Anja Maier schreibt über ihre alte, fremde Heimat.
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Anja Maier schreibt über ihre alte, fremde Heimat.

Lesung

Überall Milchschaum

„Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter“: In Prenzlauer Berg liest Anja Maier aus ihrem Prenzlauer-Berg-Buch

Von Carmen Böker

Dienstagabend, der „Sarrazin vom Prenzlauer Berg“ liest. Als solcher wurde die taz-Journalistin Anja Maier bezeichnet, als sie im November ihr Buch „Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter. Von Edel-Eltern und ihren Bestimmerkindern“ veröffentlichte. Es handelt von Kuriosa wie Babycchino, jenem im Espressotässchen kredenzten Milchschaum, der Kindern suggeriert, dass sie schon genauso schick wie ihre Eltern Kaffee trinken können. Es erzählt von Frauen, die ihr Muttersein wie eine Bugwelle vor sich herschieben, auch ohne Bauch, und von Familien, in denen das spät realisierte Projekt Kind eine Art Götzenanbetung nach sich zieht.

Elternschaft, sagt Maier, zweifache Mutter, bei der Lesung, sei speziell in Prenzlauer Berg ein „geheiligter Zustand, über den niemand lachen darf“. Der Versuch, es nach eigenem Bekunden ironisch anzugehen, wurde vielerorts denn auch nicht unbedingt günstig aufgenommen. Der Vorabdruck in der taz zog mehr als sechshundert Online-Kommentare nach sich; es ereiferte sich in diesem Kapitel, im Wortlaut wiedergegeben, eine Café-Betreiberin über „Muttertiere“, welche sich nicht mehr kämmten und stylten, mit anderen Müttern beim Milchkaffee (einer in drei Stunden!) die Zeit verplemperten und allüberall stillten. Rinder hießen die Mütter in der bösen Litanei, und ihre Brüste wurden zu Eutern. Die Reaktionen waren dementsprechend. Wütend ob der Stereotype oder dumpf begeistert, weil da eine diejenigen attackiert, die übermächtig zu werden scheinen im Bild des Bezirks.

Im Reich der „Ein-Meter-Trolle“

Anja Maier wohnt schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr in Prenzlauer Berg, sondern im Umland, im Landkreis Oberhavel. Zur Recherchezwecken ist sie im Frühjahr 2011 noch einmal für drei Monate in ihre alte Heimat, zurückgekehrt, in ein Zimmer zur Untermiete. Und nun eben noch einmal, auf Einladung der FDP-nahen „Friedrich Naumann Stiftung für die Freiheit“. Sie liest in Prenzlauer Berg über Prenzlauer Berg. Zwar nicht am Kollwitzplatz, den sie sehr treffend als „innerstädtisch gelegene Repräsentationsfläche“ bezeichnet. Auch nicht am Helmholtzplatz, dessen Café Kiezkind eine der maliziösesten Episoden beisteuerte – als Ort, an dem Bionade und Kirschmolke fließen und es dezent nach vollen Windeln sowie ökologisch korrekten Zigaretten duftet. Sondern in der gut im weitläufigen Hof versteckten Aula der GLS-Sprachenschule – aber immerhin an der Kastanienallee, also mittendrin im Reich der „Ein-Meter-Trolle“.

Man hätte nun doch zumindest eine Protest-Phalanx teurer, tarnschwarzer Kinderwagen erwartet, deren blockadebildende Eigenschaften in „Lassen Sie mich durch...“ mehrfach beschrieben werden und in ihrer lästigen Sperrigkeit nur von den überbreiten Transporträdern noch übertroffen werden. Aber weit gefehlt, der Abend bleibt störungsfrei. Die Zuhörerschaft pegelt sich um neunzig ein und nimmt alles interessiert zur Kenntnis. Auch Bemerkungen wie jene von einem weißhaarigen Mann mit Junggebliebenen-Brille. „Eine Frau aus dem Osten“, sagt er bei der anschließenden Diskussion, „kauft sich keinen Buggy für tausend Euro.“ Diese Beobachtung, entgegnet Anja Maier genüsslich, haue ungefähr hin. Ein Ost-West-Buch will sie trotzdem nicht geschrieben haben. Vielleicht ist es eins über Schwaben, die nach Berlin gekommen sind. Oder eins über Gentrifizierung. Oder eins darüber, wie sich die Zugezogenen in der großen Stadt ihre kleine Idylle von daheim nachbauen. Oder eins darüber, dass Frauen, die wie Maier, Jahrgang 1965, im Osten früh ihre Kinder bekommen haben, diese anders zu erziehen pflegen als Frauen, die im Westen spät ihre Kinder bekommen. „Ich glaube an Struktur“, sagt Anja Maier, die die Übergriffe sich frei entfaltender Kinder in Cafés und Restaurants ziemlich wahrheitsgemäß aufgeschrieben hat. Anderes , wie die gallespeiende Wirtin, klingt eher so, als widmete sich ein RTL-Comedian wie Mario Barth „den Frauen“ oder „den Männern“: maximal auf Pointe gebürstet, ideal zum Auf-die-Palme-Bringen.

Und so dienen denn auch die ersten Fragen aus dem Publikum eher einer Auslotung eines etwaigen satirischen Gehaltes. Ob im LPG-Supermarkt die Kinder tatsächlich alle am Boden herumlungerten, will einer aus Wilmersdorf wissen. Nun, natürlich nicht dutzendfach rund um die Uhr. Und ob der Titel des Buches ein Zitat sei? Nein, ausgedacht.

Nach anderthalb Stunden hat niemand mehr Fragen, die Autorin aber noch wenige Exemplare zum Signieren dabei. „Das hier ist meine Ecke“, hat sie gesagt auf die Frage, warum sie das Buch schreiben wollte, „es ist Liebe.“ Fremd werden kann man sich trotzdem.

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