Tod in Tuschino

Von den Attentaten auf das Moskauer Rockkonzert erfahren viele Besucher erst auf dem Heimweg

Von Florian Hassel (Moskau)

Es war ein Tag, wie ihn Moskau seit Wochen nicht gesehen hatte. Den ganzen Juni und die ersten Julitage schnatterten die Einwohner der russischen Hauptstadt unter Kälte und Regen. Doch als am Samstagmorgen Kassen und Tore zum 4. Open-Air-Rockfestivals Kryla ("Flügel") öffneten, freuten sich die Organisatoren über einen wolkenlosen Himmel und ein glänzendes Geschäft. Bei gut dreißig Grad waren 40 000 Rockfans auf den Moskauer Militärflughafen Tuschino gekommen, um für nur umgerechnet fünf Euro Eintritt zwanzig der bekanntesten russischen Bands und Popstars zu hören. Noch Stunden nach Konzertbeginn drängelten sich Tausende von Zuhörern vor den Eingängen. Während drinnen Zehntausende tanzten, zerrissen draußen zwei Explosionen die Luft. Um 14.30 Uhr zündete die erste Attentäterin vor einem Eingang ihren Sprenggürtel, der aber nicht vollständig explodierte. Der Polizei zufolge wurden drei Zuschauer leicht verletzt, noch kam niemand ums Leben - außer der Attentäterin selbst. Tödlicher war das fünfzehn Minuten später folgende Attentat. Eine zweite Frau zündete die umgeschnürte Bombe an den Kassen. Mit ihr starben elf Rockfans an Ort und Stelle, zwei weitere erlagen ihren Verletzungen in Moskauer Kliniken. Am Sonntag rangen die Ärzte um das Leben weiterer Schwerverletzter.

Ob die beiden jungen Frauen geplant hatten, auf das Konzertgelände vorzudringen, ist fraglich. Großveranstaltungen werden in Russland nicht erst seit den jüngsten Anschlägen mit mehreren Sicherheitskorridoren abgesperrt und von hunderten Wachleuten kontrolliert. Bei Leibesvisitationen am Eingang werden selbst Plastikflaschen konfisziert. Die beiden jungen Frauen hatten kaum eine Chance, mit dem um ihren Körper gebundenen Gürtel aus Sprengstoff, Nägeln und Schrauben durch die Kontrolle zu gelangen. Russische Fernsehsender zeigten Amateuraufnahmen der Minuten nach den Anschlägen: ein Mädchen auf einem Bordstein sitzend, das weiße T-Shirt mit Blut überspritzt. Ein junger Mann beim Versuch, sich die blutüberströmten Füße zu waschen. Leichen, die in Plastiksäcke gesteckt und davongetragen werden.

Die meisten Rockfans auf dem Konzertgelände erfuhren von der Tragödie am Eingang erst auf dem Heimweg. Das Festival ging weiter, als ob nichts geschehen wäre. Die Moderatoren auf der Bühne verschwiegen die Anschläge; die Polizei ließ Mobilfunknetze unterbrechen. Mit der Entscheidung, das Konzert nicht abzubrechen, wollten der zum Tatort geeilte Innenminister Boris Gryslow und Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow offenbar eine Massenpanik und Ausschreitungen verhindern.

Die 19-Jährige Anastasija Gorbunowo zweifelte später nicht daran, dass mit dem Attentat der Krieg in Tschetschenien nach Moskau zurückgekehrt ist. "Es ist ein zweites ,Nordost‘, ein weiterer Terroranschlag in der Mitte von Moskau", sagte sie einer US-Reporterin und nahm damit auf die Geiselnahme Bezug, bei der Ende Oktober 2002 in einem Moskauer Theater 129 Geiseln und sämtliche tschetschenischen Geiselnehmer ums Leben gekommen waren. Seit diesem Geiseldrama sind allein bei vier spektakulären Kamikaze- Attentaten in oder bei Tschetschenien fast 170 Menschen gestorben. Russische Todesschwadronen ermorden ihrerseits jeden Monat dutzende tschetschenische Zivilisten. Nach dem Anschlag in Tuschino identifizierte die Polizei die Attentäterin anhand eines bei ihr gefundenen Passes als die 20-jährige Sulichan Lichadschijewa aus dem tschetschenischen Dorf Kurtschaloi. Der Sender NTW meldete, Aussagen von Nachbarn zufolge habe die angehende Medizinerin vor einem halben Jahr das Dorf verlassen und sei womöglich zu ihrem kämpfenden Bruder in die Berge gegangen.

In Interviews mit dem Radiosender Echo Moskaus und der Internetzeitung gazeta.ru sagte Achmed Sakajew, Bevollmächtigter des tschetschenischen Noch- Präsidenten Aslan Maschadow, die "Führung Tschetscheniens" habe mit dem Anschlag nichts zu tun. "Wir wissen, dass solche Aktionen nur unserer Sache schaden." Die Lage sei außer Kontrolle. Und: "Was muss ein 20-jähriges Mädchen erlebt haben, um so weit zu kommen." Sakajew schloss nicht aus, dass sich der radikale Rebellenkommandeur Schamil Bassajew zum Moskauer Anschlag bekennen werde. Bassajew stimme seine Handlungen nicht mit Maschadow ab, sagte Sakajew.

Russlands Innenminister Gryslow sagte, das Attentat erfolge kaum zufällig einen Tag nachdem Präsident Putin in Tschetschenien Präsidentschaftswahlen für den 5. Oktober angesetzt habe. Sergej Mironow, Putin-Vertrauter und Chef der oberen Parlamentskammer, sagte, mit dem Anschlag wolle der "internationale Terrorismus" die "Friedensbemühungen" Moskaus sabotieren. Der Parlamentarier Boris Nemzow hielt dagegen: "Die tschetschenische Tragödie ist nicht geregelt, sondern in die Ecke gestellt worden."

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