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Ein Überlebender des Estadio Nacional

Erinnerungen von und an Manuel Medina, der im größten Fußballstadion Chiles die schönsten und die schrecklichsten Tage seines Lebens verbracht hat.

Von Mark Obert

September 1973: Ich habe Angst. Von überall her dringt das Gebrüll von Männern in meine Ohren. Die Männer erteilen Befehle, und es macht diesen Moment so unwirklich, dass die Herumkommandierten keinen Laut von sich geben. Es ist, als gäbe es sie gar nicht, als gäbe es nur mich, als gälten all diese Befehle nur mir. Ich spüre Hände meine Schultern packen, mich mal in die eine, mal in die andere Richtung zerren, ich spüre Gewehre in meinem Rücken. Ich werde geschlagen. Mit der flachen Hand auf den Hinterkopf, mit Gewehrkolben in die Seite. Plötzlich soll ich stehen bleiben. Irgendwo vor mir brüllt jemand: "Name", ungefähr alle zehn Sekunden. Das Wort hallt nach wie in einer Kathedrale. Alle zehn Sekunden erhalte ich einen Schlag auf den Hinterkopf, als Zeichen, dass ich einen Schritt nach vorne gehen soll. "Name", Schlag, Schritt. Ich will den nächsten Schritt von alleine gehen, warte auf "Name", höre es, mache einen Schritt und stoße an jemanden. Ein Hieb in die Magengrube versetzt mir einen gewaltigen Schmerz, ich kriege keine Luft, mir wird schlecht, ich will zu Boden sinken, da packt mich jemand am Ohr und zieht mich hoch. Er brüllt mir direkt ins Ohr. "Nur bewegen auf Befehl." Er spricht mich nicht an, ich bin ein Ding, das wie auf Knopfdruck reagieren soll. Er will, dass es funktioniert. Er brüllt "Name", er schlägt es, es geht einen Schritt voran. Es funktioniert. "Name", Schlag, Schritt. "Name", Schlag, Schritt. "Name..." Es wartet auf den Schlag. Was ist? Wo bleibt der Schlag? Es zittert, es wirft den Kopf hin und her, es braucht einen Befehl. Endlich "Name", dann ein Schlag, aber eine andere Stimme direkt ins Ohr: "Verdammt, Name." Es hat verstanden, es sagt seinen Namen. Es erhält einen Schlag auf den Hinterkopf: "Weitergehen." Es geht. Schlag auf den Hinterkopf. "Links rum." Es geht nach links. Schlag auf den Hinterkopf: "Stillgestanden." Es steht still. Es kriegt die Augenbinde vom Kopf gerissen. Es wird von Tageslicht geblendet. Es kriegt einen Schlag auf den Hinterkopf. "Da hoch gehen und warten, bis der Name aufgerufen wird." Langsam erkennt es Tribünen, es erkennt Menschen, die auf Tribünen sitzen, es erkennt vor sich einen Rasen, es stolpert Stufen hoch an Sitzreihen und Soldaten vorbei. Es setzt sich. Es begreift: Es ist im Nationalstadion. Es sagt sich: Ich bin so gut wie tot.

Am Morgen des 17. November 1991 wachte der Politiklehrer Manuel Medina aus einem quälenden Halbschlaf auf, seine Gelenke schmerzten, seine Brust war wie von Tauen zusammengeschnürt, sein Atem schwer. Bei Sonnenaufgang war er erschöpft eingeschlafen, nachdem er sich im Bett hin und her gewälzt hatte, doch je mehr er sich zu zwingen versucht hatte, die Erinnerungen an den September 1973 zu verdrängen, desto deutlicher erschienen ihm die Bilder aus dem Estadio Nacional de Chile. Es war wie in den ersten Jahren nach seiner Folter, als er keine Nacht zur Ruhe gekommen war. Wann immer er damals in fiebrige Träume gesunken war, riss ihn das leiseste Geräusch in der Wohnung seines Londoner Exils wieder aus dem Schlaf. Von Krämpfen geschüttelt saß er dann im Bett, von Übelkeit geplagt, besinnungslos vor Angst. In diesen Nächten dachte Manuel Medina oft darüber nach, seinem Leben ein Ende zu machen. Am späten Abend des 5. November 1977 war er über den Gedanken, ob sein Freitod ein letzter Akt des Widerstandes sein würde oder seine Kapitulation vor der Militärdiktatur in seiner Heimat, in einen tiefen Schlaf gesunken, aus dem er erst am Morgen des 6. November erwachte. Auf dem Wandkalender notierte er: 6. November 1977 - Wiedergeburt. Zum ersten Mal seit vier Jahren hatte er eine Nacht überstanden, ohne vom Nationalstadion zu träumen.

14 Jahre später hing der Wandkalender in Manuel Medinas Wohnung in La Reina, einem Vorort von Santiago de Chile. An den Kalender hatte Manuel Medina zwei Eintrittskarten für ein Fußballspiel geheftet. 17. November 1991. Er starrte auf die Karten, auf das Datum, während er versuchte, den Druck aus seinem Kopf zu massieren. "Vielleicht ist es zu früh für mich", sagte er, "vielleicht verkrafte ich es nicht." Zehn Monate zuvor erst war er aus England in seine Heimat zurückgekehrt, sechzehn Monate, nachdem sich das Volk mit knapper Mehrheit gegen die Militärdiktatur unter General Augusto Pinochet und für Demokratie entschieden hatte. Seither regierte Patricio Aylwin das Land, ein Christdemokrat. Polizei und Militär aber standen nach wie vor unter dem Befehl Pinochets, so, wie es der Diktator als Bedingung für freie Wahlen gefordert hatte.

