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Ukraine: Kampf um Donbass - Rebellen melden Angriffe aus Kiew

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Von: Stefan Scholl

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Ein ukrainischer Soldat auf seinem Posten in Lugansk. Vadim Ghirda/dpa
Ein ukrainischer Soldat auf seinem Posten in Lugansk. Vadim Ghirda/dpa © dpa

Die prorussischen Rebellen im Donbass melden ukrainische Angriffe und evakuieren Zehntausende Menschen – doch noch wird verhandelt.

Kiew – Schüsse und Salven knallen, schwer bewaffnete Krieger kauern hinter Stahlschilden. Einer steht ungeschützt auf der nächtlichen Straße und schießt eine Panzerabwehrgranate auf das Haus ab, in dem sich angeblich ukrainische Terroristen verschanzt haben. „Ein gefangener Guerillero legte beim Fluchtversuch eine Granate in die Hand eines liquidierten Mitglieds der Gruppe“, berichtet der Sprecher des Rebellensenders „Oplot TV“. Die Kamera fährt auf eine reglose Gestalt am Boden zu, in deren Hand eine Granate liegt. „Granate!“, brüllen die Rebellen. Es bleibt unklar, ob sie noch explodiert. Und ob der ganze Kampf nicht doch nur ein Schauspiel gewesen ist.

Am Sonntag (20.02.2022) meldeten die Staatssicherheitsorgane der Donezker Rebellenrepublik, sie hätten tags zuvor nach heftigem Kampf eine Gruppe Ukrainer gefangengenommen, die in Donezk Gasleitungen, Kläranlagen und Stromwerke in die Luft jagen wollte. Seit mehreren Tagen verbreiten die Medien Russlands sowie der ostukrainischen Rebellenrepubliken Donezk und Lugansk das immer gleiche Narrativ: Die Ukrainer bombardieren und attackieren, sie töten Zivilpersonen, aber die Separatistenmiliz wehrt sie sieghaft ab. Das russische Verteidigungsministerium reagierte vorerst nur mittelbar.

Es verlängerte die russisch-weißrussischen Manöver in Belarus, die eigentlich am Sonntag (20.02.2022) hätten enden sollen, auf unbestimmte Zeit. Kremlsprecher Dmitri Peskow bezeichnete die Lage im Donbass als „äußerst angespannt“.

Ukraine-Konflikt: 18 feindliche Beschüsse in 24 Stunden

Nach Angaben des Lugansker Informationszentrums der Separatisten versuchte eine ukrainische Sturmbrigade am Sonntag (20.02.2022) gegen fünf Uhr morgens bei der Ortschaft Pionerskoje, die Rebellenverteidigung zu durchbrechen. Dabei tötete sie zwei Zivilpersonen und zog sich unter Verlusten wieder zurück. Am Morgen soll die ukrainische Artillerie eine Chemiefabrik in Donezk beschossen haben. Die Lugansker Rebellen meldeten 18 feindliche Beschüsse in den vergangenen 24 Stunden, die Ukrainer mehr als 20 und einen eigenen Verletzten.

Am Samstag (19.02.2022) hat die OSZE-Beobachtergruppe im Donbass etwa 2000 Verstöße gegen die Waffenruhe registriert, am Vortag waren es 1600, am Donnerstag 870. Am heikelsten waren dabei drei mutmaßlich ukrainische Geschosse, die laut russischer Agentur Tass am Samstag (19.02.2022) im russischen Landkreis Tarasowski einschlugen; das dritte soll das Dach eines Wohnhauses oder Wirtschaftsgebäudes beschädigt haben. „Die Provokationen sind sehr gefährlich“, kommentierte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Münchner Sicherheitskonferenz. „Eine Salve, ein Kanonenschuss kann zum Krieg führen.“

Separatisten machen im Ukraine-Konflikt mobil

Kremlnahe Beobachter kündigen seit Tagen Selenskyjs Befehl zum Großangriff auf die Rebellenrepubliken an. Aber der Ukrainer versichert seit Wochen, der Donbass-Konflikt sei nur mit diplomatischen Mitteln zu lösen. Auch aus München schlug er Wladimir Putin ein persönliches Treffen vor.

Am Freitag hatten die Rebellenrepubliken überraschend die Evakuierung der Zivilbevölkerung nach Russland verkündet, bis Sonntag trafen nach Angaben des russischen Katastrophenschutzes von insgesamt 2,2 Millionen Menschen im Donbass etwa 40 000 in Russland ein. Die Rebellen riefen die allgemeine Mobilmachung für alle Männer zwischen 18 und 55 Jahren aus. „Diese informativen Vorbereitungen“, sagt der liberale russische Politologe Abbas Galamow, „lassen schlussfolgern, dass alles für den Beginn umfassender Kampfhandlungen bereit ist.“

Ukraine-Konflikt: „Lokaler Angriff“ im Donbass?

Und Juri Butussow, Chefredakteur des ukrainischen Portals Zensor.NET, schreibt: „Russland will Handlungsfreiheit für einen sehr wahrscheinlichen lokalen Angriff im Donbass.“ Der Kiewer Politologe Wadim Karassjew erwartet, dass Moskau dabei wie schon bei den Kämpfen im Donbass 2014 und 2015 nicht offen eigene Truppen einsetzen wird, sondern Streitkräfte, die als Volksmiliz der Rebellen auftreten.

Aber Karassjew betrachtet eine regionale Offensive im Donbass als äußersten Fall. „Bisher geht es darum, Kiew zu direkten Verhandlungen mit den Rebellen zu nötigen.“ Wenn es Moskau gelänge, Kiew zu zwingen, seine Verfassung im Rahmen des Minsker Friedensabkommens zu ändern, werde es nicht zum Krieg kommen.

Am Sonntag (20.02.2022) telefonierte der französische Präsident Emmanuel Macron erst mit Wladimir Putin, dann mit Selenskyj; am Donnerstag (24.02.2022) wollen sich US-Außenminister Antony Blinken und sein russischer Kollege Sergej Lawrow treffen. Noch wird verhandelt. (Stefan Scholl)

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