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Die bemalte Henna-Hand mit der türkischen Flagge ist Meral Akseners Symbol.
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Die bemalte Henna-Hand mit der türkischen Flagge ist Meral Akseners Symbol.

Meral Aksener

Die türkische Marine Le Pen

  • Frank Nordhausen
    vonFrank Nordhausen
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Die Rechtsnationale Meral Aksener ist das wichtigste Gesicht der Nein-Kampagne. Seit ihrem Ausschluss aus der MHP wirbt die 61-Jährige gegen die Verfassungsänderung und muss dabei allerlei Schikanen erdulden.

Die Herausforderung ist weiblich, selbstbewusst, nationalistisch. Mit vielem hatte der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan gerechnet, aber nicht damit, dass ihm ausgerechnet eine Frau den Sieg kosten könnte. Doch je näher die Ziellinie im Wahlkampf für das Verfassungsreferendum in der Türkei rückt, desto stärker scheint sie zu werden: Meral Aksener, eine 61-jährige rechtsnationale Hardlinerin, die in Erdogans eigenem Lager wildert. Die verheiratete Mutter eines Kindes ist eine mit allen Intrigen Ankaras vertraute, durch jahrzehntelange Kämpfe gestählte Politikerin. „Für die Zukunft unseres Landes sagen wir Nein“, lautet der Slogan, mit dem sie gegen Erdogans Pläne einer exekutiven Präsidentschaft mobil macht.

Damit ist Aksener in kürzester Zeit zum vielleicht wichtigsten Gesicht der Nein-Kampagne geworden, die von der sozialdemokratischen Oppositionspartei CHP über die prokurdische HDP bis zu islamistischen Gruppierungen reicht. Unter ihnen sticht diese in Kostüm mit Bluse, Perlenkette und Halstuch gekleidete Politikerin hervor. Sie repräsentiert ein breites Spektrum rechter Wähler, das sowohl Ultranationalisten wie fromme Muslime und moderate Konservative umfasst, also exakt die Wählerbasis der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP und deren derzeitigen Verbündeten, der nationalistischen MHP, der kleinsten Oppositionspartei im Parlament. Aksener wird bereits als „türkische Marine Le Pen“ gehandelt.

Ihr Markenzeichen ist Härte

Nicht zuletzt deswegen sind sie und ihre Verbündeten im Wahlkampf zahlreichen Störungen und Attacken ausgesetzt. Als die Politikerin im Februar im westtürkischen Canakkale auftrat, drehte man ihr den Strom ab. Sie schnappte sich ein Megafon und hielt ihre Rede, während die Zuhörer mit ihren Handys für Licht sorgten. In ihrer Heimatstadt Izmit nahe Istanbul attackierte ein Mob ihre Versammlung, sie sprach weiter. Im zentralanatolischen Nigde verbot ihr der Gouverneur unter Berufung auf den geltenden Ausnahmezustand den Auftritt, aber sie kümmerte sich nicht darum und erklärte Hunderten Anhängern, warum die Verfassungsänderungen die Demokratie und den Staat gefährdeten. In der Ägäismetropole Izmir bejubelten sie Zehntausende. Kein anderer Oppositionspolitiker der Türkei mit Ausnahme des inhaftierten HDP-Chefs Selahattin Demirtas verfügt über ein vergleichbares Charisma.

Ihr Markenzeichen ist Härte. Schon als Studentin soll Aksener linke Kommilitoninnen zusammen mit Gesinnungsgenossen verprügelt haben. In der von Männern dominierten Politik hat die promovierte Sozialwissenschaftlerin seit Beginn ihrer politischen Karriere Standvermögen bewiesen. 1995 als Mitglied der nationalistischen Partei des Rechten Wegs erstmals ins Parlament in Ankara gewählt, wurde die damals 40-Jährige ein Jahr später auf dem Höhepunkt des Kampfes gegen die kurdische Untergrundorganisation PKK für acht Monate erster weiblicher Innenminister der Türkei im Kabinett des Islamisten Necmettin Erbakan. Im Amt duldete und deckte sie extreme Grausamkeiten des Geheimdienstes und Morde des „tiefen Staates“ an Oppositionellen.

2001 trat sie in die MHP ein und vertrat diese seit 2007 als Parlamentsabgeordnete, bis der Parteichef Devlet Bahceli – ein Veteran der rechten politischen Gewalt der 1970er Jahre – sie im September 2016 ausschließen ließ, weil sie eine parteiinterne Dissidentengruppe anführte und ihn offen um den Parteivorsitz herausforderte. Ihr Widerstand gewann an Kraft, als der Chef der MHP sich nach dem versuchten Putsch überraschend mit Erdogan verbündete und seine Fraktion das Verfassungsreferendum mehrheitlich mitbeschloss. Ohne diese Unterstützung hätte die regierende AKP nicht über genug Stimmen verfügt.

Meral Aksener stellte sich sofort auf die Seite der Nein-Sager. Die MHP hat das tief gespalten. 80 Prozent ihrer Wähler würden für Nein stimmen, behauptet Aksener. Die Angriffe auf sie und ihre Kampagne dürften auch deshalb so massiv sein, weil sie immer öfter als Anführerin einer neuen Mitte-Rechts-Partei genannt wird, die die Wähler der MHP mit Unzufriedenen aus der AKP vereinen könnte. Ganz in der Tradition des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk steht Aksener für starken Nationalismus und parlamentarische Demokratie, lehnt jedoch politische Zugeständnisse an die Kurden strikt ab. Sie würde „das Rückgrat des Terrorismus in sechs Monaten brechen“, sagte sie.

Viele Anhänger nennen sie ehrfurchtsvoll „Asena“ – der Name einer Wölfin in der ältesten türkischen Mythologie, die als Retterin des türkischen Volkes gilt. Ihr ist es gelungen, neben dem etablierten „Wolfsgruß“ der Nationalisten eine neue Geste einzuführen, die sich millionenfach im Internet verbreitete und mit Aksener identifiziert wird. Bei ihren überfüllten Veranstaltungen zeigt sie ihre Handfläche, auf die sie mit Henna die türkische Flagge mit Halbmond und Stern gemalt hat. Henna ist in ganz Anatolien ein Symbol der Unschuld, Hingabe und des Neubeginns. „Erdogan und die AKP sind zum Ein-Mann-Staat geworden, den sie einst so sehr hassten und bekämpften“, ruft sie bei ihren Auftritten. „Wenn sie ihn so sehr liebten, warum haben sie ihn dann all die Jahre attackiert?“

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