"Es werden seine Polizisten sein, die beim Fußball für Ordnung sorgen", sagte Manuel Medina am Vormittag dieses 17. November 1991, wenige Stunden, bevor er zum ersten Mal nach 18 Jahren das Nationalstadion von Chile wiedersehen sollte.

"Warum willst du dann dorthin?", fragte ich.

"Ich muss."

Am 11. September 1973, kurz nach Sonnenaufgang, riss General Augusto Pinochet die Macht an sich. Panzer rollten in Santiago ein, Kampfflugzeuge bombardierten den Präsidentenpalast La Moneda, aus dem heraus der sozialistische Präsident Salvador Allende seine letzte Rede ans Volk über den Äther schickte. Minuten später war er tot. Die Sozialisten sagten, er habe sich mit einer Pistole den hereinstürzenden Putschisten entgegengestellt, die Faschisten sagten, er habe sich selbst erschossen. Von da an machten die neuen Machthaber Jagd auf Allendes Anhänger. Hunderte ermordeten sie sofort, Tausende wie den Volkssänger Victor Jara verschleppten sie in Sportstadien, folterten sie, töteten sie, warfen ihre Leichen ins Meer oder verscharrten sie in Massengräbern in der Wüste. Frauen demonstrierten auf den Straßen mit Fotos ihrer vermissten Verwandten. Die Bilder aus dem mächtigsten Gefängnis gingen um die Welt. 5000 Männer und Frauen schlossen die Militärs wochenlang auf den Tribünen des Nationalstadions ein. Was in den Katakomben geschah, dort, wo nie ein Fernsehteam filmen durfte, dafür hat Manuel Medina nur ein Wort: Hölle.

Er war so stolz auf dieses Stadion, damals in den 50ern, als die Fifa die Weltmeisterschaft des Jahres 1962 nach Chile vergab. Einen Tag und eine Nacht lang feierte das Volk auf den Straßen. Im Vorgarten ihres kleinen Hauses im Künstlerstadtteil Bellavista hatten Manuels Eltern einen Grill aufgestellt und reichten den Vorbeitanzenden Maiskolben und Hühnerfleisch. Die Zeitung präsentierte auf ganzseitigen Fotos das Modell des 1938 erbauten Nationalstadions, wie es nach der Renovierung aussehen sollte. Manuels Vater hängte die Zeitungsseiten in der Küche auf und sagte: "Wir werden dort sein, wenn Chile Weltmeister wird." Am Tag der WM-Eröffnung flatterten die Fahnen der 16 Nationen an den Laternenmasten. In den Cafés und in den Häusern drängten sich die Menschen um die Fernsehgeräte, aus allen Fenstern ertönte die Stimme des Radioreporters. 70000 waren ins Nationalstadion zum ersten Spiel gegen die Schweiz gepilgert. Hunderttausende verstopften die Straßen nach dem 3:1-Sieg Chiles. Von den Autokolonnen stieg Qualm empor, bald waberte dichter Dunst im Andenkessel und legte sich auf die Dreimillionenstadt. Manuel und seine Freunde wälzten sich vor Freude im Vorgarten, als sein Vater zu ihnen kam, sich niederkniete und mit zwei Papierstreifen wedelte. "Schau her, Manuelito, ich habe Karten gegen Italien."

Der 2. Juni 1962 war der schönste Tag seines Lebens gewesen. In einem Meer von Menschen und Fahnen waren sein Vater und er die Allee hinab zum Nationalstadion gezogen, von den Schlachtrufen, die zwischen den in Landesfarben geschmückten Häusern hin und her hallten, dröhnten ihm bereits am Stadioneingang die Ohren. Männer knieten vor ihren Fahnen und beteten, Volksmusik schepperte in den Lautsprechern, der Duft von gebrannten Mandeln lag in der Luft. Vor ihnen ragte das schönste Fußballstadion der Welt empor, und, als erklommen sie den Himmel, stiegen sie langsam die steile Treppe hinauf. Mit jeder Stufe pochte Manuels Herz ein bisschen mehr, und wie sie durch den schmalen Eingang aus dem dunklen Schatten hinaus traten ins gleißende Sonnenlicht, in dem die 70 000 rot, blau und weiß schimmerten, und Manuel endlich die chilenischen Spieler auf dem leuchtenden Rasen erblickte, da traten ihm vor Ergriffenheit Tränen in die Augen. Chi-Chi-Chi-le-le-le, immer wieder setzte dieses ohrenbetäubende Staccato ein, und Manuel schrie es jedes Mal so brustzerreißend mit, dass er am Abend keinen Ton herausbringen konnte. Zwei Italiener wurden unter großem Jubel des Feldes verwiesen, zwei Tore schoss Chile, worauf der Vater Manuel umklammerte, damit dieser von keinem der Männer, die das Gleichgewicht verloren hatten und die Tribünenreihen hinunterstürzten, mitgerissen werden konnte. Chile war im Viertelfinale. Sekunden nach dem Abpfiff setzte irgendwo im Stadion eine Gruppe zur Nationalhymne an. Vom zweiten Takt an sangen alle mit. Als sie das Stadion verließen, sah Manuel, wie Männer die Säulen des Stadions küssten. Da küsste er sie auch. Den 2:1-Sieg gegen die Sowjetunion im Viertelfinale erlebte er am Radio mit. Endlich wartete das große Brasilien - im Halbfinale. Die Männer auf den Plätzen und in den Bars waren sich einig: Es würde das eigentliche Endspiel werden. "Campeon, Campeon", rief Manuel durch die Straßen Bellavistas springend, und die Alten winkten ihm zu. Dann die Tragödie, Brasilien schlug Chile 4:2. Wie konnte das passieren? Wie konnte Chile im Nationalstadion verlieren? Brasilien wurde drei Tage später Weltmeister, 3:1 gegen die Tschechoslowakei. Der Erzfeind nahm den Weltpokal in Empfang, im Nationalstadion von Chile.

