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Ukraine: Geschichte und Gegenwart eines zerrütteten Landes

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Von: Joshua Schößler

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Militärübung in der Ukraine
Ukrainische Soldaten während einer Militärübung in der Region Charkiw. © -/Ukrinform/dpa

Zwischen der Ukraine und Russland droht gegenwärtig ein militärischer Konflikt. Alles, was Sie über die Ukraine wissen müssen.

Kiew – Ähnlich wie Belarus und Russland sieht die Ukraine sich als Nachfolgestaat des historischen Reiches der Kiewer Rus. Dieses vereinigte Ostslawen vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee und zerfiel nach der mongolischen Invasion im 13. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert geriet ein Großteil der Ukraine unter die litauisch-polnische Herrschaft, bis es 1569 schließlich Teil des Königreichs Polen wurde.

NameUkraine
SpracheUkrainisch
HauptstadtKiew
Regierungsformsemipräsidentielle Republik
StaatsoberhauptWolodymyr Selenskyj
RegierungschefDenys Schmyhal
Einwohnerzahl41.830.619

Die Ukraine gerät im 17. Jahrhundert unter russische Zarenherrschaft

Die Herrschaft durch das Königreich Polen ging jedoch nicht widerstandslos von sich. Insbesondere die Kosaken taten sich hier hervor, die in freien Gemeinschaften in der Steppe lebten und für ihre Reiterverbände bekannt waren. So gelang es in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts einem ihrer Anführer, Hetman Bohdan Chmelnyckyj, ein autonomes ukrainisches Staatswesen gegen die polnischen Herrschaftsansprüche zu etablieren. Dieses existierte einige Jahrzehnte, wurde jedoch noch im selben Jahrhundert der russischen Zarenherrschaft unterstellt.

Während der drei Teilungen Polens, die 1772, 1793 und 1795 stattfanden, wurde das restliche ukrainische Territorium zwischen Österreich und Russland aufgeteilt. Wo die ukrainische Sprache unter der russischen Herrschaft einer starken Russifizierung ausgesetzt war, konnte sie sich unter den Habsburgern frei entfalten. Nach der Oktoberrevolution (1917) und der damit verbundenen Gründung der Sowjetunion (1922) wurde die Ukraine Teil der UdSSR.

1922 wird die Ukraine Teil der Sowjetunion

Die Sowjetunion wurde nach sprachlich-ethnischen Kriterien gegliedert. Die Ukrainische Sowjetrepublik umfasste demzufolge die Territorien mit einer ukrainischen Bevölkerungsmehrheit. Ihre Kompetenzen blieben zwar beschränkt, und sie musste sich der Parteiherrschaft unterordnen, doch war sie der Kern des heutigen Nationalstaates. Die Ukrainer wurden, im Gegensatz zum Zarenreich, in der Sowjetunion als eigene Nation anerkannt.

1931 wurden ukrainische Bauern durch die Sowjetregierung zu derart hohen Abgaben von Getreide verpflichtet, dass im Jahr 1932 eine gigantische Hungersnot ausbrach, die bis September 1933 andauerte. 3,5 Millionen Menschen starben den Hungertod, wie neueste Schätzungen von Historiker:innen ergeben. Das war über 10 Prozent der damaligen Bevölkerung in der Ukraine. Jede Flucht aus dem Land wurde von Organen der Staatsmacht verhindert. Dieser Massenmord ist unter der Bezeichnung Holodomor (Ukrainisch: holod = Hunger, moryty = Leid, Tötung, Vernichtung) in die Geschichte eingegangen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg folgen in der Ukraine Zwangsumsiedlungen

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Ukraine von starker Industrialisierung und starkem Wiederaufbau geprägt. So kam es auch zu großen Bevölkerungsumsiedlungen: Die gesamte polnische Bevölkerung in der Westukraine wurde entweder umgesiedelt oder vertrieben, die ukrainische Minderheit in Polen wurde in die Ukraine zwangsumgesiedelt. Die Ukraine blieb Teil der Sowjetunion, Chruschtschow machte der Ukrainischen Sowjetrepublik 1954 anlässlich des 300-jährigen Jubiläums der Russisch-Ukrainischen Einheit die Halbinsel Krim zum Geschenk.

Ein für die Ukraine folgenreiches Ereignis war die nukleare Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Am 26. April 1986 explodierte im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ein Kernreaktor, wodurch eine Fläche von fast 150.000 km² radioaktiv verseucht wurde und enorme Schäden für Menschen und Umwelt entstanden sind. Tschernobyl steht bis heute für den größten Unfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomenergie.

Nach dem Fall der Sowjetunion wurde die Ukraine 1991 wieder ein unabhängiger Staat, dessen nationale Identität zwischen westlicher Orientierung und einer politischen Orientierung zu Russland pendelte. Unter den beiden ersten Präsidenten des Landes, Leonid Kravtschuk und Leonid Kutschma, etablierte sich jedoch eine Politik des Machtmissbrauchs, der Korruption und der Clanwirtschaft.

