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Überlebenspläne für New York City

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Von: Sebastian Moll

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Blick auf Manhattan von Ellis Island aus: Die Stadt ist heute von jenen Gewässern bedroht, die 300 Jahre lang ihre Lebensadern waren.
Blick auf Manhattan von Ellis Island aus: Die Stadt ist heute von jenen Gewässern bedroht, die 300 Jahre lang ihre Lebensadern waren. Imago Images © PantherMedia

Angesichts häufiger Sturmfluten und steigendem Meerespegel bereitet sich die Metropole mit Schutzwällen auf den Notfall vor. Aber reicht das?

Der New Yorker Bürgermeister Eric Adams war voller Stolz, als er vor einigen Wochen auf einem Spielplatz am East River vor die Presse trat, um, wie er meinte, ein bahnbrechendes Exemplar grüner Infrastruktur zu präsentieren. „Dieser Flutwall ist Teil der größten Investition in den Schutz vor den Folgen des Klimawandels in den gesamten USA“, prahlte Adams, bevor er die neue, 45 Tonnen schwere Flutschutzwand zu Demonstrationszwecken in Bewegung setzte. „Er zeigt, dass New York weltweit führend in Sachen Klimaresilienz ist.“

Eine gutes Dutzend Demonstrant:innen, die zu Adams’ Pressekonferenz gekommen waren, zeigten sich jedoch wenig beeindruckt. Sie buhten den ehemaligen Polizisten, der seit Jahresanfang im Amt ist, aus und versuchten ihn mit lauten Zwischenrufen zu übertönen. Das Flutwall-Projekt, das die Ostseite von Manhattan vor Sturmfluten schützen soll, glauben sie, sei völlig unzureichend und habe kaum mehr als eine Alibifunktion.

Klimapläne für New York City : Noch sind die Folgen einer Sturmflut überschaubar

Die Szene und das Projekt am East River gaben bestens die aufgeheizte Stimmung wieder, die in der Stadt herrscht, wenn es um das Thema der Folgen des Klimawandels geht. Im Jahr 2012 hat der Hurricane Sandy New York, das beinahe 900 Kilometer an Küsten und Ufern aufweist, gezeigt, wie anfällig die Stadt ist. 44 Menschen starben damals, ganze Stadtbezirke, wie Red Hook und Far Rockaway, standen unter Wasser. Zufahrtstunnel und U-Bahn Schächte wurden überschwemmt, im unteren Manhattan und in Teilen Brooklyns fiel tagelang der Strom aus. Am Ende war ein Schaden von 19 Milliarden Dollar angerichtet, 69 000 Wohneinheiten wurden beschädigt oder zerstört.

Bewegliche Wände am East River sollen vor Sturmfluten schützen.
Bewegliche Wände am East River sollen vor Sturmfluten schützen. Imago Images © Imago

Seither ist klar, dass New York nicht in seiner jetzigen Form überleben kann, wenn es sich nicht gegen Sturmfluten und steigende Meerespegel schützt. Laut Modellen, die Wissenschaftler:innen im Auftrag der Stadt erstellt haben, wird in New York bis zum Jahr 2050 25 Prozent des Stadtgebietes unter Wasser stehen, wenn nicht etwas Drastisches geschieht. 800 000 Menschen, rund zehn Prozent der Bevölkerung, wären betroffen.

Der Publizist Stehen Marche, der in seinem Buch „The next Civil War“ verschiedene Szenarien für den möglichen Beginn von zivilen Unruhen in den USA durchspielt, malt in einem Kapitel aus, wie eine Sturmflut in Manhattan direkt zu einem Zusammenbruch der zivilen Ordnung in den gesamten USA führen kann. Das gründlich recherchierte Kapitel ist unheimlich in seinem Realismus.

New York vor der nächsten Flut: Unvorbereitet in die Krise?

So ist die Stadt, die ihren Wohlstand und ihre Macht ihrer Lage an nautischen Handelsrouten verdankt, heute von jenen Wassern bedroht, die 300 Jahre lang ihre Lebensadern waren. Doch die zehn Jahre seit Sandy lassen befürchten, dass die Stadt dieser Herausforderung nicht gewachsen ist. „Die Stadt ist nicht in der Lage, in den notwendigen Zeitdimensionen zu denken“, sagt der deutschstämmige Geophysiker Klaus Jacobs (siehe nebenstehendes Interview). Jacobs hat zehn Jahre lang die Stadt in Sachen Katastrophenschutz beraten, bevor er frustriert zurückgetreten ist. „Man hat unsere Vorschläge einfach ignoriert.“

Die Befestigungen am East River sind laut Jacobs ein Musterbeispiel für diese Art kurzfristigen Denkens. Ursprünglich hatte die Stadt New York einen Plan des Designbüros Bjarke Ingels befürwortet, der durch Parkanlagen und Flutzonen nachhaltig die gesamte untere Hälfte der Insel Manhattans geschützt hätte. Doch der Plan fiel Budget-Überlegungen sowie den für das Vorhaben nötigen Restriktionen gegen neue Bauvorhaben zum Opfer. Übrig blieb ein abgespeckter Entwurf, der durch Schutzwälle mehrere Kilometer des unteren Manhattan vor Sturmfluten schützt. Gegen steigende Meerespegel, so sehen es Jacobs und eine einflussreiche Gruppe von Gegner:innen dieses Projekts, vermögen die Wälle jedoch nichts auszurichten. „Im Grunde ist das herausgeschmissenes Geld.“

Ähnlich sieht Jacobs andere Pläne, bestimmte gefährdete Zonen von New York zu schützen. Da gibt es etwa die Idee eines Flutwalls im Brooklyner Stadtteil Red Hook, der unter dem Meeresspiegel liegt, oder einer Flutzone aus Parkanlagen, die in Queens angelegt wird. Für den Wissenschaftler sind all das nur kurzfristige Maßnahmen und vor allem: Stückwerk. An einem umfassenden, langfristigen Plan, die Stadt New York vor den Folgen des Klimawandels zu bewahren, fehle es gänzlich.

Symbolisch für solch kurzfristiges Denken steht laut Jacobs nicht zuletzt der Sturmschutzwall, der demnächst nach holländischem Vorbild den Eingang in die Bucht von New York bei Bedarf blockieren kann. Bei steigenden Meerespegeln, glauben Jacobs und viele seiner Kollegen, müsse der Wall praktisch permanent geschlossen bleiben. Dann würde die Stadt jedoch durch den Hudson und den Raritan River von hinten überflutet.

Bis es so weit ist, hat New York laut Schätzungen noch rund 30 Jahre Zeit. So lange kann die Stadt zumindest noch hoffen. Gestritten wurde in der Stadt schon immer viel. Doch wenn es darauf ankam, ist sie noch immer zusammengerückt. Jetzt hinge ihr Überleben davon ab.

Sebastian Moll: Lesereise New York.
Sebastian Moll: Lesereise New York. © Picus Verlag

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