"Ich war so enttäuscht, am meisten von unserem Nationalstadion. Es hatte uns im Stich gelassen, uns, die wir es gebaut, geliebt und verteidigt hatten.

Ich war wild entschlossen, nie mehr dorthin zu gehen. Mein Vorsatz hielt fünf Jahre, bis zu einem Spiel gegen Peru. Ich hasste das Stadion inzwischen nicht mehr, ich küsste es aber auch nicht mehr. Niemand küsste es mehr."

Manuel Medina saß am Küchentisch und trank die fünfte Tasse Tee. Auf 14 Uhr standen die Zeiger der Wanduhr. Zwei Stunden noch bis zum Anpfiff des Spiels Universidad de Chile gegen Cobreloa, zweier Mannschaften, für die es um die letzte Chance ging in der Meisterschaft des Jahres 1991. Manuel war gleich, wer gewinnen würde. Als Jugendlicher hatte er für Universidad geschwärmt, für LaU, wie sie den Traditionsverein nennen. LaU trägt die Farben der Nationalmannschaft, rote Trikots, blaue Hosen, weiße Stutzen. Weil aber LaU seine Heimspiele im Nationalstadion austrägt, ist Manuels Liebe verflogen.

"Die haben da kurze Zeit nach dem Putsch wieder gespielt. Die haben sich in Räumen umgezogen, in denen Menschen ermordet wurden. Die Fans haben Schlachtgesänge angestimmt auf den Rängen, auf denen Menschen ihrem Tod entgegen gebangt haben. Die Spieler jubelten auf dem Rasen, auf dem Soldaten patrouilliert waren. Für mich ist dieser Klub gestorben. Aber so widersprüchlich es sein mag: Ich glaube, dass ich die Rückkehr in dieses Stadion nur bei einem Fußballspiel ertrage."

"Warum musst du dorthin?", fragte ich.

"Neulich sagte ein Freund, ich wolle mich vermutlich mit diesem Ort versöhnen. Vielleicht ist es so, ich aber habe ihm geantwortet: Ich kann nicht den Rest meines Lebens einen Bogen um dieses Stadion fahren. Dafür sind die Busse von Santiago zu teuer."

Um von La Reina zum Nationalstadion zu gelangen, muss der Bus auf der breiten Nord-Süd-Achse durch Santiago fahren, auf halber Strecke in den Stadtteil Providencia abbiegen und diesen durchqueren, bis er schließlich den Stadtteil Nunoa erreicht. Die Fahrt dauert eine Dreiviertelstunde. Manuel starrte aus dem Fenster. An den Haltestellen beobachtete er die Fans von LaU, wie sie grölend in den Bus stiegen. Zuweilen schien es, als läge Abscheu in Manuels Augen, dann wieder wirkte er abwesend, als tauchte er ein in das Rot der Trikots. An uns vorbei zogen gerade die Villen Providencias, da nuschelte Manuel plötzlich etwas vor sich hin, laut genug, dass ich es trotz der Gesänge um uns herum hören konnte.

"Alles klar mit dir, Manuel?"

"Das ist die Straße, auf der ich 1962 an der Hand meines Vaters zum Stadion gelaufen bin. Diese Straße war für mich der Weg zum Glück."

"Warst du niemals mehr hier?"

"Nicht, seit ich aus dem Exil zurück bin. Ich habe eben überlegt, ob wir diese Straße auch gefahren kamen, als wir mit den Militärlastwagen ins Stadion gebracht wurden. Sie hatten uns die Augen verbunden. Wir durften nicht sprechen, also hörte ich nur den Verkehr und unser Keuchen. Mein Gott, dieses Keuchen, wie von tollwütigen Hunden. Mein Nebenmann zitterte am ganzen Leib, irgendwann schnappte er nach Luft, als würde er jeden Moment ersticken. Dann hörte ich einen Soldaten schimpfen, kurz darauf einen dumpfen Schlag, wie mit einer Eisenstange auf morsches Holz. Plötzlich war Ruhe. Später, als wir nach draußen geführt wurden, hörte ich, wie der Mann zur Seite sackte. Da ging es dann los, dass ich an mein Leben zurückdenken musste, wie in Momentaufnahmen. Manchmal hörte ich in mir die Stimmen meiner Familie, und jedes Mal erschrak ich, weil ich meine Erinnerungen wie einen Abschied verstand. Das Schlimme an der Erniedrigung ist nicht, dass sie dich behandeln wie einen Hund. Das Schlimme ist, dass du fühlst wie ein Hund. Ein Hund spürt, wenn es mit ihm zu Ende geht. Das lähmt, das ist nicht gut. Ich frage mich gerade, auf welcher Höhe dieser Straße sie meinen Nebenmann erschlagen haben."

