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Der Terror hinterlässt bis heute Spuren in der Gesellschaft: Ein Mann überstreicht den Schriftzug "ETA, das Volk ist mit dir" in Guernica.

Baskenland

Das überfällige Ende der ETA

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Die baskische Terrororganisation ETA setzt ihre Auflösung an diesem Freitag in Szene. Eine Analyse.

Jahrzehntelang haben die drei Buchstaben Angst verbreitet: ETA. Das Kürzel steht für „Baskenland und Freiheit“. Es war der Name einer Terrororganisation, die in ihrer sechzigjährigen Geschichte mehr als 800 Menschen ermordet hat. Was von dieser Organisation heute noch übrig ist, wissen nur wenige.

Ihrer Geschäftsgrundlage, dem Terror, hat die ETA vor sechseinhalb Jahren abgeschworen. Doch noch immer gibt es eine Handvoll Menschen, die behaupten, im Namen der ETA zu sprechen. Nun endlich haben sie sich vorgenommen, ihrem Spuk ein Ende zu bereiten. An diesem Freitag wollen sie die Auflösung der Organisation bei einer Veranstaltung im französischen Baskenland in Szene setzen.

Vielleicht hat Iñigo Urkullu recht, der baskische Ministerpräsident, der in einem Interview mit der Zeitung „El País“ von diesem Donnerstag die Vorhersage wagte, dass der ETA in künftigen Geschichtsbüchern „kaum mehr als vier oder fünf Zeilen“ gewidmet werden. Die ETA hat nichts bewegt und nichts erreicht als tausendfaches Leid. Die Organisation hat sich selbst stets sehr wichtig genommen, und weil sie Waffen in der Hand hielt und sie benutzte, blieb allen anderen nichts weiter übrig, als die ETA ihrerseits ernst zu nehmen.

Drei spanische Regierungschefs, der Sozialist Felipe González, der Konservative José María Aznar und der Sozialist José Luis Rodríguez Zapatero, ließen sich darauf ein, Gespräche mit den Terroristen zu beginnen. Sie führten nie zum Ziel. Die ETA wollte immer politischer Verhandlungspartner sein, doch dafür besaß sie kein Mandat außer dem, das sie sich selbst zusprach. Jetzt, wo die ETA am Ende ist, will fast niemand mehr etwas von ihr wissen.

„Sie hat keines ihrer Ziele erreicht und keine Vergünstigungen erhalten, als sie tötete, und auch nicht, als sie aufhörte zu töten“, sagte der jetzige spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy am Mittwoch, „und sie wird auch keine Vergünstigungen erhalten, weil sie verschwindet.“

Die ETA ist durch Polizeiarbeit und juristische Verfolgung in die Knie gezwungen worden. Es gibt keinen Anlass für politisches Entgegenkommen oder Amnestien. Die noch einsitzenden ETA-Häftlinge, insgesamt 385 in Spanien und Frankreich, werden ihre Strafen zu Ende verbüßen, und die letzten Aktivisten auf freiem Fuß sind weiter gesuchte Kriminelle. Den einzigen, lange überfälligen Schritt, den die spanische Regierung nun tun könnte, wäre die Überstellung der über ganz Spanien verteilten Häftlinge in baskische Gefängnisse, damit sie näher bei ihren Angehörigen sind. Der baskische Ministerpräsident Urkullu ist sich sicher, dass Rajoy für diese Idee „empfänglich“ sei. Das muss sich zeigen.

Auch wenn die ETA mit ihrer Auflösung nun noch einmal internationale Schlagzeilen macht, ist sie für Spanien schon längst Geschichte. Den ganz jungen Basken ist sie so fern wie jungen Deutschen die Berliner Mauer. Eine Erzählung aus vergangenen Zeiten. Um den Inhalt dieser Erzählung wird noch gestritten. Iñigo Urkullu sieht in der ETA „eine Terrororganisation, die Panik vor der Interpretation hat, dass sie zu nichts gut war“.

Die Angst wird von ihren Anhängern geteilt. Sie sind eine Minderheit im Baskenland, aber eine selbstbewusste. Was der baskischen Gesellschaft noch bevorsteht ist das, was man ihre Entetafizierung nennen könnte: den mentalen Abschied von der Heroisierung der Terroristen, ihrer Überhöhung zu Freiheitskämpfern.

Wer weiß, dass diese Heldenerzählung eine falsche ist, sind die Angehörigen der Mordopfer der ETA. Sie sind die wahren Heroen in dieser Geschichte. Jahrzehntelang lebten sie in einem Klima der Angst, jahrzehntelang hielten sie den Mund. Aber sie schweigen schon lange nicht mehr, sie haben mit mutigem Engagement dazu beigetragen, dass die große Mehrheit der Basken heute der ETA keine Träne mehr nachweint. Eine Sache wollen sie noch wissen: wer ihre Nächsten getötet hat. Mehr als 300 Morde sind noch unaufgeklärt. Die ETA verbreitet keine Angst mehr. Aber die Erinnerung an den Schrecken wird für ihre Opfer nicht so schnell verblassen.

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