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Tino Chrupalla ist Weidels und Gaulands Favorit.

AfD-Parteitag

Turbulenter Parteitag: Wer drängt an die AfD-Spitze?

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Beim Parteitag in Braunschweig sucht die AfD einen Nachfolger für Seniorchef Gauland. Das Bewerberfeld ist komplex, Hinterzimmer-Absprachen könnten zerplatzen. Und auch ein Antisemit mischt mit. Ein Überblick über die wichtigsten Kandidaten und Strömungen.

Alexander Gauland: Der Über-Opa
AfD-Chef Gauland verlässt mit knapp 79 Jahren die Parteiführung - eher unwillig als begeistert, genau wie er vor zwei Jahren das Amt angetreten hat. 2017 in Hannover rettete Gauland die Partei aus einer Notlage, als die Überraschungskandidatin Doris von Sayn-Wittgenstein fast gegen den Plan des Partei-Establishments Vorsitzende geworden wäre. In Rente gehen wird der AfD-Senior frühestens 2021: Als Fraktionsvorsitzender ist er wiedergewählt, in Braunschweig soll er zudem Ehrenvorsitzender werden. Das gibt ihm alle Möglichkeiten, die Partei weiter zu beeinflussen. Und das wird er umso stärker tun, je schwächer die wahrscheinlichen Parteichefs Jörg Meuthen und Tino Chrupalla sind. Und vielleicht wagt er wieder den Überraschungscoup: Gauland hält sich immer noch offen, zu kandidieren, wenn kein Kandidat die Mehrheit bekommt.

Tino Chrupalla: Der machtbewusste Malermeister
Chrupalla ist Fraktionsvize in Berlin und designierter Nachfolger Gaulands. Der 44-Jährige aus der Oberlausitz ist Weidels und Gaulands Favorit. Er ist zudem ein Kompromisskandidat: Nach den Wahlerfolgen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen drängen die Ost-Verbände auf mehr Einfluss im Bundesvorstand. Die prominentesten Vertreter – Björn Höcke aus Thüringen und Andreas Kalbitz aus Brandenburg – sind aber noch nicht vermittelbar für die Spitze. Chrupalla hingegen fühlt sich dem radikalen „Flügel“ verpflichtet, ohne selbst dazuzugehören. Als Selbständiger, der seinen eigenen Malerbetrieb mit sieben Angestellten aufgebaut hat (sein Schwager führt die Firma fort), wäre er auch für die Marktliberalen wählbar. Im Gegensatz zu Höcke und Kalbitz ist er „echter Ossi“. Er schwärmt von seiner glücklichen Kindheit in der DDR, kennt aber auch die Schattenseiten: Etliche Familienmitglieder stellten Ausreiseanträge, die Verbliebenen wurden entsprechend stigmatisiert. Der Sachse muss mit mindestens zwei Gegenkandidaten rechnen.

Gottfried Curio: Der Solokünstler
Der habilitierte Physiker und studierte Kirchenmusiker ist in der Partei das, was man ein „one trick pony“ nennt – er hat eine herausragende Fähigkeit: Curio kann eine rhetorisch brillante und inhaltlich scharfe Rede zur inneren Sicherheit halten, mit der er sowohl im Bundestag als auch in den Wahlkämpfen des Sommers auffiel. Curio warnt vor der „Selbstauflösung Deutschlands“ und nutzt gerne rechtsextreme Begriffe wie „Umvolkung“, was in der AfD immer besser ankommt. Chrupalla hingegen ist kein großer Redner, er wird von vielen in der Partei auch für „nicht talkshowtauglich“ gehalten. Curio wiederum gilt als verschrobener Einzelgänger, mit dem keine Absprachen möglich sind. Er konkurriert vermutlich gegen Chrupalla und die niedersächsische Landeschefin Dana Guth um die Gauland-Nachfolge, die auf die Stimmen der „Gemäßigten“ hofft. Denn viele, gerade im Westen, lehnen Chrupalla als Kandidaten des „Flügels“ ab.

Jörg Meuthen: Der Geschwächte
Meuthen will Parteichef bleiben, muss aber mit Gegenwind rechnen. 2017 in Hannover wurde er ohne Gegenkandidaten gewählt, weil er die Partei nach dem Abgang Frauke Petrys zusammenhielt. Diesmal muss er mit mehreren Gegner rechnen. Seine Spendenaffäre um illegale Wahlkampfkostenunterstützung ist noch nicht ausgestanden. Die Verhandlung über eine Klage der AfD gegen die Bundestagsverwaltung vor dem Verwaltungsgericht Berlin wurde auf Antrag der Partei auf Januar verschoben - so kommt die Spendensache nicht vor dem Parteitag in die Schlagzeilen. Meuthen wird Untätigkeit bei der strategischen Ausrichtung der Partei vorgeworfen. Mit dem „Flügel“ hat er es sich verscherzt, nachdem er in Baden-Württemberg die ganz radikalen Teile des Landesverbandes offen attackierte. Auch das mäßige Ergebnis als Europawahl-Spitzenkandidat mit elf Prozent hat ihn geschwächt. Gegen Meuthen wird wahrscheinlich die rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst antreten – und vermutlich auch der niedersächsische Ex-Landeschef Armin-Paul Hampel. Höchst hat ihre Kandidatur für den Vorstand öffentlich erklärt, Hampel intern beim Landeskonvent in Niedersachsen. Beide setzen auf „Flügel“-Stimmen und andere Unzufriedene und könnten Meuthen zumindest schwächen.

Alice Weidel: Die Karrierefrau
Weidel kandidiert auf den ersten Stellvertreterposten und hofft, nach der Bundestagswahl 2021 die Partei unter ihre Kontrolle zu bringen - ein aktuelles Porträt lesen Sie hier.

Georg Padzerski: Der Offizier im Rückzugsgefecht
Pazderskis Sprung an die Parteispitze ging vor zwei Jahren schief. Gegen die Überraschungskandidatin Doris von Sayn-Wittgenstein erreichte er nur ein Patt, dann zog er für Gauland zurück. Seitdem gilt der Ex-Nato-Offizier und Berliner Landesvorsitzende als angeschlagen. In immer neuen Strategiepapieren fordert er, die AfD realpolitisch aufzustellen und zur CDU koalitionsfähig zu machen. In seinem allerneuesten Papier fordert er nun von der CDU, sich stärker auf die AfD zuzubewegen und dort rechtsextreme Tendenzen zu verhindern: „Warum traut sich die CDU nicht zu, gegebenenfalls das bei der AfD zu verhindern, was sie für zu weit rechts hält?“, fragt er. Das wirft die Gegenfrage auf, ob Padzerski inzwischen davon ausgeht, dass die AfD dazu selber auf keinen Fall in der Lage ist. Er wird wieder für einen Vizeposten kandidieren und hofft auf die Stimmen derjenigen, die seinen Abwehrkampf gegen Björn Höckes „Flügel“ unterstützen.

Andreas Kalbitz: Ein Mann für gewisse Stunden
Björn Höcke wird sich nicht für den Bundesvorstand bewerben, dafür hat der radikale „Flügel“ einen anderen Frontmann: Andreas Kalbitz aus Brandenburg hält sich als eigentlicher Strippenzieher in der AfD in den Kulissen bereit und wartet auf seine Stunde. Der 47-Jährige wird nach einer Reihe von Enthüllungen aus seiner rechtsextremen Vergangenheit von immer mehr Parteimitgliedern als Risikofaktor wahrgenommen. Er wird Beisitzer im Bundesvorstand bleiben wollen – und sich für eine Zukunft bereithalten, in der seine Vergangenheit nicht mehr schadet.

Wolfgang Gedeon: Der Antisemit
Er ist der böse Geist der AfD: Gegen Gedeon läuft ein Parteiausschlussverfahren wegen antisemitischer Aussagen, aus der Fraktion ist er bereits geflogen und sitzt als fraktionsloser Abgeordneter im Landtag Baden-Württemberg. Auch er will in Braunschweig die Bühne einer Bewerbung als Bundesvorsitzender nutzen. In seinem Bewerbungsschreiben fordert er: „Schöpfen wir unsere verbliebene Freiheit voll aus! Wenn wir das, was wir noch sagen dürfen, jetzt nicht sagen, dürfen wir es bald nicht mehr sagen.“ Er greift die Parteispitze auch in eigener Sache an: „Es ist skandalös, wenn der Bundesvorstand durch Parteiausschluss-Verfahren und andere Ordnungsmaßnahmen systematisch versucht, den innerparteilichen Meinungskampf zu seinen Gunsten zu steuern.“

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