"Kanntest du den Mann?"

"Ich wusste nicht, wer mit mir im Lastwagen saß, ob es meine Leute waren oder ob sie uns getrennt hatten. Wir waren da schätzungsweise zu sechst, bewacht von vielleicht vier Soldaten. Die waren ja mit vier Lastwagen und fünf oder sechs Militärjeeps gekommen. 40 Mann waren die, ganz bestimmt. So fuhren die durch Santiago und luden Menschen auf wie Frachtgut. Die machten das ganz auffällig, am helllichten Tag. Das gehörte zur Einschüchterungstaktik. Es wusste ja alle Welt, was bei uns los war. Die Soldaten erschossen eines Abends sogar einen ausländischen Kameramann, mitten auf der Straße. Die trieben Leute von der Straße in irgendwelche Häuser, Leute, die die Sperrstunde nicht eingehalten hatten. Wie wild schossen die um sich. Dieser Kameramann filmt das, und plötzlich zielt ein Soldat auf ihn und - peng - sieht man, wie die Kamera zu Boden geht. Die filmte das alles weiter. Der Mann war tot. Ich habe die Aufnahmen in England gesehen, die gingen damals um die Welt. Verstehst du, die schämten sich für nichts. Ich sah einmal, wie sie nahe der katholischen Universität einen Keller aushoben und drei Genossen abführten. Wie später bei uns, bewaffnet, als wollten sie Washington einnehmen. Ein Genosse rief: Viva Allende, viva la revolucion. Da schlugen sie ihn halbtot, und wir konnten nichts machen, so wehrlos fühlten wir uns. Um uns herum blieben Passanten stehen und applaudierten, einige riefen: Bringt sie um, diese Kommunisten."

Der Bus hielt. Wir quetschten uns zum Ausgang. Kaum auf der Straße, riss uns ein Menschenstrom mit sich. Von überall her donnerten Trommelschläge, Trillerpfeifen und Hupen schmerzten wie Nadelstiche in den Ohren, der Geruch ranzigen Fetts kroch in die Nase, und plötzlich sah man sie hinter einer großen Straßenkreuzung auftauchen: die Front des Nationalstadions, dessen Grau sich mit jedem Schritt wie eine Festung mehr und mehr vor uns auftürmte. Auf den Bürgersteigen reihten sich Polizisten Schulter an Schulter, einige trugen ihr Visier offen, einige verbargen ihre Gesichter hinter undurchdringlichem Schwarz. Kräftige Kerle, die sich mit Schals vermummt hatten, warfen aus der Mitte des Menschenstroms Steinchen nach ihnen. Vor uns geriet die Masse in Wallung, weil vier Polizisten sich mit nach vorne gehaltenen Knüppeln einen Pfad bahnten. Sie packten zwei Burschen an den Kapuzen ihrer Sweatshirts und zogen sie hinter sich her zurück zum Bürgersteig. Einer der Jungen strauchelte und fiel zu Boden, ein Polizist trat ihm in die Rippen, brüllte ihn an. Ein gellendes Pfeifkonzert hob an, Buh-Rufe mischten sich in den Krach, worauf einige Polizisten, Knüppel und Schilde schwingend, einen Schritt vorpreschten. Wie scheue Tiere wichen wir zurück. Nahe des Stadions stieg schwarzer Rauch auf, Sirenen heulten. Vor uns versammelten sich immer mehr Polizisten. Mit ihren Schilden bildeten sie enge Gassen, durch die wir Richtung Haupttor geleitet wurden. Ständig wurden wir von hinten oder von der Seite gegen die Schilde geschubst, jedes Mal stießen uns die Polizisten mit Gewalt zurück in die Spur. Manuel ergriff meinen Arm und zog mich zwischen zwei Polizisten hindurch in einen von Gittern abgesperrten Gang. Über die Gitter hinweg bellten uns Polizisten kurze Anweisungen entgegen. Manuel musste seine Jacke ausziehen. Ein Polizist durchsuchte die Taschen. Vor zwei anderen Polizisten musste sich Manuel breitbeinig hinstellen und sein Hemd hochziehen. Während der eine mit gehobenen Augenbrauen die vielen Narben auf Manuels Körper betrachtete, tastete der andere Manuel ab und griff ihm dabei fest zwischen die Beine. Dann winkte er ihn durch. Nun war ich dran, und wie ich gerade meine Jacke abgeben und mein Hemd hochziehen wollte, lächelte mich der Polizist freundlich an und wich mit einer höflichen Geste zur Seite. Wir waren da und schwiegen.

