1. Startseite
  2. Politik

Geheimdienst-Experte: Wladimir Putin „hört nur, was er hören will“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Tobias Utz

Kommentare

Wladimir Putin
Ein Wandgemälde von Wladimir Putin, wie er eine Taube tötet: aufgenommen am Place de la Paix in Lyon. © Jeff Pachoud/AFP

Wladimir Putin wirkt immer isolierter, lässt sich offenbar nur von wenigen Personen beraten und vertraut wohl immer denselben Quellen.

Frankfurt – Wladimir Putins „Spezialoperation“ in der Ukraine sprengt längst den angedachten Rahmen. Eigentlich wollte Russlands Präsident das Nachbarland im Eiltempo überfallen: 15 Tage sollte die Invasion maximal dauern, minimale Verluste der russische Armee waren einkalkuliert.

Mittlerweile sind laut Schätzungen der Nato 7000 bis 15.000 russische Streitkräfte seit dem 24. Februar gestorben. Die Regierung in Kiew spricht sogar von mehr als 17.000 Soldaten. Ein Beamter der Nato geht laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP sogar davon aus, dass bis zu 40.000 Streitkräfte auf der Seite Russlands mittlerweile kampfunfähig sind. Neben der schwindenden Heeresstärke – zur Erinnerung: Mitte Februar hatte Putin rund 150.000 Soldaten an der Grenze zur Ukraine positioniert – verfügt das russische Militär über immer weniger Panzer und gepanzerte Fahrzeuge. Insbesondere Drohnenangriffe der ukrainischen Armee sind offenbar dafür verantwortlich. Neuesten Berichten zufolge könnte nun das verbündete Land Belarus für neuen Nachschub sorgen.

Ukraine-Krieg: Putin isoliert sich immer weiter

Längst hat Präsident Wladimir Putin einen „Strategiewechsel“ angekündigt, wie es ein Kreml-Sprecher jüngst formulierte. Der Fokus liegt mittlerweile auf der „Befreiung“ des Donbass im Osten der Ukraine. Die Bombardierungen der Hauptstadt Kiew und weiteren Städten werde man enorm reduzieren. Ersten Eindrücken zufolge scheint sich die russische Armee nicht an diese Ankündigung zu halten und bombardiert weiter Städte wie Tschernihiw.

Putins Strategie im Ukraine-Krieg wird einem Experten nach lediglich von Informationen seiner Geheimdienste geleitet. „Es waren nur sehr wenige Leute in Putins Pläne eingeweiht“, erklärt Andrej Soldatow, Experte für Geheimdienste, der Zeit. Soldatow schätzt, dass sich Putins Beraterkreis mittlerweile auf sieben bis zehn Personen beläuft: „Vor zehn Jahren waren das noch ein paar Dutzend Leute.“

Zur Person

Andrei Alexejewitsch Soldatow ist investigativer Journalist und Experte für Geheimdienste. Er ist unter anderem Herausgeber der Kreml-kritischen Website agentura.ru.

Demnach herrsche im Kreml ein konsequentes System des Desinformation. Zahlreiche Beamte seien der Propaganda verfallen und berichten ihren Vorgesetzten lediglich das, was dem russischen Narrativ entspricht. Putin spricht seit Beginn der Invasion davon, dass man die Ukraine „entnazifizieren“ müsse. Auch Putin erreichen laut Soldatow nur noch derartige Dinge: Er „hört nur, was er hören will“, betont Soldatow im Zeit-Interview.

Andrej Soldatow
Andrei Alexejewitsch Soldatow im Jahr 2015. © Konstantin Sawraschin/dpa

Putin soll Berichten der CIA zufolge nahezu isoliert leben. Jüngst nahmen die USA diese Annahme zum Anlass ihre Notfallpläne für einen möglichen atomaren Angriff Russlands zu aktualisieren. Joe Biden setzte bereits Ende Februar ein Team in Alarmbereitschaft dafür Vorbereitungen zu treffen. CIA-Chef William Burns erklärte dazu in einer Kongressanhörung in Washington: „Er hat ein System geschaffen, in dem sein engster Beraterkreis immer kleiner wird.“ Laut Burns wage es niemand in diesem Kreis, allzu kritische Fragen zu stellen. Es herrsche eine „explosive Mischung aus Groll und Ehrgeiz“. Der Beraterkreis des russischen Präsidenten äußert sich sehr selten in der Öffentlichkeit. Kürzlich wurde jedoch bekannt, dass ein Berater Putins von einer wachsenden Angst vor Machtverlust im Kreml berichtet. (tu)

Auch interessant

Kommentare