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„Alles schwierig“: Russlands Staats-TV bereitet Publikum auf Cherson-Verlust vor

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Von: Tim Vincent Dicke

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Russlands Staats-TV spricht über eine drohende Niederlage in Cherson. Im Ukraine-Krieg seien derzeit keine „guten Nachrichten“ zu erwarten.

Moskau – Das Staatsfernsehen in Russland bereitet die Zuschauerschaft offenbar auf den Gebietsverlust der ukrainischen Stadt Cherson vor. „In Cherson ist alles schwierig“, heißt es beim kremltreuen TV-Sender Rossija 1. Sollten die russischen Streitkräfte die Stadt tatsächlich verlieren, wäre das für Präsident Wladimir Putin ein herber Rückschlag im Ukraine-Konflikt.

In der Sendung 60 Minuten auf dem staatlichen Kanal Rossija 1 lud Moderatorin Olga Skabejewa den pro-russischen Militär-Korrespondenten Alexander Kots ein. Er arbeitet für die Zeitung Komsomolskaja Prawda, betreibt zudem einen eigenen Telegram-Kanal, in dem er über den Ukraine-Krieg berichtet. „Worauf müssen wir uns vorbereiten? Womit müssen wir rechnen?“, fragt die Moderatorin Kots in ihrer Sendung. „Warum haben wir beschlossen, die Menschen von dort wegzubringen?“ Russland hatte zuvor angekündigt, die Zivilbevölkerung aufgrund der anrollenden ukrainischen Gegenoffensive zu evakuieren.

News zum Ukraine-Krieg: Russlands Staats-TV beklagt Situation in Cherson

Korrespondent Kots erklärt, dass sich Russland um das Leben der Menschen in der Stadt Sorgen mache. „Häuser und Wohnungen können neu gebaut werden. Die Einwohner von Mariupol können das bestätigen. Wir erinnern uns an schwierige Schlachten in dieser Stadt. Heute entstehen dort neue Stadtteile“, so Kots. Die russische Armee hatte Mariupol im Frühjahr massiv bombardiert, ein Großteil der Gebäude in der Hafenstadt wurde komplett zerstört.

Russlands Staats-TV
In Russlands Staats-TV bereitet man die Bevölkerung auf einen Verlust der ukrainischen Stadt Cherson vor. © Maksim Blinov/imago

In Cherson sei die Situation „sehr hart“, führt der regierungstreue Publizist weiter aus. „In all diesen Monaten hat die ukrainische Seite systematisch daran gearbeitet, unsere Streitkräfte von den Nachschubwegen abzuschneiden, und zwar im Bereich des Nowa-Kachowka-Staudamms und im Bereich der Antonowsky-Brücke.“

News zum Ukraine-Krieg: Keine „guten Nachrichten“ für Russland

Kots gibt außerdem zu, dass die Belieferung mit Ausrüstung und Kriegsgerät in der Region stark zurückgegangen ist. „Das macht es für die russischen Truppen schwierig, zumal wir auf der anderen Seite der Frontlinie mit sehr starken Kräften konfrontiert sind.“ Seinen Angaben zufolge würden die ukrainischen Streitkräfte in manchen Regionen viermal so viele Truppen haben. Westliche Waffen wie der US-Mehrfachraketenwerfer HIMARS erschwerten die Lage an der Front zusätzlich, erläutert der Korrespondent.

„Niemand behauptet, dass wir den Plan haben, Cherson aufzugeben. Wir werden wahrscheinlich planen, es zu verteidigen“, sagt Kots. Trotzdem erklärt er in der TV-Show, er glaube nicht, dass es in den nächsten zwei Monaten „gute Nachrichten“ für Russland aus der Ukraine geben werde.

News zum Ukraine-Krieg: „Wut und Enttäuschung erfüllen das Studio“

Ein Ausschnitt der TV-Sendung wurde von der Journalistin Julia Davis auf Twitter hochgeladen und mehr als eine Million Mal angeklickt. Die Gründerin des Blogs Russian Media Monitor schreibt auf dem Kurznachrichtendienst: „Wut und Enttäuschung erfüllen das Studio, da die Zuschauer auf den Verlust von Cherson und anderen Gebieten vorbereitet werden.“

Moderatorin Olga Skabejewa zeigt sich am Ende des Videos frustriert. „Das Problem ist, dass wir uns wirklich im Krieg mit der Nato befinden“, klagt die Fernsehpersönlichkeit. „Warum haben wir uns nicht auf diese Entwicklung vorbereitet, als wir mit unseren militärischen Aktionen begonnen haben?“ Sie könne nicht verstehen, warum die russische Führung gedacht habe, der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj würde sofort flüchten und die Nato nicht eingreifen. Erst kürzlich hatte der bekannte russische TV-Host Wladimir Solowjow aufgrund des westlichen Verteidigungsbündnisses geschimpft. „Es ist klar, dass wir gegen die Nato kämpfen. Außerdem ist die Nato dort mit ihrer vollen Größe präsent“, sagte er in einer Sendung. (tvd)

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