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Demonstration gegen die türkische Militäroffensive in Berlin.

Türkische Offensive

„Überall sind diese Spannungen zu spüren“

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Der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde, Ali Ertan Toprak, spricht im Interview über die Auswirkungen auf die in Deutschland lebenden Volksgruppen.

Herr Toprak, wie nehmen Sie den Krieg der Türkei gegen die Kurden in Nordsyrien wahr?
Das ist eine schreckliche Situation. Die Kurden sind von der ganzen Welt verlassen worden, obwohl sie im Kampf gegen den IS und für die Verteidigung der Werte der zivilisierten Welt über 11 000 Kämpferinnen und Kämpfer verloren haben. Das befreite Gebiet der Kurden war ein Rückzugsort für alle Minderheiten mit pluralistisch-demokratischen Strukturen. Das wird jetzt alles zerstört. Aus Sicht der Kurden ist das eine Katastrophe.

Was sollten die Europäer und speziell die Bundesregierung tun?
Die EU-Beitrittsverhandlungen müssen endgültig beendet werden. Sämtliche Waffenexporte in die Türkei müssen sofort gestoppt werden. Auch alle wirtschaftlichen Hebel müssen angewendet werden, etwa die Hermes-Bürgschaften der Bundesrepublik. Die Nato-Mitgliedschaft der Türkei muss in dieser Situation ebenfalls infrage gestellt werden.

Ali Ertan Toprak.

Was bedeutet der Krieg für das Verhältnis von Türken und Kurden in Deutschland? Offenbar stehen ja die meisten Türken hinter Erdogan.
Erdogan hat die Türkei in allen Bereichen gleichgeschaltet. 24 Stunden am Tag werden die Menschen in den Medien mit nationalistischer Hetzpropaganda berieselt, auch in Deutschland. Die Ditib-Moscheen hier, die direkt der türkischen Religionsbehörde und damit Erdogan unterstellt sind, tun alles, damit die Türken die nationalistische Politik Erdogans unterstützen. Die Kurden werden sicherlich weiterhin mit demokratischen Mitteln demonstrieren. Aber wir wissen nicht, welche Verbrechen in den nächsten Tagen noch passieren. Und natürlich kann es zu Provokationen kommen. In einigen Städten gab es leider schon die ersten kleineren Ausschreitungen. Wir als Kurdische Gemeinde tun alles, dass es dazu nicht kommt. Der einzige Trost für uns ist die große Solidarität und Unterstützung der deutschen Öffentlichkeit. Die Sympathien sind klar aufseiten der Kurden. Das spüren wir. Und das ist auch Verpflichtung für uns, dass es in Deutschland friedlich bleibt.

Zur Person

Ali Ertan Toprak hält die aktuelle Lage für sehr gefährlich. Der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde war von 2006 bis 2009 Generalsekretär der hiesigen Alevitischen Gemeinde.

Wie ist das Verhältnis zwischen den Volksgruppen im Alltag?
Schlecht. Während wir seit Tagen weinen und für den Frieden beten, beten die Türken in ihren Moscheen für den Krieg. In den sozialen Medien werden die Kurden verhöhnt. Das führt nicht dazu, dass man gut miteinander auskommt. Man begegnet sich überall. Und überall sind diese Spannungen zu spüren. Immerhin leben in Deutschland über 1,2 Millionen Kurden. Mindestens ein Drittel der türkeistämmigen Bevölkerung ist kurdischer Abstammung. Dazu kommen die irakischen, iranischen und syrischen Kurden, die ebenfalls in Deutschland leben. Das ist kein monolithischer Block. Aber in dieser schweren Stunde halten die Kurden zusammen.

Was kann die deutsche Politik tun, um die Konflikte zu dämpfen?
Das ist die nächste Enttäuschung. Während der französische Präsident Emmanuel Macron eine Delegation kurdischer Vertreter empfangen hat, haben wir von der Bundesregierung diesbezüglich wenig mitbekommen. Ich hätte ein Gesprächsangebot erwartet und mehr Unterstützung erhofft. Viele Kurden sind ja auch deutsche Staatsbürger; Deutschland ist ihre neue Heimat. Bisher hatten wir nur auf Staatssekretärsebene Kontakt mit dem Auswärtigen Amt. Dabei müssen wir die Situation im Inland gemeinsam kontrollieren und dafür sorgen, dass die Anspannung nicht explodiert.

Rechnen Sie mit Gewalt in Deutschland?
Ich hoffe nicht. Wir werden alles dafür tun, dass es nicht dazu kommt. Aber je länger es dauert und je brutaler es wird, desto verzweifelter werden die Menschen auch hier.

Interview: Markus Decker

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