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Mann aus Gießen lebt in der Ukraine: Sein Auto ist abfahrbereit, die Angst ist groß

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Auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Wahlheimat des gebürtigen Gießeners Ario Dehghani, marschieren Menschen mit Fackeln in der Hand in Solidarität gegen die russische Aggression durch die Straßen.
Auf dem Maidan-Platz in Kiew, der Wahlheimat des gebürtigen Gießeners Ario Dehghani, marschieren Menschen mit Fackeln in der Hand in Solidarität gegen die russische Aggression durch die Straßen. © DPA Deutsche Presseagentur

Ario Deghani lebt mit seiner Familie in der Ukraine. Dort droht Krieg. Die Bundesregierung fordert Deutsche auf, das Land zu verlassen. Was macht die Familie nun?

Gießen – Der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine spitzt sich zu. Auch die deutsche Bundesregierung hat mittlerweile alle Deutschen aufgefordert, die Ukraine zu verlassen; doch der in Gießen aufgewachsene und seit 2014 in der Ukraine lebende Ario Dehghani will dies nur im Notfall tun. Er hofft, dass es nicht zum Krieg kommt.

Surreal - dieses Wort fällt Ario Dehghani zuerst ein, wenn man ihn auf die aktuelle Situation in der Ukraine allgemein und in Kiew speziell anspricht. Auf der einen Seite gebe es keine hektischen Panikkäufe der Menschen angesichts eines möglichen Krieges gegen Russland. Sie seien vielmehr gefasst. Auf der anderen Seite würden frei erhältliche Jagdwaffen reißenden Absatz finden, und selbst Programmierer würden nach Feierabend im Wald Schießübungen machen, um im Notfall zu kämpfen. »Viele hier können sich nicht vorstellen, dass Russland die Ukraine angreifen wird«, sagt Dehghani, der in Gießen aufgewachsen ist und nun in Kiew lebt. Aber nach der Annexion der Krim trauten sie »Putin alles zu und stellen sich dementsprechend auf alles ein«.

Gießener in der Ukraine: Familie Dehghani hat Angst Lebensmittelpunkt in Kiew

Russland hat Tausende Soldaten an die ukrainische Grenze verlegt. Auch in Belarus stehen russische Verbände bereit. Der Kreml bestreitet aber, sein Nachbarland angreifen zu wollen. Der Auslandsgeheimdienst der USA, die CIA, hingegen soll laut Medienberichten mit einem Angriff der russischen Streitkräfte auf die Ukraine am morgigen Mittwoch rechnen. Regierungschefs und Außenminister versuchen durch hartnäckige Diplomatie, einen möglichen Krieg zu verhindern.

Und ausgerechnet in dieser Zeit steht bei den Dehghanis ein schönes Ereignis an: der Umzug ins neue Eigenheim. Bereits 2014 war der Compliance-Anwalt zusammen mit seiner ukrainisch-russischen Ehefrau nach Kiew gezogen, hatte aber zwei Jahre lang noch alle zwei Wochen in München gearbeitet. 2016 suchte er sich in Kiew einen neuen Arbeitgeber und hat seitdem dort seinen beruflichen und privaten Lebensmittelpunkt. Die zwei Kinder sind vier und sechs Jahre alt.

Kriegsgefahr in der Ukraine: Jurist aus Gießen bezeichnet Lage als angspannt

Es ist erstaunlich, wie gelassen der 45 Jahre alte Dehghani mit der möglichen Kriegsgefahr umgeht - angesichts seiner Biografie. Seine Mutter ist gebürtige Licherin, sein Vater Perser. In Teheran geboren, muss die Familie nach der Revolution aus dem Iran Hals über Kopf fliehen. »Noch drei Jahre danach hatte ich Albträume von der Flucht«, sagt er. Die Familie kam nach Gießen, blieb dort hängen, Dehghani und sein Bruder gingen hier zur Schule, studierten und spielten beim MTV Basketball. Vor ihren Kindern, sagt er, würden sie nicht über den Konflikt sprechen. Das würden sie erst tun, wenn die Flucht unvermeidlich sei.

Die Lage im Land bezeichnet der Jurist als durchaus angespannt, obwohl vieles seinen gewohnten Gang gehe. Schulen und Kitas seien beispielsweise weiterhin geöffnet. Es sei aber weniger los auf den Straßen. So wie an Weihnachten, wenn alle ihre Verwandten besuchen würden. Nur leider ist der Anlass für das Abhandensein der Fahrzeuge eben kein schöner. Viele verließen Kiew, weil sie mit einem Angriff durch Russland rechneten. Auf der anderen Seite gebe es viele, die bewusst vor Ort blieben und sich mit Jagdwaffen ausstatteten. Und genau das macht Dehghani Sorgen: »Wenn Russland wirklich nach Kiew kommt, wird es ein Blutbad geben.«

Familie Deghani aus Gießen lebt in der Ukraine: Das Auto ist abfahrbereit

Er erinnert sich beispielsweise an die 2014er-Proteste gegen den damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch. Scharfschützen hatten auf Demonstranten gefeuert, die eine Öffnung des Landes Richtung Westen gefordert hatten. Am nächsten Tag seien nicht weniger, sondern mehr Menschen auf den Maidan-Platz gekommen. »Die Ukrainer sind hart im Nehmen«, sagt Dehghani, »und in einer Notlage stehen sie erst recht auf.«

Dehghani merkt, dass sich die Stimmung langsam ändert. Dass die deutsche Bundesregierung lediglich einige Tausend Helme in die Ukraine schicken will, hätten viele im Land nicht verstanden. »Was ist mit Deutschland los?«, sei er oft gefragt worden. Er erlebe auch einen übersteigerten Nationalismus, »der nicht gesund sein kann«, betont Dehghani gerade mit Blick auf die deutsche Geschichte. Der 45-Jährige spricht besser Russisch als Ukrainisch - und ecke damit durchaus an.

Die Bundesregierung hat alle Deutschen in der Ukraine aufgefordert, das Land zu verlassen. »Ich denke, wir bleiben erst mal hier«, sagt Dehghani, der sich gerade erst von einer Corona*-Infektion erholt hat. Natürlich erhielten sie gerade viele Nachrichten von Freunden aus dem Ausland, die sich um sie sorgen. Dehghani beruhigt sie dann. Aber zur Sicherheit ist das Auto vollgetankt, Bargeldreserven vorhanden, und die Notfalltasche mit wichtigen Dokumenten und ein bisschen Wechselkleidung soll auch noch gepackt werden. Innerhalb von drei bis vier Tagen, sagt Dehghani, könnten die Moskauer Truppen Kiew erreichen. Bis dahin könne sich die Familie Richtung Westen absetzen. Und weg vom Abgrund. (Kays Al-Khanak) *giessener-allgemeine.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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