+
Viele Flüchtlinge können in ihren Heimatländern ohne Abschluss relativ qualifizierte Tätigkeiten ausüben. In Ländern wie Syrien gibt es für Kfz-Mechaniker keine Lehre. Man lernt im Job.

Integration

„Es gab überzogene Erwartungen“

  • schließen

Migrationsforscher Herbert Brücker über Jobchancen und Schwierigkeiten bei der Integration.

Herr Brücker, als 2015/2016 Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, sahen die Unternehmen die Chance auf dringend benötigte Arbeitskräfte. Haben sich die Erwartungen erfüllt?
Ich würde sagen: Das Glas ist halb voll. Es gab sicherlich überzogene Erwartungen. Ich denke da an den damaligen Daimler-Chef Dieter Zetsche, der davon sprach, die Zuwanderung von Flüchtlingen könne im besten Fall zu einem neuen deutschen Wirtschaftswunder führen. Die Erwartungen waren überzogen. Wir haben damals schon gesagt, dass 70 bis 80 Prozent der Flüchtlinge ohne Berufsabschluss kamen. Von einer beruflichen Bildung im deutschen Sinne konnte also keine Rede sein.

Wie fällt die Bilanz heute aus?
Aus früheren Erfahrungen mit Flüchtlingen wissen wir, dass nach fünf Jahren ungefähr jeder zweite im Arbeitsmarkt ankommt und einen Job hat. Stand jetzt sind ungefähr 36 Prozent der Flüchtlinge zwischen 15 und 64 Jahren in Beschäftigung. Das sind etwa 380 000 Beschäftigte.

Herbert Brücker ist Direktor des Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung.


Stimmt die Bilanz zufrieden?
Ja, durchaus. Ich rechne damit, dass im Herbst ungefähr 40 Prozent der Flüchtlinge in erwerbsfähigem Alter einer Beschäftigung nachgehen. Damit wäre die Integration in den Arbeitsmarkt etwa ein Jahr schneller verlaufen, als wir es bei früheren Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland festgestellt haben. Damit sind wir recht zufrieden. Zumal die Startvoraussetzungen bei den Flüchtlingen 2015 und danach besonders schwierig waren – schon allein, weil Deutsch vom Arabischen sehr viel weiter weg ist als beispielsweise die Sprachen vom Balkan wie bei den Flüchtlingen der Neunzigerjahre.

Arbeiten Flüchtlinge vor allem in ungelernten Jobs?
Das ist fifty-fifty. Etwa 50 Prozent arbeiten als Fachkräfte oder Spezialisten und Experten. Dies ist ein überraschend hoher Wert, wenn man bedenkt, dass nur jeder Fünfte vor der Flucht einen Berufsabschluss gemacht oder ein Hochschulstudium abgeschlossen hat. Die Erklärung ist, dass diese Menschen in ihren Heimatländern ohne Abschluss relativ qualifizierte Tätigkeiten ausgeübt haben. In Ländern wie Syrien gibt es für Kfz-Mechaniker keine Lehre. Man lernt im Job. Deshalb haben 85 Prozent der Flüchtlinge, die vor dem Zuzug erwerbstätig waren, eine qualifizierte Tätigkeit ausgeübt, obwohl sie keine Abschlüsse im deutschen Sinne hatten.

In welchen Branchen haben Geflüchtete die besten Chancen?
Sehr viele arbeiten als Leiharbeiter, allerdings zu relativ geringen Löhnen. Darüber hinaus gibt es einen hohen Flüchtlingsanteil in der Gastronomie, in der Security, im Reinigungsgewerbe, auf dem Bau und in der Pflege.

Der Arzt aus Aleppo ist eher die Ausnahme?
Ja, das ist eine relativ kleine Gruppe. Der Arzt wäre in unserer Systematik als Spezialist oder Experte einzustufen. In diesen Bereichen arbeiten höchstens acht Prozent der Flüchtlinge.

Interview: Rasmus Buchsteiner

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion