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Spannung in München: Die Spitzenkandidaten von AfD, Grünen, Freien Wählern, CSU und SPD mit den ARD-Moderatoren Till Nassif und Birgit Kappel (Mitte).

Landtagswahl in Bayern

Wer wen überzeugte ? und warum

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Die Gründe für die massiven Wählerwanderungen sind divers.

Mit Erklärungen für ihr Wahlergebnis waren die Parteien auch nach der Bayern-Wahl schnell zur Hand – oft genug spricht da aber der Wunsch oder das Bauchgefühl. Anhand der Daten von Infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen lässt sich empirisch nach Erklärungen suchen.

An wen verlor die CSU ihre Stimmen – und warum?
Die CSU verlor netto knapp 590 000 Wähler gegenüber 2013, die meisten davon sind schlicht verstorben. Das könnte für die Partei ein Problem bleiben, denn auch unter der ältesten Wählergruppe von 2018 (60 Jahre und älter) ist sie mit einem Anteil von 45 Prozent mit Abstand stärkste Kraft. Bei allen unter 60-Jährigen kommt die CSU nur noch auf 31 Prozent, etwas unter ihrem Gesamtergebnis.

Doch nicht nur mit der Überalterung ihrer Anhängerschaft hat die CSU ein Problem, denn auch an Grüne, Freie Wähler und AfD verlor die CSU in fast gleicher Höhe: jeweils 160 000 bis 170 000 Stimmen. Das lässt sich so interpretieren, dass die CSU-Taktik falsch war, aggressiv auf rechte Themen wie die Kritik an der Asylpolitik zu setzen: Wer die Meinung teilte, bestrafte ihre fehlende Durchsetzungskraft und wählte offenbar AfD. Wer konservativ denkt, aber die schrillen Töne ablehnte, wechselte zu den Freien Wählern. Und die liberaleren CSU-Wähler flohen zu den inzwischen verbürgerlichten Grünen. Dafür spricht, dass zwar die Hälfte aller bayerischen Wähler mit der Arbeit von Angela Merkel zufrieden sind – aber nur ein Drittel mit der von Horst Seehofer. Und dass nur die Hälfte der CSU-Wähler von 2013 es begrüßte, dass sich Seehofer gegen Merkel stellt.

Warum stürzte die SPD so ab?

Die CSU gewann kaum Stimmen hinzu, diese aber kamen netto von drei Wählergruppen: 270 000 vorherige Nichtwähler, 10 000 von Kleinstparteien – und ganze 100 000 Stimmen von Menschen, die vor fünf Jahren SPD gewählt hatten.

Das spräche dafür, dass es insgesamt einen Rechtsruck in Bayern gab – mit Zuwächsen für AfD und Freie Wähler und Wanderungen von SPD zu CSU. Die SPD selbst konnte netto von keiner anderen Partei gewinnen, sondern verlor in alle Richtungen: nach rechts zu CSU, Freien Wählern und AfD insgesamt 200 000 Stimmen und ebenso viele an die Grünen. Demnach wäre die SPD vor allem Opfer der Polarisierung zwischen rechtem Lager und dessen klarem Gegenpol, den Grünen – weil ihr eigenes Profil zu unscharf war.

Fakt ist auch, dass die SPD längst nicht mehr die Partei junger, urbaner Wähler ist: In Städten mit mehr 100 000 Einwohnern brach sie dramatisch auf 13 Prozent ein (minus 17 Punkte), wogegen die Grünen mit 30 Prozent (plus 17) da sogar die CSU überholten und stärkste Kraft sind. Bei unter 60-Jährigen, wo die Grünen ebenfalls besonders punkteten, fällt die SPD hinter die AfD zurück. Zweistellig ist sie nur noch in der Generation 60plus.

Zugleich fehlt der SPD ein klassisches Milieu: Auch unter Arbeitern und Angestellten war die CSU mit 34 und 36 Prozent stärkste Kraft, während nur acht Prozent SPD wählten. Die zweitstärkste Partei unter Arbeitern war die AfD, gefolgt von Freien Wählern und Grünen.

SPD-Bundeschefin Andrea Nahles räumte am Sonntag ein, die schlechte „Performance“ der Koalition im Bund habe zum Absturz in Bayern beigetragen. Dem stimmen nicht nur 76 Prozent aller bayerischen Wähler zu, die finden, die SPD im Bund müsse sich in der Opposition erholen – die Sicht ist unter den verbliebenen SPD-Wählern sogar noch verbreiteter (88 Prozent).

Warum gewannen die Grünen so hinzu?
Die Grünen konnten in sechsstelliger Höhe jeweils Wähler der beiden stärksten Kräfte von 2013, CSU und SPD, von sich überzeugen (was die SPD anteilsmäßig stärker schmerzte) – und fast noch einmal so viele Nichtwähler. Das spricht dafür, dass sie in Bayern offenbar als frische, neue Kraft wahrgenommen wurden.

Unter den jüngeren Wählern (unter 60 Jahren) lagen die Grünen mit 22 Prozent etwas besser als im Gesamtergebnis. Besonders erfolgreich waren sie bei jungen Frauen (unter 30): In dieser Gruppe liegen sie mit 27 Prozent knapp vor der CSU. Eine Besonderheit der Grünen war zudem, dass sie überdurchschnittlich Frauen ansprach: Während die Wählerschaft aller anderen Parteien geschlechtermäßig ausgewogen ist, herrscht bei den Grünen einen Frauenvorsprung von drei Prozentpunkten. Dagegen zog die AfD mehr Männer an.

Wen gewann die AfD?
Die AfD wurde aus allen Lagern gestärkt: Netto gewann sie von allen Parteien, mit Abstand am meisten von der CSU (160 000 Wähler) – und noch mehr Nichtwähler (180 000) sowie Anhänger von Klein- und Splitterparteien (190 000). Demnach sind Teile der bisherigen klassischen Wählerschaft nach rechts gerückt, mehr noch wurden aber rechte Wähler aufgesammelt, die 2013 kein oder ein anderes politisches Zuhause hatten.

Altersmäßig ist sie AfD bei den 45- bis 59-Jährigen am stärksten, wobei sie von Männern aus den mittleren Altersgruppen den stärksten Zuspruch erzielte. Insgesamt wählten nur acht Prozent der Frauen, dafür aber 14 Prozent der Männer AfD.

CSU und AfD konnten im Hinblick auf den Bildungsgrad der Wähler vor allem Menschen mit Hauptschulabschluss überzeugen, die CSU kam bei ihnen auf 46, die AfD auf 14 Prozent. Unter den Wählern mit Hochschulabschluss entschieden sich nur 35 Prozent für die CSU und gerade einmal fünf Prozent für die AfD.

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