Es gibt Fotos von den Wochen nach dem Putsch. Unter dem Stadionvorbau richten Soldaten ihre Maschinengewehre auf Männer, die in Schlangen stehen, ihre Augen verbunden, ihre Arme hinter den Köpfen verschränkt. Auf manchen Fotos sieht man Gefangene bäuchlings vor der Stadionrückwand liegen, ihre Hände auf den Rücken gefesselt, ihre Gesichter im staubigen Boden. Ob Manuel auch hier stand, ob er auch den Dreck einatmen musste? Ich traute mich nicht zu fragen.

Vor dem Aufgang zu unserer Tribüne blieb Manuel stehen. Am Ende der steilen Stufen sah man tatsächlich nur das Blau des Himmels leuchten. "1962 ist 30 Jahre und einen Militärputsch her", sagte Manuel, "aber es ist wie damals." Dann gingen wir den schattigen Aufgang hoch, langsam, bestimmt 60 Stufen. Auf der Drittletzten, als die einfallenden Sonnenstrahlen uns blendeten, hielt Manuel erneut inne. "Also dann!" Es klang wie ein Stoßseufzer, und plötzlich eilte er los, die Tribünenstufen hinab, in unsere Sitzreihe hinein, bis zu seinem Platz. Da saß er nun, rupfte mit nervösen Fingern kleine Fetzen aus seiner Eintrittskarte, wippte mit dem linken Fuß, räusperte sich unentwegt, während er den Kopf ruckartig von einer zur anderen Seite warf, als erwartete er jeden Augenblick jemanden Bestimmtes aus dem grellen Licht schreiten. In der Kurve unter der schwarzen Anzeigetafel wackelte die Masse der Hartgesottenen wie Teig, schwenkte Fahnen, sang Lieder, Leuchtkugeln sausten in den Himmel. Die anderen Tribünen waren nur zu einem Viertel besetzt, manche blieben leer. Kurz vor dem Anpfiff lagen die Bänke vor uns wie abgenagte Rippen.

"Es hat sich wirklich nichts verändert", sagte Manuel. "Ich glaube sogar, ich saß die meiste Zeit ganz in der Nähe unseres Blocks. Da, die Andenkette hinter der Stadt, dorthin habe ich tagein, tagaus gestarrt. Am Tag hat man ja kaum mit den anderen geredet, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, verhielt man sich still."

"Wie viele wart ihr hier?"

"In unserem Block vielleicht 300, bewacht von ungefähr 50 Soldaten, die mit ihren Maschinengewehren ständig auf uns zielten. Fünf standen unten vor dem Spielfeld und sicherten die Gitter, die anderen standen auf den Stufen rund um den Block. Bei der kleinsten Bewegung wurden die nervös, vor allem nachts. Da strahlten sie dich mit ihren Suchscheinwerfern an, während du auf und ab liefst, um die Kälte aus den Knochen zu vertreiben. Es gab Genossen, die litten unter hohem Fieber. Also überließen wir denen die wenigen Decken, die es pro Block gab. Einer der Alten ist irgendwann gestorben, einfach so, der lag morgens tot unter seiner Decke. Ein anderer sagte: Wer weiß, was dem armen Teufel erspart geblieben ist. Manchmal hörten wir Maschinengewehrsalven von unten aus den Katakomben."

"Worüber dachtest du nach in diesen Momenten?"

"Ich dachte an die Familie, an mein Mädchen und daran, dass ich sie nie wieder sehen würde. Die führten am Tag drei Leute aus unserem Block, manchmal mehr, und nie kam einer wieder. Ich war fest überzeugt, dass alle ermordet wurden. Ich war sicher, dass ich in diesem Stadion sterben würde."

"Wie hast du diese Gewissheit ertragen?"

"Ich weiß es nicht, vielleicht schafften es die anderen doch irgendwie, mich mit ihrer Hoffnung anzustecken - ohne dass es mir bewusst geworden wäre. Da gab es einen Mann namens Heraldo, einen Zeitungsverkäufer, den sie verhaftet hatten, weil er jeden Tag die Hälfte aller Mercurios mit in seinen Keller genommen und verbrannt hatte. Irgendwann erwischten sie ihn. Der Mercurio machte Propaganda für Pinochet. Heraldo jedenfalls gehörte zu den fünf Männern, deren Namen und Anschrift ich kannte und die meinen Namen kannten, damit im Fall, dass einer von uns überlebte, er den Familien der anderen Bescheid sagen konnte. Heraldo war 45, verheiratet und hatte vier Kinder. Sein ältester Sohn war in meinem Alter. Er hieß Sebastiano."

"Du erinnerst dich an den Namen des Jungen?"

"Ich werde diesen Namen nie vergessen. Nachts bin ich zu Heraldo geschlichen und habe mir von seinem Sohn erzählen lassen, fragte ihn, ob er stolz war auf seinen Jungen, ob sie sich ähnlich sahen. Und da erzählte mir Heraldo eines Nachts, wie er mit Sebastiano bei einem Länderspiel im Nationalstadion gewesen war und wie sehr sich Sebastiano gefreut hatte, wie unendlich glücklich er gewesen war. Begreifst du, genau wie ich damals mit meinem Vater. Und dass er, Heraldo, sich vorstelle, dass die Soldaten auch Söhne haben, mit denen sie früher hierher zum Fußball gegangen sind, und es ihnen deshalb doch unmöglich sein müsste, hier Menschen zu erschießen. Ich werde den Soldaten von Sebastiano erzählen, sagte Heraldo. Er war überzeugt, dass sie ihm dann nichts tun würden."

