1. Startseite
  2. Politik

Elon Musk und Twitter: Eine Chronik des Chaos

Erstellt:

Von: Sebastian Moll

Kommentare

Kurz nach seiner Übernahme des Kurznachrichtendienstes ist der Milliardär auf einem guten Weg, Twitter an die Wand zu fahren.

San Francisco – Die Angestellten von Twitter haben einiges mitgemacht, seit ihr neuer Besitzer vor knapp drei Wochen in das Hauptquartier des Medienkonzerns in San Francisco eingezogen ist: Spontane Massentlassungen, Teil–Wiedereinstellungen und ein beinahe täglicher Wandel der Vorstellung davon, wie das Geschäft eigentlich funktionieren und wie das Produkt aussehen soll.

In dieses Bild passt auch das neueste Mitternachtsmemo von Elon Musk an die Restbelegschaft am vergangenen Mittwoch. Wer weiter bei Twitter bleiben wolle, dekretierte Musk, müsse sich darauf einstellen, „extrem Hardcore“ zu arbeiten. Lange Arbeitszeiten bei hoher Intensität stünden an und wem das nicht passe, der solle sich lieber nach einem anderen Job umsehen. Was folgte, war ein Massenexodus von mehreren hundert Mitarbeitenden, die teilweise für entscheidende Bereiche des Unternehmens verantwortlich waren.

Elon Musk zettelt bei Twitter ein heilloses Chaos an

Seit Elon Musk sich selbst zum „Chief Twit“ gemacht hat, läuft es auf der Plattform nicht mehr rund.
Seit Elon Musk sich selbst zum „Chief Twit“ gemacht hat, läuft es auf der Plattform nicht mehr rund. © afp

Das Memo war ein untrüglicher Beleg dafür, dass bei Twitter die Dinge aus dem Ruder gelaufen sind. Falls es eines solchen Beleges noch bedurft haben sollte. Musk hat ein heilloses Chaos angezettelt, seit er Twitter Ende Oktober für 44 Milliarden US-Dollar eingekauft hat. „Er ist mit vagen Ideen da hineingestürmt, wie die Firma funktionieren soll“, kommentierte die „New York Times“. „Aber er hatte sehr wenig konkrete Vorstellungen davon, wie er genau seine Pläne umsetzen soll.“

David Frum von Atlantic Monthly drückte es drastischer aus. „Twitter stirbt vor unseren Augen und zwar nicht an natürlichen Ursachen. Der gegenwärtige Besitzer Elon Musk tötet das Unternehmen durch sein Ego, seinen Mangel an Selbstdisziplin und seine Impulsivität.“ Es scheint derzeit tatsächlich so, als wäre der Mann, der in seiner einzigartigen Unternehmerkarriere bislang scheinbar unfehlbar erschien, mit Twitter an seine Grenzen geraten.

Twitter-Übernahme durch Elon Musk: Monatelanges Hin und Her

Musk selbst hatte in den vergangenen Monaten bereits geahnt, dass ihm das Schlucken des sozialen Netzwerks nicht gut bekommen würde. Zu Beginn diesen Jahres hatte er begonnen, Anteile an Twitter zu kaufen, mit dem erklärten Ziel, den Kurznachrichtendienst von seinen Zensur-Fesseln zu befreien und wieder zu den idealistischen Ursprüngen zurück zu führen, als das Netzwerk alleine den Nutzer:innen gehörte. Insbesondere die Zugangsbeschneidung von rechten Stimmen, angefangen bei Donald Trump, störten Musk, dem einstigen Linksliberalen, dessen politische Neigungen immer stärker in die entgegengesetzte Richtung driften.

Doch je stärker sich Musk bei Twitter engagierte, desto mehr wurde ihm anscheinend klar, dass es nicht so leicht sein würde, das finanziell stark angeschlagene Unternehmen einfach umzukrempeln. So zog er im Sommer sein Angebot vom April, Twitter für 44 Milliarden zu kaufen, wieder zurück.

Weniger Energie für Tesla und SpaceX: Elon Musk konzentriert sich voll auf Twitter

Doch Twitter ließ ihn nicht so leicht aus der Verantwortung. Man reichte eine Klage auf Erfüllung seines Vertrages ein. Musk zog sich vom Rückzug zurück, bevor es überhaupt zum Prozess kommen konnte. Nun setzte bei Musk ein „Wenn schon, denn schon“ Effekt ein. Er konzentrierte seine unternehmerische Energie, die ihm mit Tesla und SpaceX spektakuläre Erfolge eingebracht hatte, ganz auf Twitter. Doch der Musk-Zauber blieb aus. Denn beim Relaunch eines bestehenden Großunternehmens sind andere Qualitäten gefragt, als bei einem Startup. „Für Startups braucht man autokratische Visionäre, die hart, skrupellos und charismatisch sind“, schrieb der Silicon-Valley-Kenner Vivek Wadhwa in seinem Blog. „Um eine existierende Firma zu managen, braucht man hingegen Reife und Gelassenheit. Man muss bereit sein, zuzuhören und Konsens zu schaffen.“

Geduld, Zuhören, Konsens schaffen – das war ganz eindeutig nicht die Strategie, die Musk für die Übernahme von Twitter wählte. Nur Stunden, nachdem er die 44 Milliarden Dollar für Twitter überwiesen hatte, stapfte Musk theatratlisch mit einem Waschbecken, englisch „sink“, im Arm in das Hauptquartier in Downtown San Francisco. Die Requisite sollte den auf der eigenen Plattform abgesonderten Spruch „Let that sink in“ – Lasst das mal sacken – illustrieren. Ein etwas bemühter Scherz.

Elon Musk wollte bei Twitter der Hälfte der Belegschaft kündigen

Kurz darauf versammelte er die Personalabteilung in einem Konferenzraum, der andeutungsvoll in „War Room“, Kriegsraum, umgetauft worden war. Die Belegschaft müsse sofort um die Hälfte gekürzt werden, forderte er, Boni, die am 1. November fällig waren, würden nicht mehr gezahlt.

Auf die Warnungen seiner Gegenüber, die Klageflut der entlassenen Mitarbeitenden würde ihn teurer zu stehen kommen als die Boni, wollte er zunächst nicht hören. Doch als sie ihm zwei Tage später harte Zahlen präsentierten, änderte er seine Meinung. Den Chefbuchhalter, der ihm die Zahlen vorgelegt hatte, feuerte er allerdings.

Twitters Werbekunden wenden sich von Elon Musk ab

Am nächsten Tag traf sich Musk mit großen Werbekunden. In den Tagen zuvor hatte er viele der Zugangsbeschränkungen des Dienstes sowie Anstands- und Mäßigungsregeln aufgehoben. Nun war man in der Werbebranche verunsichert. Musks Vorschlag, den Nutzer:innen selbst gewählte Filter anzubieten, vermochte sie nicht zu beschwichtigen, zumal ihre vertrauten Kontaktleute bei Twitter kurz zuvor gekündigt hatten. Großkunden wie VW, General Motors und United Airlines legten ihre Beziehungen zu Twitter erst einmal auf Eis.

Als dann der 1. November verstrich, kamen die Entlassungen doch noch. Und sie hätten chaotischer und brutaler nicht sein können. Musk kündigte in einer E-Mail in der Nacht zum 4. November die Entlassungswelle an. Die zum Abschuss frei gegebenen Bediensteten wurden sofort und ohne Vorwarnung aus dem internen Kommunikationsnetzwerk ausgeschlossen, ihre Mailkonten umgehend gekündigt. Es war das Gegenteil des Verfahrens, das Personalberater:innen empfehlen und führte zu massiver Verunsicherung all derer, die das Blutbad überlebt hatten.

