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Studie

Überraschende Ergebnisse

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Die Heinsberg-Studie ist fertig. Lässt sie sich auf das ganze Land anwenden?

Die nordrhein-westfälische Kreisstadt Heinsberg hat es zu zweifelhaftem Ruhm gebracht: Weil in dem Landkreis auch noch nach Ausbruch des Coronavirus fröhlich Karneval gefeiert wurde, gilt Heinsberg als einer der Hotspots der pandemischen Verbreitung des Virus in Deutschland. Als Epizentrum innerhalb des Landkreises gilt der Ort Gangelt, wo sich bei einer einzigen Karnevalsveranstaltung Dutzende Menschen angesteckt hatten.

Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, hatte Anfang April für Irritationen gesorgt, als er Zwischenergebnisse der Studie mit Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) und der Unterstützung einer Berliner PR-Agentur präsentierte. Auftraggeber war die Landesregierung von NRW. Daraufhin wurde die Validität der Zahlen angezweifelt und unterstellt, die Urheber der Studie würden sich politisch instrumentalisieren lassen.

Jetzt legten Streeck und sein Kollege Gunther Hartmann, Direktor des Instituts für Klinische Chemie und Klinische Pharmakologie an der Universität Bonn, das sogenannte Preprint ihrer Studie vor. „Heinsberg-Studie – Immunität gegen und Letalität durch Sars-CoV-2 in der Bevölkerung in Gangelt“ – so lautet der etwas sperrige Titel. Für sie hatten Streeck und sein Team 909 Teilnehmer aus 405 Haushalten in Gangelt auf eine Infektion mit dem Corona-Virus untersucht.

Streeck erläuterte, dass in der Studie Kinder unterrepräsentiert seien, Menschen über 65 Jahren hingegen überrepräsentiert. 138 von 919 Probanden wurden demnach positiv auf schützende Antikörper gegen das Virus getestet. Das entspricht einer Infektionsrate von 15,2 Prozent. Die Anzahl der Todesfälle lag in Gangelt bei sieben Personen. Dadurch kommen die Forscher auf eine Sterblichkeitsrate IFR („Infection Fatality Rate“) von 0,37 Prozent der Einwohnerzahl. Anhand der IFR ließen sich Infektionszahlen auch für andere Gegenden Deutschlands hochrechnen. Die Zahl von 1,8 Millionen Infizierten sei aber nicht verbindlich.

„Überraschend“, so Streeck, sei für ihn gewesen, dass 22 Prozent der Studienteilnehmer überhaupt keine Symptome gehabt hätten. Damit seien Studien aus China bestätigt worden, die einen symptomfreien Verlauf bei etwa 20 Prozent der Erkrankten festgestellt haben. Und die meisten Infizierten hätten nur über ein Symptom geklagt.

Und noch eine überraschende Zahl hielten die Studienmacher bereit. Das Risiko, sich im eigenen Haushalt anzustecken, sei nur unwesentlich höher als die allgemeine Infektionsrate. Dazu komme, so Streeck: „Die Infektionsraten sind bei Kindern, Erwachsenen und Älteren sehr ähnlich und hängen offenbar nicht vom Alter ab.“

Was die mögliche bundesweite Zahl an Infektionen betrifft, so erläuterte Hartmann, dass die Sterblichkeitsrate die wesentlich aussagekräftigere Zahl sei. „Sie ist nicht so variabel wie der Prozentsatz der Infizierten. Man kann davon ausgehen, dass die Mortalität an der Obergrenze liegt.“ Die geschätzte Gesamtzahl der Infizierten in Deutschland liege bei 1,8 Millionen eher an der Untergrenze der Schätzungen.

Gérard Krause, Leiter der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, hält die Studie zwar für sehr wichtig. „Wir haben einen ersten Anhaltspunkt für das Verhältnis der tatsächlich Infizierten und der Erfassten. Auch für die Mortalität.“ Skeptisch sei er aber, was deren Übertragbarkeit auf ganz Deutschland anbelangt.

Die Ergebnisse der Studie, sowohl was die Sterblichkeitsrate wie auch die Dunkelziffer anbelangt, senden hoffnungsfrohe Signale. In Kombination mit dem Lockdown-Regeln lassen sie den Schluss zu, dass sich das Virus in den Griff kriegen lässt und auch längst nicht so tödlich ist, wie es die Weltgesundheitsorganisation WHO annimmt, die von einer globalen Sterblichkeit von bis zu 3,4 Prozent spricht.

Gute Argumente also für Lockerungen? Zumindest in einem Punkt gibt die Studie den Zögerlichen und Vorsichtigen recht: Die Karnevalsteilnehmer hatten mehr Symptome und eine höhere Infektionsrate. Massenansammlungen mit lautem Sprechen und Singen scheinen also höhere Infektionsrisiken und wohl auch schwerere Krankheitsverläufe zu bergen. Dazu, so Hartmann, plane man bereits weitere Untersuchungen.

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