Unterworfenes Frankreich? Der Film „Hold-up“ sieht in der Pandemie eine Verschwörung der Welteliten.
+
Unterworfenes Frankreich? Der Film „Hold-up“ sieht in der Pandemie eine Verschwörung der Welteliten.

Frankreich

Überfall auf die Faktenlage

  • Stefan Brändle
    vonStefan Brändle
    schließen

Der verschwörerische Film „Hold-up“ findet in Frankreich Millionen Zuschauer.

Es ist ein neues Medienphänomen mit einem Grundmuster: Je abwegiger, desto mehr beachtet. Der sogenannte Dokumentarfilm „Hold-up“, der die Corona-Krise für eine einzige Weltverschwörung hält, sprengt in Frankreich alle Klickquoten. Allein über das Wochenende wurde er 2,7 Millionen mal angeschaut.

„Hold-up“ ist ein gut zweieinhalb Stunden langer Verschnitt des französischen Fernsehjournalisten Pierre Barnérias. Finanziert wurde er durch Crowdfunding: Statt der angestrebten 20 000 Euro kamen auf der Plattform Ulule 183 000 Euro zusammen. Die Zentrale für Gruppenfinanzierung erklärte allerdings, die „Hold-up“-Macher hätten falsche Angaben gemacht. Mehrere der 37 interviewten Experten, darunter der frühere Gesundheitsminister Philippe Douste-Blazy, ließen verlauten, sie hätten nicht mitgemacht, wenn sie gewusst hätten, dass der Film verschwörerische Thesen kolportiere.

Die in dem „Dokumentarfilm“ angeführten Behauptungen halten, so zahlreich sie sind, einem auch nur oberflächlichen Faktencheck nicht stand. Einige Aussagen erledigen sich von selbst – so etwa die Behauptung des Epidemiologen Laurent Toubiana im Oktober, es werde „keine zweite Covid-Welle“ geben.

Andere Argumente sind leicht zu entkräften. Eine Grafik im Film „beweist“ die angebliche Sinnlosigkeit des französischen Lockdowns, weil dieser mit der Spitze der ersten Welle zusammengefallen sei. Das beweist nur, dass „Hold-up“ die zeitversetzte Wirkung der Ansteckung völlig außer acht lässt. Der Titel „Hold-up“ meint den vermeintlichen „Überfall“ der Welteliten mittels Covid-19. Die Soziologin Monique Pinçon-Charlot wirft den „Reichsten“ vor, „wie die deutschen Nazis im Zweiten Weltkrieg einen Holocaust zu planen, diesmal, um die 3,5 Milliarden der Ärmsten zu eliminieren.“ Pinçon-Charlot hat ihre Aussagen am Wochenende ebenfalls zurückgezogen – nicht weil sie hanebüchen wären, sondern weil die Interviewte die Verschwörungsabsicht der drei Macher nicht realisiert haben will.

Echte Kritik wäre nötig

All diese Distanzierungen, Einwände und Sperren tun dem Erfolg des Streifens in den sozialen Medien keinen Abbruch. Im Gegenteil: Viele der 400 000 Tweets zu dem Film – auch von Prominenten wie der Schauspielerin Sophie Marceau – sprechen von „Zensur“; den „offiziellen“ und „Mainstream“-Medien werfen sie Unterwerfung unter die „Machthabenden“ vor. Die Verschwörungsthesen werden damit wie üblich zum Selbstläufer: Sie scheinen schon deshalb zu stimmen, weil die Elite der Politiker:innen, Medien und Ärzte und Ärztinnen dagegen antreten.

Bedauerlich ist das, weil es durchaus Argumente gegen den Kurs der Pariser Behörden gäbe. Frankreich weist eine der höchsten Ansteckungsraten Europas auf, und das erklärt sich auch mit dem Versagen der Gesundheitsverwaltung. Im Frühjahr war sie unfähig, genug Masken bereitzustellen, im Sommer antizipierte sie die zweite Welle zu spät. Diese Schwerfälligkeit der französischen Staatsführung und des Zentralstaates wäre durchaus einen fundierten Dokumentarfilm von fast dreistündiger Länge wert. Doch solche komplexen Zusammenhänge interessieren die Verschwörungstheoretiker:innen offenbar viel weniger.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare