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Putins Pipelines: Die Macht von Gazprom im Ukraine-Konflikt

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Von: Tobias Utz

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Nord Stream 2
Rohre der Gaspipeline Nord Stream 2. © Stefan Sauer/dpa

Russlands staatlicher Energieversorger Gazprom will sein Monopol in der EU ausweiten: ein Spielball Putins im Ukraine-Konflikt.

Frankfurt – Die EU will bis zum Jahr 2050 „klimaneutral“ werden, wie es von offizieller Seite heißt. Teil des „Green Deal“ ist laut Angaben der Kommission vor allem, erneuerbare Energien zur tragenden Energiesäule des Kontinents zu machen. Was hingegen an Bedeutung verliert, ist Erdgas. Es zählt zu fossilen Brennstoffen, die mittlerweile als klimaschädlich gelten. Was zur europäischen Vision gehört, hat allerdings wenig mit Deutschlands Realität im Jahr 2022 zu tun.

Die Energiewende in der Bundesrepublik ist noch nicht vollzogen, sodass Deutschland Erdgas benötigt, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Die Macht von Gazprom im Ukraine-Konflikt

Deutschland bezieht rund zwei Drittel seines Erdgases aus Russland – Tendenz steigend. Im Jahr 2019 waren es laut einem Bericht des britischen Ölkonzerns BP noch 51 Prozent. Andere Lieferanten wie die Niederlande oder Norwegen liefern weitaus weniger als Russland.

Russland agiert in diesem Kontext ausschließlich durch Gazprom. Der Konzern hat nahezu freie Hand, da gesetzlich geregelt ist, dass keine Konkurrenten Gaspipelines im Land betreiben dürfen. Wladimir Putin bestimmt die Strategie des Energiekonzerns. „Der Staat kontrolliert mehr als 50 Prozent Aktien des Konzerns“, teilt Gazprom mit. Laut eigenen Angaben kontrolliert das Unternehmen das größte Erdgasvorkommen in Russland.

Die diplomatische Krise im Ukraine-Konflikt offenbart dabei: Die Bundesrepublik ist abhängig vom russischen Brennstoff. In diesem Kontext kommt der Gaspipeline Nord Stream 2, beliefert durch Gazprom, eine enorme Bedeutung zu, sie wird zum politischen Spielball Putins. Die Pipeline, welche durch die Ostsee führt, war als wirtschaftliche Kooperation geplant: Versorgungssicherheit für Deutschland, ein gutes Geschäft für Russland – das war der Deal. Im Ukraine-Konflikt wird plötzlich die Abhängigkeit sehr deutlich. Von Nord Stream 2 wäre jedoch nicht nur Deutschland, sondern auch zahlreiche Transitländer bisheriger Pipelines auf dem Landweg betroffen, beispielsweise die Ukraine. Das Land befürchtet den Wegfall mehrerer Milliarden Euro, die durch den Export von Erdgas eingenommen werden.

Zahlreiche Versuche der Europäischen Union, unabhängiger von russischem Erdgas – und somit von Gazprom – zu werden, erzielten nicht ihre gewünschte Wirkung. Ziel der EU war, einen einheitlichen Gasmarkt zu schaffen, was teilweise gelang: Mitgliedsstaaten kaufen seitdem Erdgas von Russland und handeln damit innerhalb der Europäischen Union.

Gazprom liefert sozusagen nur bis zur EU-Grenze, was nicht im Sinne Russlands ist. Der Energiekonzern präferiert Verträge mit einzelnen Mitgliedsstaaten, um die Preishoheit zu behalten. „Das ist eine Art Wettrennen zwischen der europäischen Regulierung, die versucht, einen gemeinsamen Markt mit einheitlichen Preisen zu schaffen, und der Gazprom, die versucht, unterschiedliche Preise in unterschiedlichen Ländern durchzusetzen“, erklärte Georg Zachmann, Experte für den europäischen Energiemarkt, der Deutschen Welle.

Ukraine-Konflikt könnte sich verschärfen

Laut Zachmann verhält sich Gazprom seit dem Aufflammen des Ukraine-Konflikts vermehrt zurückhaltend. Demnach speise der Konzern weniger Gas für kurzfristig aufkommende Versorgungsschwankungen in den Markt ein. EU-Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen nutzte das Verhalten Gazproms für ein Statement: Russlands Energieversorger verhalte sich „sonderbar“, sagte sie dem Handelsblatt. Der Konzern schüre auf diese Weise „Zweifel“ an der „Zuverlässigkeit“. In welchem Zusammenhang die Strategie von Gazprom allgemein zu bewerten ist, bleibt schleierhaft.

Sollte sich der Ukraine-Konflikt allerdings weiter zuspitzen, könnten sich derartige Verhaltensmuster häufen. Der Thinktank Bruegel errechnete in einer Analyse, dass Deutschlands Erdgaskapazitäten bei einem überraschenden Wintereinbruch Ende März aufgebraucht sein könnten – ein Druckmittel für den Kreml. (tu)

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