Zehn Prozent der türkischen Wirtschaftsleistung hängen vom Tourismus ab.
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Zehn Prozent der türkischen Wirtschaftsleistung hängen vom Tourismus ab.

Türkei

Mit TÜV-Tests in den Urlaub

  • vonGerd Höhler
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Das Land will die Saison 2020 retten und bereitet sich akribisch auf die Ankunft von Touristen vor.

Noch sind die Strände an der türkischen Riviera und an der Ägäisküste fast menschenleer, die Flughäfen verwaist, die Hotels geschlossen. Aber die Türkei meldet Erfolge bei der Bekämpfung der Corona-Epidemie. Im Juli sollen die ersten Touristen anreisen.

Mehmet Nuri Ersoy verbringt dieser Tage viel Zeit am Telefon. Mitte Mai hat der türkische Tourismusminister bereits an seine Amtskollegen in den wichtigsten Herkunftsländern der Türkei-Urlauber Briefe verschickt, mit denen er für das Reiseziel Türkei wirbt. Nun wollen Ersoy und der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu in Telefonaten mit ihren ausländischen Kollegen über Verfahren beraten, wie die Urlaubsflüge zwischen diesen Ländern und der Türkei wieder aufgenommen werden können. „Telefondiplomatie“ nennt Ersoy das. Die Regierung in Ankara glaubt, die Corona-Epidemie inzwischen im Griff zu haben. In der Türkei sind bis zum Wochenende 4308 Menschen an Covid-19 gestorben. Das entspricht 53 Sterbefällen pro Million Einwohner. In Deutschland beträgt die Quote 101, in Österreich 72, in der Schweiz sogar 222. Die Kurve der neu gemeldeten Fälle sinkt in der Türkei seit Mitte April. „Wir sind auf einem guten Weg“, twitterte Gesundheitsminister Fahrettin Koca am Wochenende.

Viele Urlauber können es kaum erwarten, wieder die Türkei zu besuchen. Aber sie müssen sich noch gedulden: Das Land ist längst noch nicht zur Normalität zurückgekehrt. Seit dem vergangenen Samstag gilt wieder eine landesweite Ausgangssperre. Sie wird erst in der Nacht zum Mittwoch aufgehoben. Damit will die Regierung die traditionellen Familienbesuche und Ausflüge über die Bayram-Feiertage zum Ende des Fastenmonats Ramadan unterbinden. Die Fluggesellschaft Turkish Airlines hat gerade ihren Stopp für internationale Flüge bis zum 10. Juni verlängert. Für Deutsche gilt überdies bis mindestens Mitte Juni die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amts. Erst wenn sie aufgehoben ist, wird es wieder Flüge in die Türkei geben.

Unklar ist, unter welchen Bedingungen der Türkei-Urlaub dann stattfinden kann. Wahrscheinlich müssen sich ausländische Touristen bei der Ankunft an den türkischen Flughäfen Corona-Tests unterziehen. Die Urlauber brauchen das Ergebnis zwar am Airport nicht abzuwarten. Lästig ist die Prozedur trotzdem. Fällt ein Test positiv aus, werden die Gäste in ihren Hotels ausfindig gemacht und müssen in Quarantäne. Für die Hotels, die Strände und die Busunternehmen hat die Regierung detaillierte Hygieneprotokolle und Abstandsregeln entwickelt. Das Regelwerk umfasst nicht weniger als 132 Punkte. Um Vertrauen bei Reisenden zu schaffen, will die Türkei den TÜV an den Zertifizierungsverfahren und an der Überwachung der Vorschriften beteiligen.

Für die Türkei ist es wichtig, die Reisesaison 2020 wenigstens zum Teil zu retten. Der Tourismus trägt zehn Prozent zur Wirtschaftsleistung bei und sichert 2,6 Millionen Arbeitsplätze. Die Deviseneinnahmen aus dem Fremdenverkehr, 34,5 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr, sind ein wichtiger Posten in der türkischen Leistungsbilanz. Aber selbst wenn ab Juli der Tourismus wieder anläuft, wird 2020 kein gutes Jahr. Experten erwarten, dass die Tourismuseinnahmen um 60 bis 70 Prozent zurückgehen werden.

„Wir müssen realistisch sein, es wird ein mühsamer Neustart“, sagt Erkan Yagci, Präsident des Hoteliers- und Tourismusverbandes Aktob. „Wenn im Juli jedes zweite Hotel öffnet, wäre das schon ein großer Erfolg“, sagt der Verbandsfunktionär. Branchenexperten erwarten, dass der Reiseverkehr erst im September wieder in Schwung kommt – vorausgesetzt, die Situation normalisiert sich bis dahin weiter.

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