2004 kommt es in der Ukraine zur Orangene Revolution

In der Ukraine verblieben nach dem Fall der UdSSR 176 strategische und über 2500 taktische Atomraketen, deren Kontrollsysteme sich jedoch in Russland befanden. Bis 1996 wurden die ukrainischen Raketen entweder nach Russland abtransportiert oder zerstört. Als Kompensation erhielt die Regierung in Kiew finanzielle Hilfe aus den USA, günstige Energielieferungen aus Russland und Sicherheitsgarantien, die im Budapester Memorandum vom 5. Dezember 1994 festgehalten wurden. Darin verpflichteten sich die USA, Russland und Großbritannien, die territoriale Unversehrtheit und politische Unabhängigkeit der Ukraine weder durch Gewalt, noch durch deren Androhung zu verletzen, keinen wirtschaftlichen Zwang auszuüben, auf jegliche militärische Besetzung zu verzichten und solche keinesfalls anzuerkennen.

2004 geschah die sogenannte Orangene Revolution. Sie bestand in einer Serie von Demonstrationen und Protesten sowie einem geplanten Generalstreik. Auslöser hierfür waren die ukrainischen Präsidentschaftswahlen 2004, bei denen Wahlfälschungen gemeldet wurden. Geführt wurden die Proteste von Anhängern des während des Wahlkampfs durch eine Vergiftung angeschlagenen Präsidentenanwärters Wiktor Juschtschenko. Laut dem offiziellen Ergebnis der Zentralen Wahlkommission war er dem prorussischen Kandidaten Wiktor Janukowytsch unterlegen. Es folgten wochenlange Proteste, bei denen die Bewegung erreichen konnte, dass die erste Stichwahl für ungültig befunden wurde. Juschtschenko gewann bei der Wiederholung der Stichwahl am 26. Dezember 2004.

Allerdings ist das politische Geschehen in der Ukraine seitdem von inneren Machtkämpfen gezeichnet. So entließ Viktor Juschtschenko bereits 2005 die Regierung unter Julia Tymoschenko. Erneute Streitigkeiten nach den Parlamentswahlen 2006 führten dazu, dass Juschtschenko das Parlament auflöste. 2007 einigte man sich auf eine Koalition der Parteien von Juschtschenko und Tymoschenko, die Machtkämpfe hielten allerdings an. In den Präsidentschaftswahlen 2010 erfolgte daraufhin ein Führungswechsel: Wiktor Janukowitsch wurde zum Präsidenten gewählt und Mykola Asarow übernahm das Amt des Ministerpräsidenten.

2013 kommt es in der Ukraine zu den Maidan-Protesten

2013 kam es erneut zu Unruhen in der Ukraine, dieses Mal vornehmlich auf dem Maidan-Platz in Kiew. Diese richteten sich gegen die Regierung. Auslöser war die Erklärung der ukrainischen Regierung, das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union vorerst nicht unterzeichnen zu wollen. Präsident Janukowitsch wurde im Februar 2014 per Beschluss abgesetzt.

Nach Unruhen auf der Halbinsel Krim und einem anschließenden Referendum folgte die völkerrechtswidrige Annektierung der Krim durch Russland. So kam es auch in der Ostukraine zu Unruhen, die bis heute andauern. Die Seperatisten im Donbass fordern mehr Eigenständigkeit, bis hin zu einem vollständigen Anschluss an Russland. In Donezk und Lugansk haben die Menschen bei einem umstrittenen Referendum für die Abspaltung von der Ukraine abgestimmt.

Am 25. Mai 2014 wählten die Ukrainer Petro Poroschenko mit einer Mehrheit von 55 Prozent zum neuen Präsidenten. Poroschenko lag daran, mit Russland in Dialog treten, als langfristiges Ziel sah er die Ukraine aber in der EU. Bei Gefechten zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischem Militär gab es viele Tote und Verletzte, die Lebensbedingungen der Einwohner in den ostukrainischen Großstädten Lugansk und Donezk haben sich dramatisch verschlechtert.

Krieg in der Ukraine: Die russische Invasion

Im September 2014 trat erstmals eine Waffenruhe in Kraft, im Protokoll von Minsk wurden Friedensvereinbarungen getroffen. Allerdings wurde die Waffenruhe schon bald wieder gebrochen. Im 2. Minsker Abkommen haben sich die Konfliktparteien im Februar 2015 erneut auf eine Waffenruhe im Donbass geeinigt. Auch diese wird bis heute immer wieder durch Feuergefechte gestört. Im Frühjahr 2021 ist der Konflikt wieder massiv aufgeflammt. Die Entwicklung in der Ukraine erregt international tiefe Besorgnis.

Russland hatte Anfang 2022 laut westlichen Medien mehr als 100.000 Soldaten an der ukrainischen Grenze zusammengezogen. Der Westen befürchtete deshalb einen russischen Angriff auf das Nachbarland. Russland wies die Vorwürfe jedoch zurück und gab zugleich an, sich von der Nato bedroht zu fühlen. Am 02.02.2022 hatte der russische Präsident Wladimir Putin noch die „mangelnde Bereitschaft“ des Militärbündnisses moniert, „angemessen“ auf Russlands „Sicherheitsbedenken“ einzugehen.

Am 24. Februar 2022 begann dann die Invasion Russlands in die Ukraine. Aus dem Ukraine-Konflikt wurde der Ukraine-Krieg. (Joshua Schößler)

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