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Baerbocks Bahnfahrt mit Sendungsbewusstsein

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Von: Martin Benninghoff

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Neueste Eindrücke: Baerbock in der ARD. Screenshot: Tagesthemen.
Neueste Eindrücke: Baerbock in der ARD. © Tagesthemen. (Screenshot)

Beim Besuch in der Ukraine lässt sich Außenministerin Annalena Baerbock aus einem fahrenden Zug in die ARD-Tagesthemen zuschalten. Anmerkungen zu einem Phänomen des Mediengeschehens.

Angesichts der Internet-Verbindungsprobleme, die man als gewöhnlich-geplagter, im Waggon arbeitender Bahnreisender haben kann, überraschte die aufgezeichnete Schalte in den „Tagesthemen“ der „ARD“ am Dienstagabend. Annalena Baerbock (Grüne) wurde zugeschaltet, aus einem Zug zwischen Charkiw, wo die Außenministerin die Kriegsschäden in Augenschein genommen hatte, und der Hauptstadt Kiew. Das Bild wackelte, der Zug rumpelte, doch die Verbindung stand, und das Mikrofon mit dem blauen „ARD“-Logo ließ sich von all den quietschenden Geräuschen nicht stören.

Die düstere Szenerie hatte etwas Gespenstisches, wie in einem Tunnel, der nicht enden will. Die Flugreisen, die Angehörige der Bundesregierung auf ihren Terminen unternehmen, sind weniger spektakulär. Denn die schwerere Erreichbarkeit des Kriegsortes Charkiw nur mit Zug statt Airbus zeigt vordergründig die Mühsal, die es auf sich zu nehmen gilt, um an den Ort der Zerstörung zu kommen.

Baerbock in der Ukraine: Mäandern um den heißen Brei live in der ARD

Hintergründig spielt sich ein Film ab, den die Zuschauerinnen und Zuschauer so nicht wahrnehmen sollen, die Inszenierung. Nun ist Politik und gemeinhin das ganze Leben, wie Soziologen vom Schlage Pierre Bourdieus wohl sagen würden, nichts anderes als Inszenierung sozialer Rollen. Doch im Falle der Außenministerin darf die Frage gestellt werden, ob der Inszenierung als radikalster Unterstützerin des ukrainischen Abwehrkampfes innerhalb des Kabinetts – in diesem Falle sogar aus dem Zug – nicht ein Ablenkungsversuch zugrunde liegt.

Denn was Baerbock in die ruckelnde Kamera zu sagen hatte, war ein Mäandern um den heißen Brei - und das, obwohl sie auf geraden Schienen dahinglitt. So betonte sie zwar die Notwendigkeit „weiterer Panzerlieferungen“, auch von mehr Luftverteidigung. Doch eine Zusage der gewünschten „Leopard“-Panzer konnte ihr natürlich nicht über die Lippen gehen, obwohl man ahnte, dass sie diese - pardon - Weichenstellung allzugerne im Namen der Bundesregierung verkündet hätte. Stattdessen verwies sie auf Abstimmungsprozesse, die „in manchen Momenten ein bisschen mehr Zeit“ kosteten - und gemeinsame Anstrengungen.

Baerbock in der Ukraine: Wettrennen um Aufmerksamkeit

Das Wörtchen „gemeinsam“ kam Baerbock im knappen Dutzend über die Lippen, was möglicherweise ein küchenpsychologischer Hinweis darauf ist, dass es mit der Gemeinsamkeit derzeit nicht weit her ist. Einen neuen Sachstand gab es aber nicht zu verkünden. Dass trotzdem Interviews gegeben werden, ist politischer Alltag, erst recht, wenn es etwas zu zeigen statt zu sagen gibt.

Baerbock befindet sich da in bester Gesellschaft. Es sei daran erinnert, welcher Wettlauf im Frühjahr zwischen Bundesregierung und Oppositionschef Friedrich Merz (CDU) um den ersten Besuch in Kiew entbrannt war. Manchmal scheint es ein ähnliches Rennen zu sein wie beim Bergsteigen: Wenn alle auf dem Mount Everest waren, sucht man sich schwerere Ziele. Charkiw, das kurz nach Baerbocks Besuch schon wieder unter Beschuss lag, ist hier eine besonders teuer zu verkaufende Herausforderung. (Von Martin Benninghoff)

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