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Kein Grund zu feiern: Den Feuerwehrleuten steht eine harte Silvesternacht bevor.

Gewalt gegen Helfer

Übergriffe an Silvester werden schlimmer

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Die Silvesternacht bedeutet jedes Jahr einen Großeinsatz für die Rettungskräfte. Feuerwehrleute und Sanitäter berichten von zunehmender Respektlosigkeit und einer Bedrohung, die ihre Arbeit erschwert.

Einsatz im Wiesbadener Westend. Ein Keller steht unter Wasser. Während ein Kollege das Wasser abpumpt, klingelt Feuerwehrmann Marco Huber in der Erdgeschosswohnung. Als der Bewohner ihn einlässt, denkt er sich noch nichts Böses, es ist ein Routineeinsatz. Huber erinnert sich, wie er durch die Wohnung schreitet und im Bad den mit Haaren verstopften Abfluss registriert. Als er sich rumdreht, wird er mit einem großen Küchenmesser bedroht. „Sie haben kein Recht, in der Wohnung zu sein“, sagt ihm der Mann, dessen erweiterte Pupillen Huber Drogeneinfluss vermuten lassen. Der Feuerwehrmann geht rückwärts Richtung Tür und verlässt die Wohnung, er informiert erst seinen Kollegen und dann die Polizei, die den Bewohner mit dem Messer festnimmt. „Seit dieser Zeit habe ich immer ein Pfefferspray mit dabei“, erzählt Marco Huber heute.

Der 31-Jährige ist seit sieben Jahren bei der Feuerwehr, erst in Stuttgart, seit vier Jahren nun in Wiesbaden. In Sachen Respektlosigkeit und Unverständnis sei es seither bei der Feuerwehr „auf jeden Fall schlimmer geworden“, so sein Eindruck. Das merkt er auch, wenn er auf der Leitstelle arbeitet. „Das ist Wahnsinn, was wir uns da alles anhören müssen. Die Leute rufen an und beschweren sich, dass wir so laut durch die Stadt fahren würden.“

Als der hessische Landesverband der Feuerwehr-Gewerkschaft im Oktober seinen Kampagnenfilm zur bundesweiten Aktion „Respekt, ja bitte“ drehte, war Huber mit dabei und berichtete von dem Messerangriff. Die Kampagne läuft bereits seit Beginn des Jahres und wurde seitdem immer wieder mit Filmen weiterer Landesverbände fortgesetzt.

„Mit der Kampagne wollen wir die Politiker wachrütteln“, sagt Gewerkschaftssprecher Tobias Thiele und ergänzt: „Uns nutzen die Lippenbekenntnisse der Politiker überhaupt nichts.“ Zu den Lippenbekenntnissen zählt Thiele auch die Gesetzesverschärfung aus dem vergangenen Jahr, die den Angriff auf Polizeibeamte und Rettungskräfte unter strengere Strafen stellt. „Wir wollen, dass die bestehenden Gesetze angewendet werden. Dass es meist zur Einstellung der Verfahren kommt, ist indiskutabel“, so Thiele. Marco Huber etwa moniert, dass er nie zu dem Vorfall im Wiesbadener Westend aus dem Frühjahr 2017 von der Polizei befragt wurde. „Das ist richtig schade, dass ich davon nie wieder etwas gehört habe.“

Vielleicht ist das der Grund dafür, dass viele Feuerwehrleute gar nicht über solche Vorfälle reden wollen. Die Frankfurter Feuerwehr, die gleichzeitig auch für die Koordination der Rettungssanitäter zuständig ist, hat im Herbst ihr Meldewesen umgestellt. In dem Bogen finden die Einsatzkräfte nun auch ein Feld, in dem sie Übergriffe eintragen können.

„Verbale Angriffe sind der Dauerzustand, der Respekt fehlt“, gab ein Sprecher der Feuerwehr als Begründung für die Umstellung an. Doch auf das Angebot FR, mal einen leidtragenden Feuerwehrmann berichten zu lassen, findet sich niemand. Stattdessen verweist der Feuerwehr-Sprecher auf die Rettungssanitäter, die häufiger betroffen seien, weil sie nur zu zweit ausrücken und ein leichteres Ziel bieten.

