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Der heutige Betreiber des „Kiez-Döner“ Ismet Tekin (rechts) bekommt von seinem Vorgänger Izzet Cagac im November 2019 den Imbiss übertragen.
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Der heutige Betreiber des „Kiez-Döner“ Ismet Tekin (rechts) bekommt von seinem Vorgänger Izzet Cagac im November 2019 den Imbiss übertragen.

Antisemitismus

Überlebende des Anschlags von Halle fordern Anerkennung

  • Pitt v. Bebenburg
    VonPitt v. Bebenburg
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Zwei Jahre nach der Tat räumt der Polizeichef von Sachsen-Anhalt Versäumnisse im Umgang mit den Betroffenen ein. Zwei Überlebende setzen auf die Revision

Zwei Jahre nach dem antisemitischen und rassistischen Anschlag von Halle dringen zwei Überlebende darauf, dass die Angriffe des Täters auf sie als versuchte Morde gewertet werden. „Große Hoffnung habe ich nicht mehr. Aber wir werden sehen, was bei der Revision herauskommt“, sagte Ismet Tekin, Betreiber des „Kiez Döner“ in Halle, in einem Statement, das bei einer Veranstaltung des Verbands der Opferberatungsstellen (VBRG) am Mittwoch eingespielt wurde.

Der Eritreer Aftax I. berichtete, „dass ich als Betroffener nicht anerkannt wurde, beschäftigt mich bis heute“. I. äußerte den Wunsch, „dass ich Deutschland verlassen möchte, irgendwo hingehen möchte“. Der Attentäter Stephan B. hatte am 9. Oktober 2019, dem jüdischen Feiertag Jom Kippur, versucht, bewaffnet in die Synagoge in Halle einzudringen. Als dies scheiterte, erschoss B. die 40-jährige Passantin Jana L., fuhr zum nahe gelegenen „Kiez Döner“ und ermordete dort Kevin S. (20).

Anschlag von Halle: Angriffe auf Überlebende nicht als versuchter Mord gewertet

Auch Tekin geriet in den Kugelhagel. Aftax I. wurde vom Täter mit dem Auto angefahren. Das Oberlandesgericht Naumburg verurteilte B. im Dezember 2020 zur höchstmöglichen Strafe, lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung, stufte aber die Taten gegen Tekin und I. nicht als versuchte Morde ein. Die Anwältin Kristin Pietrzyk sagte, eine solche Einordnung wäre nach ihrer Auffassung wichtig, weil das rassistische Motiv damit angemessen gewertet würde. Pietrzyk betonte zudem, dass die „verschwörungsideologischen Versatzstücke“ des Täters neben antisemitischen und rassistischen auch frauenverachtende Elemente enthielten. Er habe Jana L. gezielt getötet, während er „auf männliche Vorbeigehende nicht geschossen“ habe, berichtete sie.

Das Buch

Esther Dischereit (Hrsg.): Hab keine Angst, erzähl alles! Das Attentat von Halle und die Stimmen der Überlebenden. Herder 2021. 270 S., 20 Euro.

Im Mittelpunkt der Diskussion stand der Umgang mit Betroffenen während und nach der Tat, der selbst vom sachsen-anhaltinischen Landespolizeidirektor Karl-Albert Grewe als unzureichend eingestuft wurde. Grewe räumte ein, der Fall sei von der Polizei „abgearbeitet worden, aber es ist nicht auf die Menschen ausgerichtet worden“. Mit einem Konzept für interkulturelle Kompetenz, der Installation von Opferschutzbeauftragten und Extremismusbeauftragten hoffe man, künftig besser aufgestellt zu sein. Einer der Überlebenden, der Rabbiner Jeremy Borovitz, nannte als Beispiel für die Unachtsamkeit der Behörden, dass er und seine Mitreisenden selbst für eine Hotelübernachtung in Halle hätten aufkommen müssen. Diese sei erforderlich gewesen, weil die Polizei angewiesen habe, dass sie nach dem Anschlag nicht in der Synagoge hätten übernachten dürfen. Borovitz zählte zu einer 20-köpfigen Gruppe aus Berlin, die zu Jom Kippur nach Halle gekommen war.

Rabbi berichtet von alltäglichem Antisemitismus in Berlin

Der Rabbi berichtete am Mittwoch über den alltäglichen Antisemitismus, der ihm widerfährt, wenn er mit der Kippa durch Berlin läuft. Die meisten Menschen, die solche Anfeindungen gegen ihn mitbekämen, schauten weg statt zu helfen. Mit Blick auf den Anschlag von Halle appellierte er: „Jede Person in dieser Gesellschaft ist verantwortlich, dass so etwas nicht wieder passiert.“

Antja Arndt von der „Mobilen Opferberatung“ in Sachsen-Anhalt machte darauf aufmerksam, dass ausgerechnet die Ausländerbehörde in Halle ihre Türen aus Sicherheitsgründen geschlossen habe, während der Täter unterwegs gewesen sei. Die vor der Tür wartenden Menschen seien verunsichert gewesen, weil sie keine Informationen oder Hilfe von der Behörde erhalten hätten. Die Aussagen von Tekin, Borovitz und vielen anderen Überlebenden liegen jetzt auch als Buch vor.

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