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Die FR will der Selbstinszenierung rechtsextremistischer Täter keine Bühne bieten.

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Wie wir über den rechtsextremen Angriff in Halle berichten - und warum

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Schießerei, Terror, Amoklauf, Massaker: Falsche Begriffe können die Wirklichkeit verzerren, richtige sind umso wichtiger, je unklarer die Faktenlage ist.

„Zwei Tote bei Schießerei auf offener Straße in Halle (Polizei)“: Eine Nachrichtenagentur schickt diese erste Eilmeldung am Mittwoch um 13.11 Uhr auf den Ticker. Da hat die Polizei bereits getwittert: „Wir haben einen Einsatz in #Halle. Nach ersten Erkenntnissen wurden Personen getötet. Wir fahnden mit Hochdruck. Täter flüchtig. Bitte bleiben Sie in Ihren Wohnungen oder suchen Sie sichere Orte auf.“ Nach und nach werden zwar Details bekannt, aber die Lage bleibt über Stunden unübersichtlich. Wie unterscheiden wir gesicherte Fakten von Gerüchten? Was können wir berichten, ohne die Ermittlungen zu behindern und weitere Menschen zu gefährden? 

Wie nennen wir überhaupt das, was in Halle passiert – oder anderswo? Amoklauf? Terror? Anschlag? Attacke?
Massaker? Falsche Begriffe setzen falsche Assoziationsketten in Gang, verzerren die Wirklichkeit. Richtige Begriffe schaffen dagegen Verständnis und Orientierung – und sind umso wichtiger, je unklarer die Faktenlage ist. 

Amoktäter sind häufig psychisch krank

Angriffe sind koordinierte offene Gewaltaktionen einer Gruppe gegen eine andere – mithin also eine militärische Praxis. Attacken sind dem synonym, aber zahlenmäßig geringer – bis hin zu persönlicher Konfrontation. 

Amok ist ursprünglich eine kulturelle Praxis, eine meist religiös motivierte Raserei unter Malaiien, die das Wort dem Kriegsgeschrei indischer Elitesoldaten, der „Amucos“, entlehnten. Amok entwickelte sich zu einem welt- weiten Phänomen, dem zugrunde liegt, dass ein sich ausgegrenzt fühlender Amokläufer (oder -fahrer oder -pilot) aus katastrophal frustriertem Egoismus wahllos Gewalt gegen andere ausübt. Die Täter sind häufig psychisch krank. 

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Terror bezeichnet eine von einer Gruppe geplante, ideologisch motivierte Gewalttat – einen Anschlag – deren Opfer als symbolisch „notwendig“ zur Verdeutlichung eines „größeren“ Konfliktes gesehen werden sollen. Charakteristisch für eine Terrortat ist immer die Ahnungs- und Hilflosigkeit der Opfer. Historische Beispiele sind das Attentat von Sarajewo 1914 und der Bombenanschlag auf das King-David-Hotel in Jerusalem 1948. 

Gibt es mehrere Opfer, spricht man von einem Massaker. Terror soll bei direkt Unbeteiligten immer Horror hervorrufen. Terrortäter werden in der Mythologisierung ihrer Gruppe zu Märtyrern, wenn eine stärkere Macht sie tötet oder festsetzt. Mit Märtyrertum lassen sich in Kreisen außerhalb der Terrorgruppe Sympathien gewinnen. 

Selbstinszenierung rechtsextremistischer Täter keine Bühne bieten

Terror wie in Halle erhält eine neue Qualität dadurch, dass ein Täter, der keiner organisierten Gruppe angehört, gleichwohl aber eine Bezugsgruppe zuvorderst im Internet hat. An sie wendet er sich mit seiner Tat – etwa durch ein Video oder Manifest. 

Die Frankfurter Rundschau bemüht sich in allen Fällen um journalistische Distanz. Insbesondere will sie der Selbstinszenierung rechtsextremistischer Täter keine Bühne bieten. Deshalb haben wir ein zunächst veröffentlichtes Bild des Verdächtigen von Halle schnell wieder zurückgezogen. 

Die Redaktion betont, dass bei all dem unabhängig von der Wortwahl Menschen zu Opfern werden. Ihnen gilt unser ganzes Mitgefühl. 

Nachrichten-Ticker: Alle Entwicklungen und Neuigkeiten zum Anschlag in Halle

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