"Was ist mit Heraldo geschehen?"

"Er ist drei Tage vor mir aus dem Block geführt worden und nie zu seiner Familie zurückgekehrt. Ich hatte mal einen schönen Traum: Heraldo sitzt vor den Soldaten und erzählt von seinem Sebastiano. Die Soldaten lachen und berichten von ihren Söhnen, dann lassen sie Heraldo gehen. Ich habe oft gebetet: Hoffentlich haben sie ihn nicht verspottet, diesen Narren, bevor sie ihn abknallten."

"Hast du Heraldos Familie besucht?"

"Ich telefoniere mit ihr. Du musst wissen, da bohrt diese Frage in mir: Warum ist Heraldo tot und ich lebe? Warum ist Pablo tot, ich aber nicht? Ich traf Ramon und German, die anderen aus unserer Fünfergruppe, die überlebt haben. Denen geht es wie mir. Du erträgst manchmal deine eigene Visage nicht. Wenn du dich rasierst, hältst du dem vorwurfsvollen Blick deiner Augen kaum stand. Wie soll ich da unter Sebastianos Augen treten, unter die seiner Mutter? Ich druckte damals in meiner Studentengruppe Flugblätter, wir riefen zum Widerstand auf, ich wollte Pinochet ermorden. Und diesen kleinen Zeitungsverkäufer bringen sie um. Kannst du mir den Sinn erklären?"

Ich antwortete nicht. Manuel nickte mit dem Kopf Richtung Spielfeld, wo die Mannschaften nun den Anpfiff erwarteten. "Mach' dir nichts draus", sagte Manuel, "keiner kann mir das erklären."

Ich erinnere mich an den Klang von Manuels Stimme an diesem Nachmittag im Stadion. Obwohl direkt neben uns niemand saß, wurde sie immer leiser. Manuel sprach unaufgeregt, seine Hände ruhten auf den Oberschenkeln, selten nur krallten sich seine Finger in den Stoff seiner Cordhose. Während des Spiels redeten wir kaum. Ich erinnere mich, wie ich ständig grübelte, ob ich Manuel fragen sollte, wie er sich fühlte, worüber er nachdachte. Aber ich fragte nicht. Um uns herum wurde gelacht und geflucht, aus dem Block der Hartgesottenen zischten Leuchtkugeln auf des Gegners Tor zu, worauf vor ihnen eine Hundertschaft in Stellung ging und mit ihren Knüppeln auf das Stacheldrahtgitter schlug, in immergleichem, nervtötendem Takt.

Wie war das wohl bei diesem Geisterspiel am 21. November 1973? Es waren damals Zuschauer ins Stadion gekommen, obgleich sie wussten, dass sie kein Fußballspiel zu sehen bekommen würden. Wollten sie am Ende tatsächlich diesen beschämenden Triumph ihrer Nationalmannschaft feiern? Wenige Tage zuvor waren die Toten aus dem Nationalstadion abtransportiert worden, um ja den Terminplan der Fifa einhalten zu können. Chile gegen die Sowjetunion, das letzte Ticket für die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland musste vergeben werden. Und Chile wollte im Nationalstadion spielen. In Moskau hatten sie sich 0:0 getrennt, dann protestierte die sowjetische Regierung dagegen, so kurz nach den Gräueltaten ihre Spieler nach Chile ins Nationalstadion schicken zu müssen. Die Fifa lehnte den Protest ab, die Sowjets reisten nicht an. Chiles Spieler aber liefen pünktlich im Stadion ein, in Trikots und mit Fußballschuhen. Wo hatten sie sich umgezogen? Klebte da noch Blut an den Wänden? Carlos Caszely war der Held der Chilenen in jener Zeit, ein kleiner, bulliger Mann mit einem schwarzen Wuschelkopf und einem dicken Seehundschnauzer. Seine Fähigkeit, die Abwehrtaktik des Trainers perfekt umzusetzen, führte Chile erfolgreich durch die südamerikanische Qualifikationsgruppe. Der Trainer hieß Rudi Gutendorf. Ihn, den deutschen Fußballglobetrotter, hatte es nach Chile verschlagen, weil er Präsident Allende bewunderte. Kurz nach dem Putsch war er mit der letzten Lufthansamaschine nach Deutschland geflohen. So also saß Carlos Caszely an jenem unrühmlichen Tag seiner Karriere ohne seinen Lehrmeister in der Kabine. Was dachte er da? Wie fühlte er sich, als er die langen Katakomben entlang lief und hinaus auf das Spielfeld trat? Fand er es angemessen, dass in den Stadionlautsprechern die Hymne seines Landes erklang? Wie kam er sich vor, als der Schiedsrichter dieses Geisterspiel anpfiff, und er, Carlos Caszely, mit dem Ball vom Mittelkreis bis in den Strafraum lief und den Ball ins leere Tor schoss? Schämte er sich, als auf der Anzeigetafel sein Name als Torschütze aufleuchtete? Freute er sich, als der Schiedsrichter das Spiel schließlich abbrach und für ihn, Carlos Caszely, endlich der Weg frei war zur Weltmeisterschaft in Deutschland? Auf 2:0 für Chile entschied die Fifa regelgetreu. Tags darauf schrieben die Zeitungen, Carlos Caszely und die anderen Spieler hätten nicht gejubelt, im Gegenteil, rasch seien sie in den Katakomben verschwunden - unter dem Applaus des Publikums. Manuel Medina glaubte viele Jahre lang, die Fans seien von Pinochet bestellt worden. Irgendwann glaubte er das nicht mehr. Einmal sagte er: "Es gibt viele Faschisten in diesem Land. Carlos Caszely ist keiner von ihnen. Er war ein Fußballer ohne Mut. Heute ist er ein Trainer ohne Mut. Es heißt, er weiche jeder Diskussion um dieses Spiel aus. Was soll's. Bei der WM flog er im ersten Spiel gegen die Deutschen vom Platz, und Chile schied zwei Spiele später aus. Manche sagen, das sei Strafe genug gewesen für Carlos Caszely."

Es war ein langweiliges Spiel, LaU gegen Cobreloa, torlos. Als der Schlusspfiff ertönte und die Zuschauer das Stadion verließen, blieb Manuel sitzen. Marschmusik schepperte seltsam fern aus den Lautsprechern, von der Straße geisterten letzte Gesänge zu uns hinüber; es war, als wären die Stimmen im Stadion gefangen geblieben.

"Wie geht es dir?", fragte ich Manuel.

"Ich höre die Maschinengewehre und dieses dunkle Grummeln auf den Rängen. Ich sehe die von Verzweiflung verzerrten Gesichter der Gefangenen, die unsicheren Gesichter dieser Milchbärte, die unter ihren Soldatenhelmen so einschüchternd dreinzublicken versuchten wie ihr Chef. Unseren Block befehligte einer, den wir den Spanier nannten, weil er stolz wie ein Torero die Brust reckte und verächtlich auf jeden herabsah, der an ihm vorbei nach unten geführt wurde. Er ist heute bestimmt ein feiner Herr. Er wohnt in einer Villa in Providencia, sonntags geht er in die Kirche und anschließend zum Fußball. Dann sitzt er da drüben, nahe der Ehrenloge, und streichelt den Kopf seines Sohnes. Und sein Söhnchen sagt: Das ist ein tolles Stadion, Papa. Er lächelt und sagt: Ja, es ist unser Nationalstadion."

Am Abend des 17. November 1991 verließ Manuel Medina ein letztes Mal das Estadio Nacional de Chile. Auf der Allee Richtung Providencia trennten sich unsere Wege. "Ich will jetzt allein sein", sagte er zum Abschied. Zwei Tage später sagte er, er habe auf dem Weg zum Stadiontor für einen Moment daran gedacht, auf eine der Säulen zu spucken, es aber sein gelassen, weil er fürchtete, lächerlich zu wirken.

Oktober 1973. Ich friere erneut fürchterlich und bin unsagbar traurig. Heraldo fehlt mir. Ich will mich hinlegen, versuchen, ein wenig zu schlafen, da höre ich meinen Namen. Ich schnelle hoch und lausche. Es ist ruhig, aber die anderen im Block schauen sich um, so, wie ich es immer tue, wenn ein mir fremder Name gerufen wird. "Medina, Manuel!" Da, wieder. Mein Name. Augenblicklich weicht jede Kraft aus mir, Gedankenfetzen jaulen wie Sirenen in meinem Kopf. Ich schaue hinüber zu den Anden, vor ihnen tauchen Bilder auf, die Familie, mein Mädchen, die WM 1962. Angst befällt mich und macht mir noch mehr Angst, meine Beine könnten jetzt versagen. Ich stehe langsam auf, wanke auf die Soldaten zu. Ich blicke in die Gesichter anderer Mitgefangener, manche flüstern mir zu. "Viva Allende, Genosse", "Gott sei mit dir, Bruder". Ich bin kein Held, verdammt. Ich will nicht sterben, ich will keine Schmerzen erleiden müssen. Aber ich muss stillhalten, wir haben es uns geschworen. Kein Verrat. Der Soldat vor mir entsichert und brüllt: "Manuel Medina?" Ich nicke. Ich muss vorausgehen, vorbei am Spanier. Ich gehe die Stufen hinunter dem Spielfeld entgegen. Unten öffnen Soldaten das Tor. Ich trete auf die Laufbahn. Es ist so ruhig, dass ich meine schlurfenden Schritte höre und die stapfenden Stiefel des Soldaten hinter mir. Nach dem Viertelfinalsieg gegen Italien drehten sie hier ihre Ehrenrunde. Wie infernalisch laut muss der Lärm gewesen sein, den wir da oben veranstaltet haben. Wie eine Höhle liegt vor mir nun der Gang, aus dem sie damals hinaus unter die Sonne und 70 000 Augenpaare traten. Ich verschwinde im Schwarz. Ich sehe ein Licht. Ich gehe darauf zu. Es wird heller. Ich höre Stimmen und Stechschritte. Ich warte auf den ersten Schrei. Ich nehme mir vor, nicht zusammenzubrechen. Plötzlich stehe ich in kaltem Licht. "Rechts rum", brüllt der Soldat hinter mir. Ich biege in den Kabinengang ein. Soldaten lehnen an der Wand und unterhalten sich. Keiner sieht zu mir herüber. "Gesicht geradeaus", brüllt der Soldat hinter mir. Der Kabinengang ist lang. Hier fielen sie sich vor Glück in die Arme, hier weinten sie voller Enttäuschung. Diese Angst, diese unglaubliche Angst. Meine Knie werden weich. Ich darf nicht schreien, ich darf nicht umkippen. Der Kabinengang ist so schrecklich lang. "Links rein", brüllt der Soldat. Eine Tür steht offen.