Elon Musk richtet bei der Verifikation auf Twitter Chaos an

Mit Musks ersten Versuchen, das Produkt Twitter neu zu positionieren, lief es nicht viel besser. Am 9. November führte er die Option ein, für acht Dollar einen „verifizierten“ Status zu erwerben. Wirklich verifiziert wurde jedoch nur, ob man acht Dollar übrig hat. Sofort wurde der Dienst mit neuen Accounts überflutet, die mit falschen Identitäten Schindluder trieben. Ein vermeintlicher, aber verifizierter Tony Blair erinnerte sich nostalgisch daran, wie es war, gemeinsam mit George W. Bush Irakis abzuschlachten. Joe Biden ließ man über Masturbation plaudern. Und Musks eigene Firma Tesla wurde mit Äußerungen parodiert, das Elektro-Automobil sei der „beste fahrende Sprengstoff auf dem Markt.“

Kurz darauf nahm Twitters Chef für „Vertrauen und Sicherheit,“ Yoel Roth, ein jahrelanger Garant für Seriosität, seinen Hut. Die Werbekunden waren noch verwirrter als zuvor.

Twitters Neustart nach Übernahme durch Elon Musk hätte nicht schlechter laufen können

Schlechter hätte der Neustart für Twitter nicht laufen können. Und mittlerweile spricht Musk selbst von einer „extrem angespannten finanziellen Lage“. Nicht einmal eine Insolvenz schließt er mehr aus.

Langjährige Beobachter:innen von Musk sind zutiefst enttäuscht. „Natürlich ist Twitter, so wie die anderen sozialen Netzwerke, zur Zeit unter Druck“, sagt die Technologie-Journalistin Kara Swisher, die Musk seit seinen Anfängen als junger Silicon-Valley-Unternehmer begleitet. „Aber ich habe gedacht, wenn einer das Ruder herum reißen kann, dann ist es Elon.“

Hybris, Narzissmus und Fiesheit: Vernichtende Urteile über Elon Musk

Doch Musk steht sich mittlerweile, davon ist auch Swisher überzeugt, mit seiner eigenen Hybris im Weg. „Der Narzissmus, die Fiesheit, die er bei Twitter an den Tag legt“, so Swisher, „das ist neu. Ich möchte ihm immer sagen, Elon, du bist besser.“ Doch auch mit Swisher redet er nicht mehr, er hat den Kontakt abgebrochen, nachdem sie ihn kritisiert hatte. Das Letzte, was sie von ihm hörte, war eine einzeilige E-Mail, in der stand: „Du bist ein Arschloch.“

Musk hätte laut Swisher und anderen von Anfang an vieles anders machen können bei Twitter. Er hätte Geschäftsführer:innen mit signifikanter Branchenerfahrung anheuern und auf sie hören können. Er hätte sich bei Twitter erstmal umschauen und mit Leuten reden können, bevor er die Hälfte des Teams entlässt. Und er hätte es von Anfang an unterlassen sollen, auf seinem eigenen Twitter-Konto wild um sich zu schlagen und andere Nutzer:innen zu beleidigen.

Elon Musk hat den Bezug zur Realität verloren und hält sich für unfehlbar

Doch Musk ist in einen Bereich entschwebt, in dem er sich für omnipotent und unfehlbar hält. „Er hat auch niemanden mehr um sich herum, der ihm die Meinung sagt“, meint Swisher und scheut in dieser Hinsicht auch nicht den Vergleich zu Donald Trump.

Zu diesem Eindruck, dass Musk zunehmend irdischen Realitäten entschwebt wie eine seiner SpaceX-Raketen, passt das Gerichtsverfahren, das in dieser Woche gegen ihn in San Francisco anläuft. Tesla-Aktionär:innen verklagen ihn, weil er sich selbst mit 56 Milliarden Dollar eine absurd hohe Prämie aus dem Unternehmen ausbezahlt hat. Die Zahlen, die der Berechnung dieser Kompensation zugrunde liegen, heißt es, seien, vorsichtig ausgedrückt, optimistisch gewesen.

Ist dies also der Anfang des Untergangs von Elon Musk, der Beginn eines Abrutschens in Isolation und Verarmung? Kara Swisher glaubt das nicht. „Soziale Netzwerke kommen und gehen“, sagt sie. Selbst wenn Musk Twitter an die Wand fahren sollte, wird die Episode rasch vergessen werden. Tesla und SpaceX hingegen bleiben: „Er bleibt einer der wichtigsten Denker im Silicon Valley.“ Ein klein wenig mehr Demut würde ihm jedoch gut tun. Und vielleicht lernt er die ja bei Twitter. (Sebastian Moll)

Auch interessant

Kommentare