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Typisch, aber nicht stereotyp

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Von: Jakob Maurer

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Bunte Tupfen leuchteten bei der Konstituierung des kolumbianischen Kongresses in Bogotá zwischen den Reihen dunkler Anzüge. j.p.pino/afp
Bunte Tupfen leuchteten bei der Konstituierung des kolumbianischen Kongresses in Bogotá zwischen den Reihen dunkler Anzüge. j.p.pino/afp © AFP

Das neue kolumbianische Parlament zeigt seine Diversität auch über die Kleidung. Seien es nun die selbstbewussten Indigenen oder die selbstverständlichen LGBTQ+ Menschen.

Als Kolumbiens neuer Kongress erstmals zusammenkommt, spricht die Kleidung Bände. Der Abgeordnete Andrés Cancimance trägt zum schlichten Anzug Pumps, „um für alle LGBTIQ+-Menschen einzutreten, die tagtäglich getötet, vergewaltigt und diskriminiert werden“, wie er später erklärt. Mit dem 35-Jährigen sitzen nun sechs statt wie bislang zwei Geoutete im Parlament.

Catherine Juviano von der Partei Verde, den Grünen, präsentiert am linken Ärmel ihres weißen Kleides den Aufruf „Despertamos“, eingestickt in schwarzen Lettern: „Wir sind aufgewacht“. Damit feiert sie den höheren Frauenanteil in der Volksvertretung: „Auf dass wir jedes Mal mehr Frauen im Kongress sind!“, schreibt sie begleitend auf Twitter, „heute sind es erstmals in der Geschichte 30 Prozent.“ Zuvor waren es nicht einmal 20 Prozent. Und die Senatorin Aída Quilcué verweist mit Strohhut und farbigen Stickereien auf ihre indigene Herkunft. Die seit Jahrzehnten aktive Menschenrechtlerin ist die erste Indigene vom Hochlandvolk der Paez, die dank einer in der Verfassung verankerten Klausel in das Oberhaus einzieht.

Mode wurde an diesem Tag zum politischen Akt. Die Abgeordneten in Ober- und Unterhaus des kolumbianischen Kongresses nutzten sie als Zeichen der neu gewonnenen Vielfalt.

Im deutschen Politik-Betrieb sind solche modischen Statements höchstens von der Bundesversammlung bekannt. Bei Frank-Walter Steinmeiers Wiederwahl zum Bundespräsidenten im Februar setzte etwa die feministische Rapperin Lady Bitch Ray im Brautkleid und mit „No AfD“-Leinentasche ein Zeichen. Das von Bayerns Ministerpräsident Söder zu G7-Anreise von US-Präsident Biden inszenierte bayerische Trachtenspalier machte zwar auch auf indigenes Hochlandvolk – ist jedoch nur schwerlich mit der Symbolkraft des Auftritts der Paez-Abgeordneten in Bogotá zu vergleichen.

Dass die Diversität in Kolumbiens Kongress wenige Wochen vor dem Amtsantritt von Linkspräsident Gustavo Petro derart sichtbar wurde, ist nicht selbstverständlich. Die vergangenen 20 Jahre dominierte der rechtskonservative Uribismo, benannt nach dem früheren und immer noch mächtigen Präsidenten Álvaro Uribe. Die Politik ging oft auf Kosten der Bevölkerung, während sich eine kleine Oberschicht bereicherte.

Doch im Frühjahr holten die links-progressiven Parteien getragen vom Protest und im Windschatten der neuen Leitfigur Petro bei den Parlamentswahlen nie dagewesene Erfolge gegen das neoliberale Establishment: Zum ersten Mal wird die Linke nicht in der Opposition sein und der gewählte Präsident beginnt sein Mandat mit der größten Mehrheit in der Geschichte. Damit sollen Petros Reformen auf den Weg gebracht werden: darunter Sozialprogramme, die Verstaatlichung des Renten- und Gesundheitswesens und bessere öffentliche Bildung.

Die Koalition zeigt sich dabei so bunt wie die Outfits ihrer Abgeordneten. Im Senat sind es acht Gruppierungen, die 63 der 108 Sitzen versammeln. Und im Repräsentantenhaus vereint die Koalition sogar 13 Gruppen für 113 von 188 Sitzen plus den der Indigenen Quilcué.

Eine Figur, die dabei besondere Beachtung findet, ist Cha Dorina Hernández aus der Provinz Bolivar. Die afrokolumbianische Abgeordnete von Petros Pacto Histórico ist die erste Palenquera im Kongress. Palenques wurden die Dörfer genannt, die von entflohenen afrikanischen Sklavinnen und Sklaven im 16. Jahrhundert gegründet wurden. Dort, im Norden Kolumbiens, sprechen Nachfahren bis heute eine Kreolsprache, die jedoch auszusterben droht und 2005 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Cha bedeutet Autorität. Die Frauen der Minderheit werden jedoch zumeist stereotyp mit Rüschenkleid in den kolumbianischen Landesfarben und der Schale einer Obstverkäuferin auf dem Kopf wahrgenommen.

Das will Hernández ändern: „Es ist an der Zeit, Würde für unsere Völker zu erreichen“, sagt die 56-Jährige. Auch sie zählte bei der Konstituierung zu den Abgeordneten mit einer modischen Botschaft. Ihr schwarz-weißes Gewand zeigte afrikanische Drucktechniken, womit sie auf ihre Wurzeln hinwies. Im Kongress will sie sich dafür einsetzen, Rassismus zu bekämpfen und die Lebensbedingungen der Afro-Bevölkerung zu verbessern.

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