Ich gehe in einen matt beleuchteten Raum. In der Mitte steht ein Stuhl mit Ledergurten daran, in der Ecke eine Liege mit Ledergurten. Unter mir, über mir, an den Wänden, überall sind weiße Kacheln. Ich sehe Duschköpfe. Hier haben sie gesungen, hier verspritzten sie Sekt. An zwei Duschköpfe sind Schläuche geschraubt. "Hinsetzen", brüllt der Soldat. Zwei weitere Soldaten kommen herein, zurren mich am Stuhl fest, knebeln mich. Eine Stehlampe wird nahe an mich heran getragen. Sie blendet mich. Die Tür knallt zu. Es ist totenstill. Ich schließe die Augen. "Augen auf", brüllt jemand aus der Ecke. Ich starre ins Licht. Ich starre eine Ewigkeit ins Licht. Ich nenne es in Gedanken Lebenslicht. Sie schlagen mir ins Gesicht, ich falle in Ohnmacht, ich wache auf und schaue ins Lebenslicht. Sie ziehen mich aus, jagen mir Stromstöße durch Hoden und Penis, ich falle in Ohnmacht, wieder bei Besinnung, leuchtet mir das Lebenslicht. Sie halten mir eine Pistole an den Kopf, es klickt, ich falle in Ohnmacht, das Lebenslicht strahlt.

Sie stellen tausendmal dieselben Fragen, sie treten mich, bis ich mit dem Stuhl umkippe, sie brechen mir den Arm, sie drücken ihre brennenden Zigaretten in seine Haut. Es funktioniert nicht. Es weiß nicht mehr, wer es ist. Sie sagen, dass es Manuel Medina heißt, und dass es ein Mädchen hat, und dass das Mädchen jetzt bei ihnen ist. Sie erzählen, wie sie das Mädchen vergewaltigen. Sie sagen, seine Mutter hätten sie auch. Aber es weiß nicht, was das mit ihm zu tun hat. Es ist nichts mehr außer Schmerzen und Licht. Es hasst das Licht. Es wird losgebunden. Es muss aufstehen. Es steht auf, fällt hin, steht wieder, geht zwei Schritte, fällt hin. Es steht wieder auf, sie packen es, schleifen es durch den Kabinengang. Sie verbinden ihm die Augen. Endlich kein Licht mehr. Darf es endlich sterben? Sie schleifen es weiter, um eine Ecke. Es spürt milde Nachtluft auf dem Körper. Es hört einen laufenden Motor. Es muss auf ein Trittbrett steigen und sich auf eine Bank setzen. Es spürt den Motor, es spürt die Straße. Wohin? Warum? Es kriegt Angst. Wo ist das Lebenslicht? Sie bringen mich um. Ich bin tot. Der Wagen hält. Ich muss aussteigen, ich stürze vom Trittbrett, sie schleifen mich Stufen hinauf, einen Gang entlang. Ich will nicht sterben. Ich will schreien. Der Knebel bricht mir fast den Unterkiefer. "Ganz ruhig", sagt eine Stimme. Sie schleifen mich um eine Ecke. Sie werfen mich auf eine Matratze. Sie nehmen mir die Augenbinde ab. Sie lösen den Knebel. Ich keuche. Die Tür fällt ins Schloss. Es ist dunkel. Ich zittere, ich weine, ich kann nicht schreien, die Schmerzen rauben mir den Atem. Ich schlafe ein. Ich wache auf. Dunkel. Ich brenne, ich spüre Ratten an mir nagen, Messer mein Fleisch aufreißen. Ich schlafe ein. Ich wache auf. Tageslicht dringt durch ein winziges Fenster oben an der Decke. Ich brenne immer noch. Ich sehe an mir herab, sehe entzündetes Fleisch, sehe blutende Furchen, dreckige Gräben, einen grotesk verbogenen Arm. Ich schließe die Augen. Ich sehe die Bilder zu den Wunden. Ich sehe, was ich gar nicht sehen konnte. Ich versuche zu trennen: Ich sah das Licht, die Duschen, den Kabinengang. Ich muss die Bilder zu den Wunden geträumt haben. Ich bin erleichtert. Ein Traum, nur ein Traum. Dann entsetzt. Träume. Ich werde da sein. Mein ganzes Leben lang. Jede Nacht. Im Nationalstadion.

Sommer 2003. Manuel Medina lebt im Süden Chiles und arbeitet als Politiker.

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