Der Frankfurter Rettungssanitäter Arno Schäfer vom Deutschen Roten Kreuz hat in der Tat keine Probleme, Übergriffe aus dem Alltag zu schildern. Etwa, als er sich in einer Disco durch das Gedrängel zu einer Alkoholleiche durchkämpfen wollte und einen Tritt in den Rücken bekam. Oder als ein Kollege in einem Frankfurter Park eine Reanimation durchführen sollte und von einem Bekannten des Opfers gleich mit auf den Weg bekam: „Wenn das nicht klappt, steche ich dich ab.“

Schäfer ist seit 1994 beim Roten Kreuz und als Bereichsleiter Ost auch für die Ausbildung der Kollegen zuständig. „In der neuen Ausbildung zum Notfallsanitäter nimmt die Kommunikation einen großen Raum ein“, sagt er und benutzt Begriffe wie „Deeskalation“, „Radar entwickeln“ oder „Rückzug sichern“. Es klingt, als ginge es um einen Einsatz im Kriegsgebiet. Dabei hält Schäfer nichts vom Aufrüsten. „Letztlich sind wir nicht das SEK und wollen zur Oma im dritten Stock nicht mit der stichsicheren Weste.“

Doch die fehlende Wertschätzung findet Schäfer frustrierend. „Es gibt eine neue Respektlosigkeit, die ich von früher nicht kenne.“ Diese richtet sich nicht nur gegen die Rettungskräfte, sondern auch gegen deren Arbeit. Das regionale Nachrichtenportal „wiesbaden112.de“ liefert Beispiele dafür. So parkte ein Rettungswagen unlängst im Notfalleinsatz kurzzeitig die Einfahrt einer Tiefgarage zu. Bei der anschließenden Fahrt ins Krankenhaus mussten die Sanitäter feststellen, dass jemand am rechten Vorderrad die Radmuttern gelöst hatte. In Mainz blockierte ein Taxifahrer den Rettungswagen und kassierte trotz mehrfachen Hinweises auf einen Notfalleinsatz seelenruhig seinen Fahrgast ab, lud dessen Gepäck aus dem Kofferraum und soll dabei ignorant gelächelt haben.

Bei solchen Auswüchsen im Alltag verwundert es nicht, dass die Übergriffe an Silvester, wenn viele Menschen auf der Straße zusätzlich noch durch Alkoholgenuss enthemmt sind, immer schlimmer werden. Die Deutsche Feuerwehr-Gewerkschaft fordert, die Silvester-Einsätze müssten künftig „standardmäßig“ von einer eine Polizeistreife begleitet werden. In der Tat gibt es in Frankfurt schon einige Siedlungen, wo das der Fall ist, etwa die Karl-Kirchner-Siedlung in Preungesheim oder die Platensiedlung in Ginnheim. Dort werden in diesem Jahr an Silvester vorsorglich nochmal die Mülltonnen geleert und die Anwohner mittels Flyern aufgefordert, diese auch leer zu lassen, damit es Brandstiftern nicht so leicht gemacht wird.

Zu der Forderung der Gewerkschaft gibt es bei den Rettungskräften unterschiedliche Auffassungen. Feuerwehrmann Huber würde sich „sicherer fühlen, wenn ein Polizeiauto mit dabei ist“. Dann hält er kurz inne und ergänzt: „Traurig, das man darüber nachdenkt.“

Rettungssanitäter Patrick Funk hält das hingegen für „das falsche Signal.“ Er wolle seinem Gegenüber ja vielmehr zeigen: „Ich möchte dir was Gutes.“ Funk ist schon seit fast 20 Jahren beim Roten Kreuz dabei und hat auch schon einige Dienste in Silvesternächten geschoben. Speziell darauf vorbereiten wird er sich nicht. „Wir werden ein paar Spucktüten mehr auf den Wagen draufpacken“, sagt der 36-Jährige nur. Gegen 18.30 Uhr wird er in der Feuerwache 30 im Frankfurter Westen seinen Dienst antreten, gemeinsam mit dem Kollegen Gernot.

Die Unfälle mit Knallkörpern seien rückläufig, erzählt Funk, aber verbale Attacken hätten dafür „definitiv“ zugenommen. „Aber Beschimpfungen ignoriere ich professionell“, sagt er. Das müsse man runterschlucken. „Die Uniform muss man mit Respekt tragen.“ Rund zehn Rettungseinsätze wird Funk in der Nacht fahren müssen, schätzt er. Bis morgens um 6.30 Uhr geht die Schicht. Um Mitternacht werde, wenn möglich, mit alkoholfreiem Sekt angestoßen. „Dann zieht jeder ein Knallbonbon und Gernot bekommt von mir einen Glücksbringer für das neue Jahr“, verrät Funk.

Marco Huber wird zu Silvester in der Wiesbadener Innenstadt Dienst tun. „Da hat man schon ein bisschen Bammel“, verrät er. Sein Pfefferspray wird er dabei haben. Die Kampagne „Respekt, ja bitte“, an der Huber mitwirkte, soll weiter laufen, kündigt Thiele von der Feuerwehr-Gewerkschaft an: Das machen wir, bis es wieder besser wird.“

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