenn in der Stadt Varna am Schwarzen Meer eine Nato-Basis errichtet werden würde. „Viele Leute hier verstehen nicht, dass die Nato ein defensives, in erster Linie schützendes Militärbündnis ist. Sie glauben, dass die Nato für die Ukraine und gegen Russland eingreifen wird. Und sie denken, dass es dann zu einem großen Krieg zwischen der Nato und Russland kommen könnte“, erklärt Nikolov.

Mit Russland durch die Geschichte verbunden

Jedenfalls sind viele Bulgar:innen angesichts der Spannungen besorgt. Die Gesellschaft ist gespalten: Ein Teil empfindet Loyalität mit der Nato, ein anderer, auch aus historischen Gründen, fühlt sich verbunden mit Russland. Die Grundstimmung ist ähnlich wie in Serbien. „Viele Leute in Bulgarien kennen nur einen Teil der Geschichte. Sie haben gelernt, dass Russland Europa von den Nazis befreit hat. Aber sie kennen nicht den anderen Teil der Geschichte, etwa die Verbrechen im Stalinismus“, erklärt Nikolov die Atmosphäre im Lande.

Grundsätzlich hätten aber viele Menschen im Land auch große Solidarität mit den Ukrainerinnen und Ukrainern. Denn die Geschichte der Ukraine und Bulgariens sei ähnlich. Beide haben 45 Jahre lang unter „sowjetischer Aufsicht“ gelebt. „Aber jetzt leben wir in einer freien Demokratie, ohne ein kommunistisches Regime und ohne dass uns Russland diktiert, was wir tun sollen“, so Nikolov. Viele Bürger:innen seien der Auffassung, dass die Menschen in der Ukraine dasselbe verdient hätten. (Adelheid Wölfl)

Auch interessant

Kommentare