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Plötzliche Kritik im Staats-TV an Putin und Militär: „Westen fängt an, über uns zu lachen“

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Von: Tim Vincent Dicke

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TV-Mann Wladimir Solowjow
TV-Mann Wladimir Solowjow ist ein enger Vertrauter Putins. Nun hat er das russische Militär kritisiert. (Archivbild) © Komsomolskaya Pravda/imago

Das Staatsfernsehen in Russland ist nicht für Kritik am Kreml bekannt. Doch der Verlauf des Ukraine-Kriegs bringt nun auch dort Misstöne hervor.

Moskau – Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine läuft für Wladimir Putin weiterhin schlecht. Das ukrainische Militär vermeldet fast täglich neue Gebietsgewinne, die russischen Streitkräfte verzeichnen derweil schwere Verluste. Mehr und mehr steht der Kreml-Chef unter Druck – jetzt wird auch Kritik im Staatsfernsehen laut.

So wütete Wladimir Solowjow in seiner TV-Show am Donnerstag (29. September): „Der ganze Westen fängt an, über uns zu lachen.“ Der 58-Jährige gilt als einer der bekanntesten Propaganist:innen der russischen Staatsführung. Die TV-Sendung von ihm läuft auf Rossija 1 (zu Deutsch: Russland 1), Millionen schauen zu, wenn er Tiraden gegen den Westen, die Ukraine oder die politische Gegnerschaft des Kremls loslässt.

„Wirklich besorgniserregender“ Stand des Ukraine-Krieges

Solowjow sprach von einem „wirklich besorgniserregenden“ Stand des Krieges. Bei ihrer Gegenoffensive konnte die Ukraine kürzlich die strategisch wichtige Stadt Lyman zurückerobern. Auch in anderen Regionen drohen den russischen Truppen Debakel. Zuletzt berichteten Separatisten, dass sich ukrainische Soldaten in der Nähe der Großstadt Lyssytschansk festgesetzt hätten.

„Ich habe eine große Bitte an unsere Armee: Bitte fangt an, nach den Regeln zu kämpfen, so wie ihr es könnt, so wie es euch beigebracht wurde. Lasst uns anfangen, neue befreite Gebiete zu verkünden. Was braucht ihr dafür? 300.000 sind mobilisiert worden.“ Putin hatte in einer TV-Ansprache vor zwei Wochen eine Teilmobilmachung angekündigt, bei der Hunderttausende Männer eingezogen werden sollen.

Solowjow sprach sich dafür aus, dass weniger Menschen aus den entlegenen Regionen Russlands mobilisiert werden. Die westliche Berichterstattung darüber, dass Russland vor allem Männer ethnischer Minderheiten in den Ukraine-Konflikt schickt, helfe den „Feinden“, sagte der TV-Mann. „Wir sollten zum Beispiel die Völker des hohen Nordens, gefährdete Bevölkerungsgruppen und kleine ethnische Gruppen berücksichtigen und die Anzahl der mobilisierten Menschen in einem angemessenen Verhältnis dazu halten“, sagte Solowjow.

News zum Ukraine-Krieg: Kritik in Russland an Putins Annexionen

Auch im staatlichen Polit-Talk von Andrej Norkin wetterte ein Studiogast gegen die Führung im Kreml. „Ich kann mich nicht an einen Präzedenzfall in der Weltgeschichte erinnern, bei dem Gebiete, die wir nicht einmal kontrollieren, dem Land einverleibt wurden“, sagte er. Personen, die mit Leichtigkeit über die Befreiung der annektierten Gebiete sprechen würden, seien „Träumer, die in ihrer eigenen Welt leben“.

„Es ist ein bisschen wild, darüber zu schwadronieren, wie wir Saporischschja mit 710.000 Einwohnern befreien werden. Fragen Sie irgendjemanden hier, zum Beispiel in der Maske: Ich denke, jeder wird ehrlich zugeben, dass er nicht weiß, ob die Mobilmachung uns helfen wird oder nicht“, fügte der Gast hinzu. „Bis jetzt läuft es nicht so gut.“

Saporischschja ist neben Cherson, Luhansk und Donezk eine von vier ukrainischen Gebieten, die Russland sich völkerrechtswidrig aneignen will. Wladimir Putin hatte den Anschluss an die Russische Föderation am Freitag (30. September) feierlich verkündet. Der Landraub ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass die Kreml-Truppen weite Teil der annektierten Regionen nicht kontrollieren. (tvd)

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