+
Trump traf Selenskyj am Rande der UN-Generalversammlung.

Ukraine-Affäre

Selenskyj bekommt Trumps Rücksichtslosigkeit zu spüren

  • schließen

Der Präsident der Ukraine wird durch die Veröffentlichung der Abschrift seines Telefonats mit Donald Trump in seiner Heimat blamiert.

Wolodymyr Selenskyj geizte nicht mit Begeisterung für den US-Präsidenten: „Wir wollen ein neues Format, einen neuen Regierungstyp. Sie sind uns auch darin ein großer Lehrer.“

Am Mittwoch hat das Weiße Haus das Protokoll eines Telefongesprächs veröffentlicht, das Donald Trump im Juli mit seinem ukrainischen Kollegen Selenskyj führte. Trump wollte damit die Vorwürfe entkräften, er habe den Ukrainer unter Druck gesetzt, damit der Ermittlungen gegen seinen möglichen Wahlkampfgegner Joe Biden starte. Aber die ukrainische Öffentlichkeit staunte vor allem über die Aussagen ihres eigenen Staatschefs.

Wolodymyr Selenski schmeichelt Donald Trump im Gespräch

Selenskyj, 41, hatte im April die Präsidentschaftswahlen mit 73 Prozent gewonnen, im Mai holte seine Partei „Volksdiener“ 43 Prozent und die absolute Mehrheit im Kiewer Parlament. Am Telefon gratulierte ihm Trump dazu, erinnerte ihn dabei daran, dass die USA der Ukraine viel mehr helfe als Europa. Angela Merkel etwa spreche dauernd über die Ukraine, aber sie tue nichts für sie. „Sie haben völlig recht, nicht zu 100, sondern zu 1000 Prozent“, pflichtete Selenskyj Trump bei. Er habe Merkel und Macron gesagt, sie würden die Sanktionen gegen Russland nicht verschärfen, und viel weniger für die Ukraine tun, als sie tun müssten.

„Die Schmeicheleien des ukrainischen Präsidenten, sein Herumwerfen mit Anschuldigungen und Bewertungen sind sehr unangenehm“, urteilt der ukrainische Exbotschafter Roman Bessmertnyj gegenüber dem Portal liga.net. Es sei in der Sprache der Diplomatie absolut unzulässig, schlecht über Dritte zu reden.

Donald Trump und die Ukraine-Affäre - Blick auf die ukrainische Seite

Als Trump die Rede auf die von ihm gewünschten Ermittlungen gegen Biden brachte, ereiferte sich Selenskyj, sein neuer Staatsanwalt werde sich um den Fall kümmern. „Der neue Staatsanwalt wird 100 Prozent mein Mann sein.“ Dieser Spruch kam in Kiew besonders schlecht an, weil er alle Ankündigungen Selenskyjs Lügen strafte, er wolle das Justizsystem reformieren und der Abhängigkeit der Generalstaatsanwaltschaft vom Präsidenten ein Ende machen.

„Aber das ist vor allem ein internationaler Skandal“, sagt Oleksii Melnyk, Außen- und Sicherheitsexperte der Kiewer Rasumkow-Stiftung, „innenpolitisch besitzt Selenskyj jetzt viel zu viel Rückhalt, um ernsthaft in Schwierigkeiten zu geraten.“

Selenskyj bekommt Rücksichtslosigkeit Trumps zu spüren

Selenskyj ist nicht glücklich über die Veröffentlichung seiner Repliken. „Ich habe einfach gedacht, dass sie (die Amerikaner) ihren Teil publizieren“, klagte er vor Journalisten über das Weiße Haus. „Ich persönlich denke, dass Telefonate zwischen Präsidenten unabhängiger Staaten manchmal nicht veröffentlicht werden sollten.“ Auch Selenski hat zu spüren bekommen, wie wenig Rücksicht Donald Trump auf die Empfindlichkeiten eines ukrainischen Staatschefs nimmt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion