Ans Online-Format von Parteitagen muss man sich erstmal gewöhnen.
+
Ans Online-Format von Parteitagen muss man sich erstmal gewöhnen.

Großbritannien

Boris Johnson und die Corona-Pandemie: Schöne Worte für fast alle

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
    schließen

Großbritanniens Premierminister Boris Johnson verspricht Volk und Partei eine rosige grüne Zukunft. Und all das nur, um von den eigenen Verfehlungen abzulenken.

  • Boris Johnson und die konservative Regierung bekommen das Coronavirus nicht unter Kontrolle.
  • Der Premierminister erntet viel Kritik und liegt in Umfragen neuerdings hinter Oppositionsführer Keir Starmer.
  • Neben der Corona-Pandemie droht am Jahresende ein chaotischer Brexit.

London - Mit optimistischen Visionen und der Beteuerung seiner persönlichen Fitness hat Boris Johnson am Dienstag versucht, sein mürrisches Parteivolk und das kaum weniger mürrische britische Volk von den schweren Versäumnissen seiner Corona-Politik abzulenken. Zum Abschluss des virtuellen Jahrestreffens seiner Konservativen Partei versprach der Premierminister erneut massive Investitionen in die öffentliche Infrastruktur sowie eine grüne industrielle Revolution – vornehmlich mittels Windradparks: „Wir lassen uns vom Virus nicht unterkriegen.“

Vielleicht. Aber beeinflussen lassen sich alle Parteien von Sars-CoV-2: Sämtliche Jahrestreffen wurden in die virtuelle Welt verlegt – was dazu führte, dass die Veranstaltungen von Labour, Grünen und Liberaldemokraten gar nicht groß aufgefallen sind. Die Regierungspartei hingegen warb offensiv für die massenhafte Teilnahme per Mausklick. Was zur Folge hatte, dass die Webseite der Tories des Öfteren zusammenbrach und so manche Redner zu fast niemandem sprachen.

Corona in Großbritannien: Viel Kritik an Boris Johnson und der Regierung

Auch blieben Initiativen für neue Gesetze Mangelware. Dass die erzkonservative Innenministerin Priti Patel wieder mal die von ihr als zu lasch empfundenen Asylgesetze reformieren will, nahm die Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis – Patels Idee einer Unterbringung von Flüchtlingen auf ehemaligen Gefängnisschiffen hatte einer ihrer Labour-Vorgänger bereits 2002 aufgebracht, ohne sichtbare Folgen.

Für den Regierungschef mag das ungewohnte Format durchaus Vorteile gehabt haben. Zwar hat Johnson das konservative Fußvolk immer wieder begeistern können, seine Auftritte bei Parteitagen stellten die der jeweiligen Premiers – David Cameron und Theresa May – in den Schatten. Nach zehn Monaten als Bewohner von Downing Street selbst sieht Johnson sich immer öfter und immer mehr Kritik an seiner Regierung gegenüber. Premier und Kabinett werden von überallher beharkt, weil ihnen im Kampf gegen Corona immer neue Pannen unterlaufen – und am Jahresende ist Chaos-Brexit.

Corona in Großbritannien: Boris Johnson war schwer an Covid-19 erkrankt

Virus wie EU-Abschied erschienen in Johnsons 30-minütiger Online-Rede nur am Rande. Offensiv stellte sich der 56-Jährige den beständigen Gerüchten entgegen, er sei von seiner schweren Covid-19-Erkrankung Anfang April nie richtig genesen, weshalb ihm nun der Schwung fehle. Das sei Unsinn, sagte Johnson, wiederholte aber seine Erklärung, warum das Virus ihm so schwer zusetzen konnte: „Freunde, ich war zu fett.“ Im letzten halben Jahr habe er 13 Kilo abgenommen und achte mehr auf seine Fitness. Mit keinem Wort ging der Premier hingegen auf das beherrschende Thema der vergangenen Tage ein: Die ohnehin vielkritisierte, von Firmen organisierte Verfolgung von Infizierten („Track & Trace“) hatte durch Übermittlungsfehler von Labors zur Gesundheitsbehörde mehr als 15 000 Fälle positiver Corona-Tests unter den Tisch fallen lassen. Die Suche nach wohl mindestens 50 000 etwaigen Infizierten dauert an.

Gesundheitsminister Matthew Hancock und seine Verantwortlichen würden „Menschenleben aufs Spiel setzen“, urteilte Labour-Gesundheitsexperte Jonathan Ashworth im Unterhaus. Nordenglische Städte wie Manchester, Liverpool und Newcastle, die seit Wochen wegen täglich Hunderter Neuinfizierter zusätzliche Restriktionen erdulden müssen, fühlen sich von London ignoriert. Das sei „eine weitere katastrophale Fehlleistung einer inkompetenten Regierung, die ein vermeidbares Desaster nach dem anderen fabriziert“, befindet Newcastles Rathauschef und Labour-Mann Nick Forbes.

Corona in Großbritannien: Boris Johnson in Umfragen hinter Labor-Chef Keir Starmer

Solcherlei Einlassungen der Opposition tut Johnson gern als unpatriotisches Gerede ab. Nun häuft sich aber auch Kritik einst loyal konservativer Medien wie der Tageszeitung „Telegraph“ und des Wochenmagazins „Spectator“. Die Bevölkerung denkt ähnlich. Mitte September bewerteten nur noch 30 Prozent der Briten die Arbeit der Regierung im Kampf gegen Sars-CoV-2 als gut (Italien: 75 Prozent). Neuerdings liegt bei der Frage nach dem besten Premierminister Labour-Oppositionsführer Keir Starmer regelmäßig klar vor dem Amtsinhaber.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare