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26 Bewerber gibt es um Tunesiens Präsidentsessel.

Präsidentenwahl

In Tunesien tobt der Kampf ums höchste Amt im Staat

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Am Sonntag wählen die Tunesier ihren Präsidenten neu. Das ist eine der wenigen Errungenschaften des Arabischen Frühlings. Mancher aber will die Diktatur zurück.

Langsam verlöscht das Licht. Die Gespräche im Kongresssaal des Fünf-Sterne-Hotels Laico in Tunis verstummen. Der Hauptdarsteller betritt die Bühne, die Finger der rechten Hand zum Victory-Zeichen gespreizt, der Hemdkragen ist offen, die Ärmel sind hochgekrempelt, Sakko und Krawatte abgelegt. Kein Rednerpult, kein Manuskript, das Mikro am Ohr befestigt – beide Hände gestikulieren frei, und dennoch wirkt jede Bewegung von Youssef Chahed einstudiert und antrainiert. Der massige Mann mit der sonoren Bassstimme ist keiner, der einen Saal begeistern, seine Zuhörer von den Sitzen reißen kann. Drei Jahre war er Premierminister Tunesiens, der jüngste in der Geschichte des Landes, aber auch derjenige, der sich nach dem Arabischen Frühling 2011 am längsten halten konnte. Jetzt will der 43-Jährige ganz nach oben – auf den Präsidentenstuhl.

Die nächste Dreiviertelstunde folgt ihm ein Scheinwerferkegel auf jeden Schritt und Tritt. Chahed redet von seinem „pragmatischen Traum“ für ein Tunesien, in das Touristen gerne reisen, in dem die Bürger sich sicher fühlen und gut leben, eine Nation mit weniger Bürokratie und weniger rigiden Vorschriften. Doch der Weg dahin ist dornig und lang, auch unter seiner Regie ging es nur in Trippelschritten voran. Um den Traum zu realisieren, brauche es „Willen, Beharrlichkeit und Geduld“. Auf seinen Plakaten posiert der Agraringenieur vor saftig-grünen Landschaften und einem Feld aus Sonnenkollektoren. „Ich vertraue ihm, er ist jung, dynamisch und ein fähiger Mann“, quittiert ein älterer Mann im Saal den Auftritt.

In Tunesien tobt der Kampf um das höchste Amt im Staat

Ganze zwölf Tage dauert Tunesiens Kampf für das höchste Amt im Staat. 26 Kandidaten treten an, darunter zwei Frauen. Gut sieben Millionen Menschen sind zur Wahl aufgerufen am Sonntag. Wahrscheinlich fällt die Entscheidung erst in der zweiten Runde unter den beiden Bestplatzierten.

„Ich habe saubere Hände, bei mir werden sie nichts finden“, beteuert Youssef Chahed, der seinen Steuerbescheid über 34 000 Euro ins Netz stellte und die Tunesier beschwört, „bitte keine Korrupten zu wählen“. Das galt vor allem dem Medienmogul Nabil Karoui. Seit Monaten liegt der in den Umfragen vorn. Kurz vor Beginn des Wahlkampfes wurde Karoui aber urplötzlich verhaftet wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche. Seine Kampagne muss er seitdem aus der Gefängniszelle dirigieren.

Wahlkampf in Tunesien: Populist mit guten Chancen

Nicht nur Karouis Anhänger sind überzeugt, dass Chahed hinter der dubiosen Aktion steckt, um seinen charismatischen Rivalen mundtot zu machen. Und so könnte die Konfrontation zwischen der Staatsmacht und ihrem unkonventionellen Medien-Herausforderer zu einer gefährlichen Zerreißprobe für die fragile Demokratie werden. Denn der Populist Karoui hat trotz Haft und Handschellen reelle Chancen, in den Präsidentenpalast einzuziehen. Seit dem Frühjahr inszeniert er sich als Volkstribun, Anwalt der Vergessenen und Seelsorger der Nation. Seine Kampagne generierte eine Serie professionell gemachter Videoclips – mit dem Fundus kann der Häftling nun jeden Tag via Facebook weiter punkten. „Sie haben einen speziellen Platz in meinem Herzen“, umgarnt er eine Gruppe Landfrauen mit gegerbten Gesichtern, bunten Kopftüchern und gestickten Roben. Von einem Schmied lässt er sich dessen Tagewerk erklären und schlürft in Großaufnahme in einem abgewetzten Café Espresso. Viele Arme im Zentrum und im Süden des Landes verehren ihn wie ihren Erlöser. Seine Kritiker dagegen sehen in ihm nur einen, der die sozial Schwachen für die eigene Karriere ausnutzt.

Tunesien: Die Wiege des Arabischen Frühlings steckt in einem dreifachen Dilemma

Auf andere Art volksnah gibt sich Abdelfattah Mourou, indem er stets in traditioneller Jebba-Robe und mit der weiß-roten Kopfbedeckung eines Islamgelehrten auftritt. „Wählt den Kompetentesten. Für ein besseres Tunesien“ steht auf seinen Plakaten, von denen er eines in dem ärmlichen Medina-Bezirk Bab Souika, wo er aufwuchs, eigenhändig an eine Mauer leimt. „Ich bin einer von euch, ich esse wie ihr, ich schlafe wie ihr und ich hatte das gleiche miserable Leben wie ihr“, sagt er zu Umstehenden bei einem Gang durch das heruntergekommene Trabantenviertel Ettadhamen im Norden von Tunis. Bei der dreitägigen Marathon-Fernsehdebatte aller Kandidaten, einer viel gepriesenen Premiere für die gesamte arabische Welt, gab er sich dagegen ganz staatsmännisch, überparteilich und als Vater der Nation, der die Tunesier zusammenhalten will.

Tunesien: Säkulare gegen Islamisten

Für Abir Moussi, eine der beiden Kandidatinnen, ist das alles Camouflage, um die Bevölkerung zu täuschen. Die ehemalige Funktionärin der 2011 aufgelösten Einheitspartei von Diktator Ben Ali setzt auf klare Kante. Die Anwältin hofft, von der Angst vor einer schleichenden Islamisierung zu profitieren und von einer Sehnsucht zurück zu straffen Verhältnissen. Ihr „großer Führer“ ist Staatsgründer Habib Bourguiba. „Ich bin die Enkelin von Bourguiba“, ruft sie im Sportzentrum von La Goulette, dem alten Fischer- und Hafenviertel von Tunis. In der Menge sind auffallend viele jüngere Frauen und ältere Männer. „Abir, das Volk steht hinter dir“, feiern sie die 44-Jährige. Sie wirbt für die Trennung von Politik und Religion sowie für einen starken Staat, um die Islamisten von Ennahda in Schach zu halten, deren Partei sie lieber heute als morgen verboten sehen möchte. „Was nützt die Meinungsfreiheit, wenn ansonsten alles drunter und drüber geht“, ruft sie hinein in den frenetischen Beifall.

Eine von ihnen ist Sallouha Cherif, obwohl sie sich mit streng-schwarzen Gesichtsschleier verhüllt. Sie arbeitet als Sekretärin in einem Krankenhaus. „2011 war ein riesengroßer Fehler für Tunesien“, sagt sie und sträubt sich vehement, den Sturz von Ben Ali als Arabischen Frühling zu bezeichnen. Damals sei die Lage im Land um Welten besser gewesen als heute, sagt die 40-Jährige. Gegen die islamische Ennahda-Partei, die sie „Verführer der Jugend“ nennt, hegt sie ein abgrundtiefes Misstrauen. Und damit ihr achtjähriger Sohn „durch solche Leute nicht auf Abwege gerät“, wie sie sagt, will sie ihre Stimme Abir Moussi geben.

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