+
Mohammed Bouazizi wurde zur Idolfigur für tunesische Demonstranten, die dem Aufbruch den Weg bereiteten.

Arabischer Frühling

Tunesien im verflixten siebten Jahr

  • schließen

Das Land, von dem 2010 der Arabische Frühling ausging, hat die Erwartungen des Westens enttäuscht.

Tunesiens verflixtes siebtes Jahr ist überstanden. Am Sonntag jährt sich der Schicksalstag der arabischen Welt, jener 17. Dezember 2010, an dem sich der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi im Örtchen Sidi Bouzid mit Benzin übergoss und anzündete. Sein Tod erschütterte Tunesien und anschließend den gesamten Orient.

Sieben Jahre später ist der Mittelmeeranrainer der einzige unter den einstigen Frühlingsstaaten, der nicht in eine neue Diktatur oder gar in einen Bürgerkrieg abgerutscht ist. Trotzdem ist die Lage im Land ernüchternd. Tunesien hängt am Tropf internationaler Geldgeber, während weder seine politische Klasse noch seine Bevölkerung motiviert scheinen, das Nötige zu tun, um Tunesien aus seiner politischen und ökonomischen Misere herauszuarbeiten.

Das Reformtempo geht gegen null. Die Kommunalwahlen, eigentlich das Herzstück von Bürgerbeteiligung, werden immer wieder verschoben. Ideenlosigkeit und Desinteresse, Missmut und Frustration prägen den Alltag. 78 Prozent der elf Millionen Einwohner sehen nach jüngsten Umfragen ihre Nation auf dem falschen Weg. Und manches erinnert an die West-Berliner Mentalität nach dem Mauerfall, als man dort meinte, mit Meckern und Handaufhalten ließe sich die neue Zukunft schon meistern.

In Tunesien will sich kaum noch jemand anstrengen

Natürlich brauchen fundamentale Umbrüche einer Gesellschaft Zeit, bis sie Früchte tragen. In Tunesien jedoch will sich kaum noch jemand wirklich anstrengen, damit die eigene Heimat als Demokratie, als Wirtschaft und als Staat Erfolg hat.

Der Bürgersinn ist ähnlich schwach entwickelt wie im Rest der arabischen Welt. Arbeitslose lungern zu Zehntausenden auf den Straßen und in den Cafés herum und rufen nach dem Staat. Gleichzeitig vermitteln Arbeit-Habende allzu oft den Eindruck, wie sehr sie es als Zumutung empfinden, auf solche Weise ihren Lebensunterhalt verdienen zu müssen.

Obendrein leistet sich Tunesien einen der üppigsten Beamtenapparate auf dem Globus, obwohl ein Drittel des Staatshaushaltes ungedeckt ist. Beim Müßiggang im öffentlichen Dienst spielt das Land in der gleichen Liga wie die superreichen Ölstaaten am Golf, nur dass sein Boden keine sagenhaften Mengen Rohöl, sondern nur Datteln, Orangen und Oliven hergibt.

Trotzdem plakatieren sich die Erben Karthagos in Europa und bei den internationalen Institutionen als das leuchtende arabische Vorbild, das den Sprung zur Demokratie tatsächlich geschafft hat und überdies einen toleranten Islam praktiziert. Unschöne Dinge werden dabei gerne unter den Tisch gekehrt. Kein Volk der Welt hatte – gemessen an seiner Größe – mehr Leute beim „Islamischen Staat“ als die Tunesier. Nicht-Muslime dürfen tunesische Moscheen nicht betreten; eine Haltung der Intoleranz, obwohl das Land jeden Touristen dringend braucht.

Der Unmut in Europa wächst

Noch aber funktioniert das tunesische Geschäftsmodell. Westliche NGOs und zahlungswillige Stiftungen aller Herren Länder treten sich gegenseitig auf die Füße. Und Tunesiens politische Führung geht fest davon aus, dass die internationalen Geldgeber die Haushaltslöcher immer wieder stopfen und wohlwollend darüber hinwegsehen werden, wenn ihr arabischer Liebling seine Reformpflichten ignoriert.

Doch der Unmut wächst. Der Internationale Währungsfond, der bereits zwei Milliarden Euro überwiesen hat, ließ jetzt mitteilen, man habe mit den Verantwortlichen ungeschminkte Gespräche über die erheblichen Reformverzögerungen geführt. Deutschland, pro Jahr mit fast 300 Millionen Euro dabei, verknüpft dies inzwischen ebenfalls mit der leisen Mahnung, Solidarität sei keine Einbahnstraße.

Noch kann sich Tunesien auf ein breites politisches Wohlwollen in Europa stützen. Doch auch die Geduld des Westens könnte sich früher oder später erschöpfen und andere dringendere Finanznöte im Nahen Osten auftauchen – etwa wenn Syrien für die fünf Millionen Flüchtlinge wieder aufgebaut werden muss oder wenn der Krieg im Jemen endet. Dann hat Tunesien seine Zeit gehabt – und sie viel zu wenig genutzt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion